Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 67 (25.8.1898)
- Date
- 1898-08-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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LXXIX. Jahrgang. Erste Beilage M M 67 des „Ismelit". Leitender Artikel. -er jmtitE Kastln Iioaigea-Cangreß. M ainz, 24. August. Nicht nur die zionistischen, auch die antizionistischen jüd. Blätter und nicht nur die jüd. Blätter, auch die politischen Tageszeitungen jedweder Richtung befassen sich lebhaft mit dem zweiten Congrefse, welcher komnundeil Sonntag, den 28. August, seinen Anfang nehmen wird. Rach dem führenden Organ der Zionisten ist die offizielle Tages-Ordnung die folgende: 1. Eröffnung durch dt n Präsidenten des Actionscomitös Dr. Th. Herzl. 2. Wahl des Bureaus und der Ausschüffe. 8. Allgemeine Lage. Referent: Dr. Max R o r d a u. 4. Rechenschaftsbericht. Referent: Dr. M. T. Schnirer; finanzieller Tsteil, Referent: Dr. O. Kokesch. 5i. Programm der Bewegung. Referent: Dr. Max M a n d e l s st a rn m. 6. Organisation. Referent: Dr. A. Mintz. 7. Eolonisation. Referent: L. Motzkin. 8. Jüdische Cultarsragen. Referent: Dr. M. Ehrenpreis. st. Die jüdische Colonialbank. Referenten: D. W o l s s s o h n und Dr. B o d en h ei m er. 10. Eventualia. Am Jnterrffantestkn ist wohl die Haltung der „Köln. Zeitung." Das Rheinische Weltblatt, das un vergangenen Jahre noch durch einen der Leiter des Congreffes, durch M a x N o r da u, in Bezug auf den Zionismus bedient wurde, scheint sich nunmehr für diesen Gegenstand einen anderen Ccrrespondenten angeschafft zu haben. Es bringt nämlich an leitender Stelle einen Artikel über den Congreß, der durchaus nicht zionisten-freundlich ist. Es heißt u. a. in demselben: In dem Jahre, das seit dem ersten Kongreß verstrichen ist, hat die Bewegung, soweit der außerhalb Stehende sich ein Unheil erlauben darf, in Deutschland so gut wie keine Fortschritte gemacht. Die ganz überwiegende Mehrheit der deutschen Juden hat sich mit Entschiedenheit gegen jeden Versuch erklärt, ihnen ein anderes Vaterland als das deutsche, eine andere Nalionnlität als die deutsche bcizulegen, und es ist wiederholt zu zicnrlich heftigen Auseinandersctzun„en zwischen den Anhängern und den Gegnern des Zionismus gekommen. Voraussichtlich wird auch fernerhin die werbende Kraft des zionistischen Gedankens in Deutschland eine sehr geringe bleiben, wozu der sichtliche Niedergang der antisemitischen Bewegung wesentlich beiträgt. Größere Fortschritte scheint der Zionismus m andern Ländern geniacht zu haben, vor allem in Rußland, Galizien und andern asiatischen und halbasiatischen Staaten. Aber auch in Frankreich scheint die Bewegung nrehr Anklang gefunden zu hoben als in Deutschland, was sicherlich mit der Ausbreitung des Antisemitismus jerrs it der Vogesen zusamwenhängt. Es wird wohl auf dem deurnächstigen Congreß Genaueres hierüber mitgetheilt werden, und man wird hierbei auch erfahren, in wie weit die Ansied imgs und Colonisationsbestrebungen bezüglich Palästinas iveiter gefördert und der Verwirklichung näher gebracht worden sind. Die phantasievollen und unklaren Gedanken der Begründung jüdischer Colonieen in Palästina mit einer völkerrechtlich gewährleisteten staatlichen Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, die im verflossenen Jahre noch in den Vordergrund gestellt wurden,scheinen ziemlich zurückgeschoben zu sein und d n nüchternen Ansicdlungsvcrsuchen Platz gemacht zu haben die sich lediglich darauf beschränken, für die Ansiedlungen und die Ansiedler die Schutzher rlichkcit einer der Großmächte zu erlangen, in erster Linie derjenigen Großmacht, der die Ansiedler staatsrechtlich angehören. Jene weitausschauenden Pläne, die von begeisterten Zionisten im verflossenen Jahre in Basel enthüllt wurden, haben sich als das entpuppt, was sie von Anfang an waren und stets sein werden, als phantastische Vorstellungen, bei denen die erwägende Vernunft im Vergleiche zu der kühnen Erfindung sehr zu kurz gekommen ist. Ohne Zweifel werden die Verhandlungen des zweiten Zionistencongresscs zeigen, daß auch die begeistertsten Anhänger der Errichtung eines nationaljüdischen Gemeinwesens viel Wasser in ihren Wein schütten müßten und daß auch sie die Erfahrung gemacht haben, daß zwar die Gedanken recht nahe beieinander wohnen, doch hart im Raume sich die Sachen stoßen. Für den Staatsmann und Politiker dürften die Verhandlungen weniger Interesse haben alS für den Psuchologen und Historiker, die beide daraus lernen tonnen und lernen werden, daß in unserer so oft wegen ibrcs materialistischen Eharakters so sehr verschrieenen Zeit der freie Idealismus doch noch eine Macht ist, die wenn sie auf den richtigen Weg geleitet und dem richtigen Ziel zugclcnkt wird, auch heute noch Großes und Dauerndes schaffen könnte. Diese Notiz ist in eine große Reihe anderer Tagesblätter übergegangen. Die „Kreuz-Ztg." freut sich außerordentlich über den neuen Congreß. Daß es noch heute ein „jüdisches Volk" giebt, diese Anerkennung Ihut ihr außerordentlich wohl. Da die Zionisten den Kampf mit ihren nichtzionistischen Brüdern mit äußerster Schärfe betreiben, so druckt sie Alles, was diese Partei als sogenannte „Selbstkritik" bezeichnet mit großem Behagen als billiges Mittel in ihrem Kampfe gegen das Judenthum ab. Die Hildesheimer'sche „Jüd. Presse" verlangt von dem Congreß mehr als die Tagesordnung in Aussicht stellt. Sie bezeichnet den vorjährigen Beschluß der Schaffung einer „öffentlich-rechtlichen Heimstätte in Palästina" als ein Compromiß-Product zwischen Iudenstaatlern und deren Gegnern und verlangt unbedingte Klarheit in Bezug auf diesen Punkt. Die „Krakauer Jüd. Ztg.", deren Herausgeber Herr Ahron Markus ein seltsames Gemisch von chassidisch-modernen und orthodox-zionistischen Ideen verbreitet, meint, daß es vier Richtungen innerhalb