Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 69 (1.9.1898)
- Date
- 1898-09-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1273 Feuilleton. Verkauft. K-d— Eine Erzählung aus Ungarn. 5) Von Samuel B. Rosuer. Draußen herrschte die düstere Ruhe eines Todtenhauses, in welchem eben der schreckliche Todeskamps aufgehört hat. SM, unheimlich still wird es plötzlich in dem Raum, welchen eben noch das Raffeln, Röcheln und Seufzen des armen Opfers erfüllte. Eine starre, stumme Raffe wird plötzlich, was sich eben gewunden und gewehrt, uns das Bahrtuch wird darüber gedeckt, dieser Schleier der blinden Ewigkeit. Wie ein weißes L.ichentnch lag der kalte Schnee über die Welt. Es war alles, was da getost und gebraust hatte, und mit einemmal so todtenstill geworden. Kaum mit dem Morgenimbiß fertig, gab der kleine Plagegeist keine Ruhe, bis sie die Mutter mit den neuen Kleidern bekleidete und ihr die Erlaubniß ertheilte, an der Hand des Kindermädchens einen Rundgang bei den Nachbarn zu machen, um sich dort im neuen Staate bewundern zu lassen. Der Freudenrausch des Kindes riß auch die Eltern mit. so daß sie die sonst so ängstlich beobachtete Vorsicht außer Acht ließen. Es läutete zu Mittag, als Schulamit ganz echaufsirt von dem Ausgang zurückkehrte.- Um diese Zeit dunkelte es sehr frühe. Wenn man da am Freitag Nachmittag etwas zu verrichten hatte, mußte man sich ganz ordentlich sputen, nicht die „Schul" zu versäumen. In fröhlicher Stimmung traf Rüben die Verkehrungen zum Empfange des Sabbat. Doppelt lieblich winkte ihm heute der Tag der süßen Ruhe entgegen, denn noch steckte in ihm die Müdigkeit von der beschwerlichen Fahrt in allen Gliedern und da hoffte er denn in den weichen Armen des Sabbat so recht nach Herzenslust auszuruhen. Gegen Abend hatte sich ein kalter Nebel herabgesenkt. Als er nun von „Schul" heimkehrend aus der feuchtkalten finstern Winternacht in die warme lichterfüllte Schabbesstube trat, da quoll in seinem Herzen ein unendlich beseligendes Gefühl dankbarer Zufriedenheit auf. Alles Bittere war seinem Gemüthe entschwunden. — O, es gab dennoch ein reines, ungetrübtes Glück im Leben! Mrt heiterem Gesichte bot er seinem Weibe den Sabbatgruß und begann langsam im Zimmer auf und ab gehend das Begrüßungslied an die Engel. „Friede Euch, Ihr Engel der Höhe, Ihr Engel des Königs der Könige, des heiligen boruch-hu. . ." Plötzlich brach er den Gesang ab und blieb stehen. Das Kind war ihm ja nicht entgegengekommen, damit er ihm feine Hände segnend auf da« Lockenhaupt lege. „Wo ist das Kind, Dina?" fragte er mit einer ihm selbst räthselhaften Besorgniß. Sie beendete eben das Nachtgebet und lächelnd mit stnmmer Handbewegung wies sie nach der Thüre des Nebengemaches, bedeutend, daß das Kind bereits sein Lager aufgesucht habe. Ein rätselhaftes, dunkles Gefühl legte sich Rüben schwer aufs Herz und verscheuchte aus demselben plötzlich all die frohen Lichter. Gesenkten Hauptes ging er behutsam in das Schlafgemach und beugte sich über das schlafende Kind. Es schlief ruhig. Das Bild des friedsam schlafenden Kindes wirkte beruhigend auf ihn; er lächelte sogar, als er die Nachwirkung des bewegten Tages in der lebhaften Röthe wahrnahm, welche die Wangen Schulamits färbte.! Rüben kürzte heute die Dauer des Nachtmahles ab. Früher als gewöhnlich ging er zur Ruhe und Dank seiner Müdigkeit war er bald tief eingeschlafen. ... Es war gegen die zweite Stunde nach Mitternacht, als er jäh' von etwas Schrecklichem aus dem Schlafe aufgescheucht wurde. Er wußte nicht: war es Wirklichkeit oder eine Traumoorstellung. . . . Ein furchtbarer Ton war durch das Zimmer geklungen, — halb ein Bellen und halb ein Röcheln, so hohl und dumpf, als ob es aus einer Gruft käme. — Von gespenstigem Entsetzen ergriffen, lauschte er im Bette halb aufgerichtet mit angehaltenem Athem. . . Lautlose Nachtstille herrschte im Gemach, in welchem die schwankende Flamme de« Nachtlichtes röthliches Halbdunkel verbreitete. Da — da — dumpf, heiser bellend, klang er wieder durch die Stille, von dem Kinderbettchen her, wie der Laut eines schrecklichen unsichtbaren Gespenstes. — Da war es, das Gespenst, vor welchem er Jahre lang gezittert und gebebt hatte. . . Das Unglück war hereingebrochen. Mit beiden Füßen zugleich sprang er aus dem Bette zum Kinde hin. Ein Zittern ging durch seine ganze Gestalt und machte seine Knie schlottern. Wie vom Schreck gelähmt, stand er eine Weile neben dem Bettchen des Kindes, auf daffelbe niederstarrend. Die Wangen Schulamits glühten in einer unnatürlichen Röthe, ihre Gesichtsmuskeln waren angespannt, das Alhmen war mit einem raffelnden Geräusch verbunden. Unruhig wendete ssie mit geschloffenen Augen den Kopf von einer Seite auf die andere. In seiner Seelenangst nahm er das schlafende Kind auf die Arme, und schwankte damit zu dem Bette Dina's. „Dina", bebte er aus zugeschnürter Kehle mühsam hervor, „dem Kind — ist et—was!"