Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 70 (5.9.1898)
- Date
- 1898-09-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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staurant geplündert. Die Polizei und Gendarmerie waren genöthigt einzuschreiten, um etwaigen Plünderungen vorzubeugen. Auf diese Vorfälle hin sahen sich die Handelsleute gezwungen, ihre Geschäfte zu schließen. Bald nachdem der Generalgouverneur seinen Einzug gehalten hatte und das Militär sich anschickte in die Kasernen zurückzukehren, wollte sich Mor Rägis mit einer Schaar seiner Anhänger den Weg durch die Menge bahnen, wobei es zu einer Schlägerei kam und mehrere Frauen umgeworfen und getreten wurden. Gegen sieben Uhr Abends versuchten die Manifestanten das Casö de la Bourse aus der Place du Gouvernement zu erstürmen, wurden aber von der Polizei zerstreut. Eine zweite Bande hielt die Trambahnwagen auf, um sich zu überzeugen, daß sich keine Juden darin befanden. Im Ganzen wurden sieben Personen verhaftet. > Personalien. Weilburg a. vahn. Herrn Synagogenrath D. Dreysus und seiner (Gemahlin wurde die Ecntenarmedaitle verliehen. Herr Drcyfus ist bereits im Besitze des Kioucnordens 4 Klasse. Feuilleton. —verkauft. K --— Eine Erzählung a u *3 Ungar u. 6) Von Samuel B. Rosrier. „Soll ich nicht um den Arzt gehen?" fragte Rüben mit kaum hörbarer Stimme. Dina ließ sich an seiner Seite nieder und legte ihm liebevoll die Hand aufs Haupt. „Närrchen Du", sprach sie mit heroischer Selbstbeherrschung, „warum bist Tu gleich so verzagt? Der gute Gott wird uns unser Kleinod geschenkt lassen, mir sagt das mein Herz. Es ist nicht möglich — —". Die Bewegtheit übermannte sie dennoch und sie mußte innchaltcn. Er aber legte den schweren Kopf an ihre Schulter und brach in ein wildes Schluchzen aus, tvelches seinen ganzen Körper erschütterte. „Warum weint Papa?" fragte das Kind. Ihre Stimme klang merkwürdig Heller, reiner als früher. „Siehst Du," sprach Dina tröstend, „cs ist auch schon besser —" Auch Rüben hatte die Veränderung wahrgcnommen. Aufhorchend hielt er inne im Schluchzen unb eilte zum Kinde hin. Die Verzweiflung, welcher er sich hingegeben, hatte sich mit einer Art betäubendem Drucke auf sein Geistesleben gelegt, welchen nun der erste, zaghaft aufdämmernde Hoffnungsschimmer löste, eine furchtbare Gemüthsfluthung iu ihm erweckend. Nachdem er sich über das Kind gebeugt und mit zuckenden Lippen einen Kuß aus dessen Haupt gedrückt, eilte er aus dem Zimmer hinaus in das uncrleuchtete Nebengemach. Dort die Hände hoch zum Himmel emporstreckend, drang sein Blick durchs Fenster zum Sternenhimmel hinauf. In seiner Seelcnnoth suchte er dort zwischen den Sternen die Gottheit, die Allmacht. Kein Wort verließ seine Lippen, nur Gedanken entströmten seinem Hirn, beschwörende, flehende, hilfesuchende Gedanken und suchten den Weg zum Throne Gottes . . . Er wußte nicht, wie lange er so dagestanden, als ihn die Stimme seiner Frau weckte. „Das Kind verlangt nach Dir," sprach sic, die Thüre leicht öffnend. Er erhob sich und wieder beschlich ihn jene scheue Furcht vor dem Krankenzimmer, als er den Fuß über dessen Schwelle setzte. Er trocknete rasch die Thränensvur und trat zum Kinde hin. „Was wünschest Du mein Kind," fragte er, sich auf den Leisten des Bettes niederlassend. „Du sollst bei mir bleiben, Väterchen," sprach sic und schlang ihre Aermchen um seinen Hals. „Warum hast Du denn geweint? Mir ist ja nichts." „Es soll Dir auch nichts sein, mein Augapfel." Die Srimme des Kindes war wieder etwas heller geworden. Seitdem ein leiser Hoffnungsschimmer zu seinem Gcmüth Zutritt gesunden, vermochte er wieder zu denken; nun erst vergegenwärtigten sich ihm ganz die furchtbaren Folgen eines Verlustes des Kindes. Die Zukunft verwandelte sich ihm zu einem leeren, finsteren Nichts. „Das Kind ist nicht da, und ich, was soll aus mir werden?" Diese biblischen Worte, die so schrecklich auf seine eigene Lage paßten, klangen ihm plötzlich durch den Sinn. Aber ist es denn möglich?- Durfte denn er, der in der Ueberzcugung einer göttlichen Weltordnung lebte, von dieser eine solche grausame Ungerechtigkeit voraussetzen? Nachdem das Schicksal seinem im Grunde genommen so armen Leben in dem Kinde eine Mittelpunkt gewährt hatte, mit welchem seine Seele im Laufe der Zeit mit allen Fasern der Liebe und Hoffnung so eng zusammenwuchs, durfte es ihm dieses sein Alles wieder rauben, ihn elender machen, als er je zuvor gewesen? - Und doch — seine Gedanken stockten .... die breite Straße, die das Schicksal zieht, tauchte vor seinem Blick auf, bedeckt von dem Blute, von den Leichen der Unschuldigen und von den Triumphbögen der Ruchlosen. Wer darf es wagen, die Erscheinungen des Lebens nach den Gesetzen menschlichen Begriffsvermögens beurtheilen zu wollen? Strotzt nicht ein