Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 67 (25.8.1898)
- Date
- 1898-08-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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^g^yn^ygggpipg?^*^- XXXIX. Jahrgang. Weite Beilage ju M 67 des «Israelit". Feuilleton. Weifevriefe aus dem Karze. ii. Was ich geahnt — zur Wahrheit ist's geworden. Mein Reisebrief war ein Futter für die antisemitischen und ultramontanen Zeitungen, mit Wohlbehagen haben sie ihn wörtlich abgedruckt; solche Bemerkungen, wie ich sie da machte, haben für diese niedere Sorte von Presse einen ganz besonderen Werth. Indem sie den „Israelit" als Quelle anführen, wollen sie damit sagen: Ein Jude hat es selbst geschrieben, was wollt Ihr von uns? ja die „Deutsche Tagesztg." versteigt sich zu der Bemerkung: „Dieser trefflichen Schilderung haben wir nichts hinzuzufügen. Gestattet sei aber der Zusatz, daß es keine Antisemiten gäbe, wenn alle Juden so dächten und handelten, wie der Schreiber der Reisebriefe im „Israelit". Diese Anerkennung aus antisemitischen Reihen müßte mich eigentlich schamroth machen, indeß fühle ich nicht die geringste Reue, ich habe schon im vorigen Briefe bemerkt, daß ich darauf gefaßt sei und hoffte, solche Offenheit werde anständigen Nichtjuden nur imponiren, denn gerade das Vertuschungssystem führt in jedem Staats- und Gemeindekörper früher oder später zu einer inneren Zerrüttung und Verderbtheit, deren Folgen am besten momentan in Frankreich zu sehen sind, wo Zustände herrschen, die jeden gebildeten Menschen anekeln müssen. Wenn aber die „Deutsche Tagesztg." behauptet, daß es dann keine Antisemiten gäbe, wenn alle Juden so dächten und handelten wie der Verfasser, so möchte ich doch sehr an dem Ernste dieses Gelöbnisses zweifeln. Wir kennen zu gut die Taktik dieser Herrn, deren Motto „Der Jude wird verbrannt", auch dann noch bliebe, wenn es gar keine Juden in Deutschland gäbe, zumal ja der Antisemitismus eine Existenzfrage für gewisse Zeitungen und Menschen bedeutet. Wenn ich nun gar noch verrathe, daß der Verfasser ein strenggläubiger Großherzogl. Landrabbiner ist, was sagt da die „Staatsbürgerzeitung" dazu? Gieb mir nicht deinen Stachel, liebe Biene, ich verzichte gerne auf deinen Honig. Ich liebe die Offenheit und die Gerechtigkeit, gegen Juden und Nichtjuden, aber ich verlange sie auch von beiden. Wer zu leicht in Begeisterung gerathen kann, wird auch zu leicht abgekühlt, wer zu schnell lieben kann, der kann auch schnell hassen. Mit welcher Begeisterung begrüßt eine jüdische Gemeinde den neuantretenden Rabbiner, da ist jedes Wort Gold, jede Thal eine Perle, jeder Wunsch ein Befehl, man bringt ihm leider die ganze Liebe I auf einmal entgegen, und man hebt sich zu wenig auf später auf. Sehr treffend antwortete vor kurzem ein Rabbiner dem Gemeindevorstande, der seinem Vorgänger einen Kranz aufs Grab gelegt hatte mit der Widmung: „Der Vorstand der Synagogengemeindc." Der Vorstand bat nämlich, nicht so viele Ermahnungen in die Predigten einzuflechten, sie seien von seinem Vorgänger Blumenpredigten gewohnt. Der Rabbiner antwortete: „Mein Vorgänger hat Euch im Leben Blumen geboten, Ihr habt ihm im Leben Dornen gereicht, im Tode habt Ihr ihm Blumen gespendet — ich verzichte int Leben auf Dornen, im Tode auf Blumen!" Auf meiner Wanderung durchs schöne Selkathal langte ich am Tage vor Tischobe-af im niedlichen Harzstädtchen, B. an, wo ich den Fasttag und den SchabboS Nachmu verbrachte und mein Herz laben konnte an dem streng jüdischen Gemeindeleben diese» Ortes, wo kein Geschäft den Sabbat entweiht, wo an Sabbat Nachmittag der Lehrer in Privathäusern in sehr interessanter Weise den Schiur vorträgt, wo die Jugend wieder hoffnungsvolle Aussichten für die Zukunft des strenggläubigen Judenthums eröffnet. Mit großem Pessimismus habe ich immer die Heranwachsende Jugend beobachtet, die Sabbatentweihung nimmt überhand, Eltern die jetzt noch fromm sind, haben ohne Bedenken ihre Kinder solchen Geschäften anvertraut, wo sie den Sabbat entweihen, wie wohl that es mir da einmal wieder eine Gemeinde anzutreffen, wo die Eltern ausnahmslos ihren Kindern in strenggläubigem Sinne den Weg zur Zukunft bahnen. Mit Gottes Hilfe werden die neugegründeten Sabbattzeiligungsvereine auf diesem Gebiete Gutes leisten und durch gemeinsames Zusammenwirken aller frommen Jehudim dem strenggläubigen Jüngling Schutz bieten und vor der Versuchung bewahren. Ueber dieses Thema unterhielt ich mich auf einem Wege nach Treseburg mit einem Berliner Herrn „Die Jugend rettet das Judenthum, — so rief er-durch den Zionismus." Da waren wir wieder an einer wichtigen Tagesfrage angelangt und ich will Ihnen kurz sagen, wie ich über den Zionismus denke, der durch den demnächst stattfindenden Congreß in Basel wieder von sich reden machen wird. Die Orthodoxie hat keine Veranlassung dem Z onismus hemmend in den Weg zu treten; sie braucht ihn nicht zu unterstützen, re soll ihn aber auch nicht bekämpfen. Ich betrachte den Zionismus als den Vorarbeiter für die Verwirklichung der messianifchen Idee, indem er grade in den Kreisen, wo man das Wort Jerusalem al» abgethan betrachtete, das Jntereffe für das heilige Land wieder wachgcrufen. Wir verstehen Gottes Wege nicht, die Mittel seine Ziele zu erreichen, scheinen uns