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Der Israelit · 1898-09-29 · Heft 77-78 (29.9.1898) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 77-78 (29.9.1898)
Date
1898-09-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1432 freilich eine andere Frage, denn der Administrator muß nicht nur sein Fach verstehen, sondern Spanisch sprechen, den Jargon reden, den Charakter und die Gewohnheiten der Kolonisten gründlich kennen, über die Wirthschasttichen Verhältnisse Argentiniens unter richtet sein und die moralische Herrschaft über diese Elemente behaupten, die wohl gewohnt waren, sich vor Jedem zu beugen, in der neuen Heimath aber keine Autorität gern anerkennen. Wenn wir nun aus dem heutigen Zustande dieser ganz besonderen, einzig dastehenden Kolonie auf die Zukunft schließen sollen, so kann man mit Sicherheit behaupten, daß bei einigermaßen günstigen Verhältnissen die Zukunft der Kolonisten gesichert er scheint. Werden die Heuschrecken verschwinden und keine Elementarunfälle eintreten, so wird der Kolonist selbst bei mittlerer Ernte im Stande sein, die Amortisation zu leisten, insbesondere wenn die Schuldenlast späterhin noch einmal reduzirt wird. In der Erde selbst — welche ganz außerordentlich gut ist und insbesondere in Entre-Rios zu den besten des Landes gehört — liegen Reichthümer begraben und wenn die jüngere Generation heranwächst, für diesen Beruf Liebe hat und diesen auch versteht, dann wird auf diesen Feldern ein neues, herrliches Leben erblühen. Die Hoffnungen sind berechtigt, welche man dieser schönen Zukunft entgegenbringt, denn heute wissen die Alten schon zu pflügen, zu säen, zu ernten und zu dreschen, reiten zu Pferde, bauen sich ihre Hütten und handhaben ihre Maschinen. Die Jungen find schon halb und halb Argentinier, sprechen spanisch und vergessen das häßliche Kauderwelsch ihrer Eltern. Man kann, so schließt der „Pester Lloyd", dem wir diesen so sehr interessanten Bericht entnehmen, mit Interesse die Entwickelung dieses Gemeinwesens verfolgen, in welchem bis heute Jedermann dasselbe Vermögen besitzt und dieselben Lasten trägt. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen O e ft e r r.- U n g a r. Monarchie. Wien, 25. Sept. (Die Trauer derJuden um denTodderKaiserinvon Oesterreich.) Die edelste der Fürstinnen, die je Habsburg's Krone zierte, siel erdolcht von der Hand eines zum Thiere herabgesunkenen Menschen. Die Gemahlin eines der glorreichsten Fürsten, war dem Stahle eines Mörders zum Opfer gefallen, obzwar sie, die Einfachheit und Zurückgezogenheit selbst, sich allen Einflusses aus die Staatsgeschäfte entzog. Im Jahre des Jubels wird Kaiser Franz Joseph seine Lebensgefährtin, die ihm 44 Jahre treu zur Seite war, entrissen. Mrt diesem hochherzigen Mo- 1 narchen, „dem nichts erspart bleibt", trauern alle Völker Oesterreichs-Ungarn, um die mit besonderem Seelenadel ausgezeichnete Fürstin. Vor der Tragik dieses göttlichen Verhängnisses verstummt jeder Raffen- und Klassenkampf und alle Völker schaaren sich unl den greisen Monarchen, durch Beweise ihrer Treue, Anhänglichkeit und wärmste Antheilnahme Balsam auf die so klaffende Wunde träufeln. Haben alle Volksstämme sich der Gunst des Herrschers zu erfreuen, so sind es besonders die Juden, die von Sr. Majestät durch 50 Jahre mit Zeichen des Wohlwollens überhäuft werden. Somit darf nicht Wunder nehmen, daß die Judenheit der Monarchie überall in imposanier Weise Trauerkundgebungen veranstaltete. Auf das Centrum der im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder, die Residenz der Habsburger, concentrirten sich die Hauptkundgebungen. Am 19. d. M. fanden in allen Gemeinden- und Vereinsbet - Häusern Trauergottesdienste verbunden mit der den: Ernste des Falles angemessenen Predigten statt. In beiden Haupttempeln waren nicht nur Glaubensgenossen, sondern auch hohe Staatsbeamte zu sehen. Im Stadttempel hielt Oberrabbiner Güdemann, im Tempel der Leopoldstadt Rabbiner Dr. Schmidt die Trauerrede. Im Bethause des Talmud-Thora-Vereins, Malzgasse, hielt Herr Rabbiner Kramer eine ergreifende Ansprache. Im sechsten Bezirk waren Dr. Taglicht, im neunten Dr. Gelbhaus, im achtzehnten Gemeinde-Rabbiner Wilhelm Sor die Trauerredner. Von allen Reden nur einen Auszug zu geben, wäre weit über den Raum Ihrer werthen Zeitung reichend. Doch will ich Ihnen in Kürze die Worte des Ihrem geschätzten Leserkreise in religiöser Gesinnung am nahestehendsten Rabbiners S. Fürst, des Bethausvereins „Adaß Israel", Schiffgasse, wiedergeben. Schon am ersten Rosch Haschonoh-Tage hielt er, soweit es das Religionsgesetz, das jeden Ausdruck der Trauer an dem Festtage verbietet, gestattet, im Anschluß an das Kaisergebet eine Seelenandacht ab. Am 3. Tischri, dem jüdischen Nationalfasttage, sprach er in seiner Trauerrede von dem Schmerz, den ganz Israel noch heute empfindet, daß ein Mann wie Gedalja, durch Seeteugröße ausgezeichnet, nur ein Opfer seines Ranges, eines Statthalters Israels, geworden. Auch unsere Landesmutter, die eine schlichte Frau war, wurde nur deßhalb ein Objekt des Hasses einer Hnänc in Menschengestalt, weil ihr Haupt mit einer Krone geschmückt war, nwn -'Rt r6iy •’ir Ihr Jdeenkreis weit erhaben über den Klaffenhaß, war von der Engherzigkeit des confessionellen Vorurtheiles nicht befangen, und darum konnte nur ein sich selbst aus der gesellschaftlichen Klasse Ausschlicßender es übers Herz bringen, gegen eine Frau, die Niemanden was zu Leide gethan, den Dolch zu zucken. Wie bei dem Morde des Gedalja, der den letzten Ueberrest weltlicher Macht 3

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