Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 67 (25.8.1898)
- Date
- 1898-08-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448920--46600-2497058- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1233 Feuilleton. —verkauft. Eine Erzählung aus Ungarn. 3) Von Samuel B. Rofrrer. So zog Rüben sich auf sich selbst und seine Bücher zurück und um sein Herz bildete sich allmählich eine eisige Kruste. Bei seiner Umgebung kam er in den Ruf des Stolzes. — Des Stolzes! — Er lachte bitter in seinem Innern. Er nahm sich keine Mühe, sich von diesem Verdachte rein zu waschen. Er wußte nur zu gut, daß er für dieses moralische Laster unzugänglich sei und daß, wenn er dies mit Zeugen erhärten müßte, es ihm auch an solchen nicht fehlen würde. Die Armen und Hilfsbedürftigen des Ortes, denen gegenüber er unerschöpflich an Freundlichkeit und Entgegenkommen war, hätten es bezeugen können. So floß die Zeit dahin, eintönig und still, bis auf einmal ein tief einschneidendes Ereigniß eintrat. Als ob nun, da er die Sorge um die Tochter und das Geschäft auf zuverlässigen Schultern ruhend wußte, sein Tagewerk vollendet gewesen wäre und als ob er bloß darauf gewartet hätte, legte sich Dinas Vater eines Tages von einem Unwohlsein befallen zu Bette und starb bald darauf, etwa zwei Jahre nach ihrer Verheirathung. — Rüben mußte nun ganz in das reale Leben hinaustreten und wenn ihm einestheils dadurch fast die ganze Zeit entzogen wurde, die er seinen Idealen zu widmen gewohnt war, so wurde ihm andererseits wieder auch die Muße zu melancholischer Selbstbetrachtung genommen. Der Zug elegischen Jnsichgekehrtseins trat in seinem Charakter allmählich zurück, es wurde regsamer, lebendiger in ihm. Aber der wahre, befruchtende Himmelstau des Geistes und Herzens, ohne welchen beide nur farblose, den Kellerpflanzen ähnliche Gebilde treiben und das Leben eine dürre Oede bleibt — das Manna des vollen, freudigen Glückes schien ihnr versagt zu sein. „Friede ohne Freude", wie eine hebräische Redeweise sagt, schien sein Loos sein zu sollen. Da kam ein Ereigniß, welches auch in dieser Hinsicht Wandel schuf. Dina beschenkte ihn mit einem Kinde . . . Sulamit ward geboren! Er war Vater geworden! Und wie er so das kleine Ding mit dem zarten, rosigen verständnißlosen Gesichtchen und den klein blinzelnden Aeuglein auf seinen Armen hielt, da ging ein nie gekanntes, großes Gefühl in seinem Busen auf! Er war Vater geworden! . . Was wissen diejenigen von der Bedeutung des Wortes, das sie nicht empfunden haben? Es geht vielen Menschen so mit vielen Worten des Sprachschatzes, die man wie das tägliche Brot im Munde führt, ohne eine Ahnung von ihrem wirklichen Begriff zu haben, bis man diese Worte einmal erlebt . . . Es schien ihm, daß mit der Geburt dieses lieblichen Wesens er selbst wiedergeboren worden wäre. Sein Leben schien einen neuen Inhalt gewonnen zu haben, sein Leben hatte einen greifbaren Zweck erhalten. Wie wollte er sich dem Erziehungswerkc seines Kindes widmen! Alles was er je Schönes gedacht und geträumt, das wollte er in dessen junge Seele hinüberpstanzen und es sollte doch nicht — was ihm früher so tiefes Weh zu verursachen pflegte, vergebens gedacht und geträumt worden sein! Wenn er neben der Wiege des Kindes saß und seinen leisen Athemzügen lauschte, da flog die Zeit unbemerkt an ihm vorüber; ein geheimnißvoller Zug entführte seinen Geist in weite Ferne und er konnte Stunden lang in der schwärmerischen Ausmalung der Zukunft zubringen. In ihrer stillbescheidenen Weise pflegte ihm Dina lächelnd vorzuhaltcn, daß er über das Kind Ihrer selbst vergesse. „Und auf wen", pflegte er ihr da beschwichtigend zu entgegen, „fällt denn all' diese übergroße Liebe, mit der ich an dem Kinde hänge, auf wen sonst fällt sie zurück, als auf Dich, die Mutter uteines Kindes?" Und wirklich, wenn er sie zu betrachten pflegte, wenn ihr das Kind trinkend am Busen ruhte, da erschien sie ihm in einem höheren Lichte als sonst, da schien sie ihm auch geistig höher zu stehen, als je. So verwob sich sein ganzes Sinnen und Empfinden mit der Existenz des Kindes, es stand im Mittelpunkte seines Denkens und Fühlens. Es fiel ihm schwer, sich auch nur für wenige Tage von ihm zu trennen und war er weg, so fühlte er unablässig unsichtbare Fäden an seinem Herzen heimwärts ziehen. Die Frauen haben gemeiniglich in der Beurthcilung der gewöhnlichen Fragen des Lebens einen ruhigeren, klareren Blick, als die Männer, und mit geheimer Besorgniß beobachtete Dina dieses einseitige Ueberwuchern des ganzen Geisteslebens ihres Mannes nach einem einzigen Punkte. — — Bald sollte es sich zeigen, daß ihre Besorgniß keine unbegründete war. Das Kind mochte in seinem zehnten Monate fiiit, ols es von einer jener Krank heilen befallen wurde, die bei Säuglingen und insbesondere bei verweichlichten häufig aufzutretcn pflegten. Die Krankheitssymptome bei ganz kleinen Kindern nehmen insbesondere in den Augen unerfahrener Menschen eine viel erschreckendere Form