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Der Israelit · 1898-09-05 · Heft 70 (5.9.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 70 (5.9.1898)
Date
1898-09-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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-■-•rww’rv'' ' 1290 ner beraubt hatten. Aus Spanien und Portugal flüchteten die Bekenner des Judenthums in das Land, das den Tyrannen ihrer Heimath gedemüthigt hatte. Nachdem im Jahre 1580 Portugal von Philipp II. annectirt worden, verfuhr dieser gegen die Anhänger des Judenthums mit derselben grausamen Strenge, wie in seinen Erblanden. Längst schon hatte kein Jude mehr gewagt, sich öffentlich zur Religion seiner Väter zu bekennen; aber die Glaubensdespotie Philippsll. beruhigte sich nicht bei dem bloßen Verbote, sie spürte durch die Helfershelfer der Inquisition die verborgensten Schlupfwinkel auf, in denen jüdische Relrgionsgebräuche geübt wurden und überlieferte die Entdeckten, ohne Unterschied des Alters und des Geschlechtes, zu Hunderten dem Scheiterhaufen. Unter solchen Umständen scheuten die Juden der iberischen Halbinsel keine Gefahr, um zu entkommen und in irgend einem Winkel der Erde Freiheit und Duldung zu suchen. Ein beherztes portugiesisches Weib, Mayor Rodrieguez, schickte sich mit ihrem Gatten, Gaspar Lopez Homem, ihren Söhnen, Manuel und Antonio Lopez Pereira, uno ihren Töchtern, Mariam Nunes und Justa Lopez Pereira, im Jahre 1590 zur Auswanderung an. Das Gefckwisterpaar Manuel und die durch Schönheit ausgezeichnete Mariam schifften sich mit ihrem Oheim Miguel Lopez und einem Freunde der Familie, Jacob Tirado ein. Unterwegs wurden sie von einem englichen Schiffe, das Jagd auf die spanisch-portugiesische Flagge machte, gekapert und als Gefangene nach Low don geführt. Die Schönheit Mariams bezauberte den Kapitän des Schiffes, einen englischen Herzog, so sehr, daß er um ihre Hand anhielt. Das Verhältniß der schönen Portugiesin zu dem Herzog kam auch der Königin Elisabeth zu Ohren, welche Miriam zu sich kommen ließ und sie mit Auszeichnung behandelte; sie nahm sie in ihren Wagen und fuhr mit ihr durch die Straßen der großen Hauptstadt, um den Bewohnern den Anblick dieser strahlenden Schönheit zu gewähren. (Es ist diese Auszeichnung um so bemerkenswerther, als das Weib Elisabeth, so stolz auch die Königin in ihr war, nicht ganz frei von der weiblichen Schwäche der Eifersucht war, wie ja auch dieses kleinliche Motiv Mitursache zu dem tragischen Ende der schönen Marie Stuart gewesen sein soll.) Mariam kümmerte sich aber wenig um diese Ehrenbezeugungen, sie hatte kein Ohr für die ehrenvolle Anträge des Herzogs, für die inständigen Bitten der Majestät.' sie flehte um ihre Freiheit. Mariam Nunes Pereira verließ England und setzte mit ihren Verwandten die Reise nach Holland fort. Einige Jahre später kam auch ihre Mutter mit den übrigen Geschwistern ihr nach; ihrem Beispiele folgte bald eine nicht unbeträchtliche Anzahl spanischer und portugiesischer „Maranen" (so nannte man die Abkömmlinge des jüdischen Stammes, die äußerlich, durch das Staatsgesetz gezwungen, den Gebräuchen des katholischen Chriftenthums sich anbeguemten). Die günstigen Nachrichten, die von den angesiedelten Maranen auf heimlichen Wegen nach Spanien und Portugal gelangten, lockten immer mehr zur Auswanderung, unb Amsterdam wurde der Sammelplatz der gebildetsten und reichsten unter den portugiesischen Juden. Philipp II. erlebte es noch, daß die beiden Volksstämme, die er am blutigsten gehaßt und verfolgt hatte, die Niederländer und die Juden, sich zum Verderben seiner Schöpfungen gewissermaßen die Hand reichten, denn der Staat Holland hatte seinen Nutzen von den portugiesischen Juden. Er war früher in seinen materiellen Beziehungen zu keinem nachhaltigen Aufschwünge gelangt; blühender Handel und Luxus waren nur im Süden, im eigentlichen Flandern heimisch; die Abgeordneten der Nordstaaten dagegen pflegten zu den Versammlungen unter Wilhelm von Oranien ihr Schwarzbrod und ihren Käse mitzubringen. So waren denn die Kapitalien, welche die Maranen allmählich nach Amsterdam brachten, sehr willkommen und kamen dem ganzen Lande zu statten. Erst dadurch war-.n die Holländer im Stande, den Grund zu ihrer Größe zu legen, indem sie den indischen Handel den mit Spanien in einer Mißehe verbundenen Portugiesen entrissen. Die Kapitalien der Maranen haben ohne Zweifel die Gründung der großen überseeischen Gesellschaften und die Ausrüstung von Handelserpeditionen erst ermöglicht; sie waren, wie der portugiesische Rabbiner Menasse ben Israel in seiner Zuschrift au den Protektor Eromwell hervorhob, bei diesen Unternehmungen vorwiegend betheiligt. Auch durch die Verbindungen welche die portugiesischen Juden mit heimlichen Glaubensgenossen in den indischen Besitzungen der Portugiesen unterhielten, wurden die Unternehmungen der Holländer gefördert. So konnte Amsterdam bald die Juden, welche Reichthnmer und Weltkenntniß dahin verpflanzt hatten, nicht mehr entbehren. Die veralteten Vorurtbcile gegen sie schwanden daher im näheren Verkehr mit ihnen immer mehr; denn die eingcwanderten Juden verriethen durch ihre gebildete Sprache, ihre Haltung und Manieren nicht, daß sie einem unterdrückten Volksstamme angchörten. Sie traten vielmehr durchweg als Gelehrte oder Edelleute aus und wurden dcßhalb auch mit einer gewissen Vorliebe behandelt. Bald wuchs ihre Zahl zu mehreren hundert Familien an, deren Nachkommen noch heute eine ansehnliche Gemeinde repräsentiren. Es verstand sich von selbst, daß diesen Einwanderern die Erlaubniß zur freien Handhabung ihrer Religion, sowie zur Erbauung von Gotteshäusern leicht gestattet wurde. So wurde, nachdem sie fast 60 Jahre lang in mehreren kleinen Synagogen ihren Gottesdienst verrichtet hatten, in Anbetracht der stets zunehmenden Mitgliederzahl, in den

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