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Der Israelit · 1898-08-22 · Heft 66 (22.8.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 66 (22.8.1898)
Date
1898-08-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1209 Gruß lüfteten. Auch über die benachbarten Hügel hüben und trüben schritten ähnliche Gestalten, welche das schimmernde Weiß ihrer Kleider in den Dämmerungsschatten fast ins Reckenhafte anwachfen ließ. Sie schritten zu ihren Wohnstätten hinan, welche bald vereinsamt, bald in größer» und kleinern Gruppen vereint auf den Bergen zerstreut lagen, bis hoch an den Rand der dunkeln Wälder hinauf.- Sie hatten unterdessen die Sohle des Gebirges erreicht und vor ihnen lag ein weiter grüner Wiesenrain, der sich bis dicht an die, in einer langen Zeile sich hinziehenden Häuser erstreckte. Als sie über die Wiese schritten, da begannen in der Ferne bereits dunkle Fäden zu weben und das Heimchen begrüßte mit lautem Zirpen den Abend. Ein primitiver Holzsteg führte sie über den Bach, der hinter den Häusern am Rande der Wiese floß und sie standen vor der Bretterumzäuinung eines Gartens, über welche die dichten Laubkronen der Obstbäume hinüberragten. Rüben öffnete die Thüre und sie traten in den wohlgepflegten Blumengarten ein. In demselben befand sich das Weib Rubens, eine hübsche, üppige junge Frau mit rosigweißem Gesicht, in Gesellschaft ihres etwa fünfjährigen Töchterlcins, welches mit einer winzigen Gießkanne zwischen den Blumenbeeten hantirte. Als die Männer den Garten betraten, warf das Kind mit einem freudigen Aufschrei die Kanne bei Seite und lief den Ankömmlingen entgegen. Mit kräftigen! Arm hob Rüben sein Kind in die Höhe, preßte cS ungestüm an sich und schaute ihm mit dem innigen Ausdruck väterlichen Wonnengefühls in das blühende Gesichtchen. — Aber plötzlich flog ein räthselhaftes Erschrecken über sein Gesicht — er wandte hastig den Blick vom Kinde ab und ließ es schnell auf die Erde gleiten. Er trat, zu Boden blickend, einige Schritte vorwärts, während das Kind, nachdem es befremdet zum Vater aufgeblickt hatte, die Hand des Gastes erhaschte, welcher mit der Hausfrau Worte der Begrüßung aus tauschte. Das Haus mündete mit einer Art Veranda, welche von oichtem Rebenlaub überwuchert wurde, in den Garten. Dorten schimmerte die schneeweiße Decke eines gastlichen Tisches, um welchen sich die kleine Gesellschaft zum Abendbrod niederließ. Rüben Friedberg war, nachdem er sich eine gründliche talmudische und noch gründlichere humanistische Bildung angeeignet hatte, sich aber den Weg zur Universität durch Schlagbäume finanzieller Art verrammelt sah, durch eine Heirath in seinen jetzigen Wohnort gelangt. Ein guter Freund seines Vaters pflegte dieser auch in dem Hause seines nachmaligen Schwähers einzukehren, eines bereits in vorgerücktem Alter stehenden Mannes und zur guten Stunde machte er ihm einmal die Mittheilung, er wüßte für seine einzige, wohlerzogene Tochter Dina einen Mann, wie er einen solchen wünsche: aus guter Familie, von stattlichen! Aeußern, jüdisch und profan gebildet. Tief verstimmt über die erlittenen Mißerfolge und verletzt von den! Anblicke der rings um ihn Siege feiernden Flachheit, begrüßte Rüben die Anregung des Hausfreundes mit Befriedigung; mit einer Art grimmen Schadenfreude erfüllte ihn der Gedanke, die ihn! gegenüber so undankbare wissenschaftliche Carriöre am Wege liegen lassen zu können, gerade so, als ob es sich um einen persönlichen Gegner gehandelt hätte, der ihin durch Nörgeleien das Leben verbitterte und dem er von der vortheilhaften Höhe einer glücklichen Wandlung herab, verachtungsvoll den Rücken zukehren konnte. Freilich, daß er durch diesen vermeintlichen Sieg einem Stück seines eigensten, besten Ich den Fuß auf den 'Racken setzte, das kaiu ihm in seiner leidenschaftlichen Be wcgthcit von damals nicht zum Bewußtsein! — — In den nächsten Tagen ging er auf die Brautschau. Es war ein Maiiuorgen voll sonnigen, duftenden Frühlingsliebrcizcs. Durch harzig frische Tannen und Fichtenwälder schlang sich der Weg, um jeden Baumstamm spielte das Helle Gold der Sonne, unt jedes junggrüne Blatt, um jeden Grashalm flinlmertc und schimmerte cs und die Lust war belebt von schwirrendem, zwitschernden Gevögel, llnd als das Gezweig sich theilte und er von der letzten Anhöhe herabschaute aus die zutraulich aneinander sich schmiegenden Häuser des Ortes, dcru er zustrebte, da erschien ihm ein Leben dort in dcru Lichte eines ewig ungetrübten, sonubelcuchteten Gemüthssriedens ... Ani Ziele augelaugt, fühlte er sich bestrickt durch die Schönheit des Mädchens, durch den stillen Glanz einer behaglichen Wohlhabenheit, der die ganze Behausung erhellte und durch die gcmüihvollc Leutseligkeit des Hausvaters, einer echten, attjüdischcn Typenfigur. Das Gewerbe, an welchem er hätte Autheil nehmen sollen, entsprach ebenfalls seinem Geschmacke. Es war ein Holzhandel nach der nächsten Eisenbahnstation, der oft in Wald und Flur hinausrief, eine freie Thätigkeit und keine dumpfe Krämerbeschäftigung hinter dem Pulte, im Dütendrehen oder in der Handhabung von Schcere und Elle sich erschöpfend. Auch Rubens Erscheinung gefiel sowohl dein Mädchen, als desicn Vater und es wurde auch gleich frohe Verlobung gefeiert. — Die Angehörigen Rubens kehrten noch am selben Tage wieder heim, während er selbst zu einem zweitägigen Aufenthalte bei seiner Braut zurückblieb.- Nachdem aber die Entscheidung fürs Leben gefallen war, und allmählich sich die Lebendigkeit ver-

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