Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 64-65 (17.8.1898)
- Date
- 1898-08-17
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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XXXIX. Jahrgang Dritte Keil. )\i M 64 & 65 des „Israelit*. Feuilleton. Ein Reisebericht über Palästina. 8. Mehr als während des ganzen nun zu Ende gehenden Jahrhunderis ist gegenwärtig der Gedanke an das heilige Land in Gesammtisrael in den Vordergrund getreten und das Interesse für es rege geworden. Und gerade bei denen, welche bislang bei der Erinnerung an das Land unserer Väter nur die Köpfe ungläubig schüttelten, ja, für diese Erinnerung nichtanderes als eine wohlfeile spöttische Bemerkung übrig hatten, ist das Interesse für dieses Land ganz besonders rege und zum Gegenstände heißen Begehrens geworden. Es ist auch diesen das Land nicht mehr ein Boden historischer Vergangenheit, es ist ihnen vielmehr das Land einer frohen glücklichen Zukunft, man fangt an, an die alten Verheißungen zu glauben, an diejenigen, welche aus dem Gedächtniß Israels auszumerzen, die Reform als die höchste ihrer Aufgaben stets angesehen hat. Ob die Mittel und Wege, die versucht werden, jene Verheißungen zur Wahrheit zu machen, die richtigen sind, ob sie sich mit den Ansichten unsers alten jüdischen Schristthums und darum mit den Ansichten jener decken, die an der Zukunft des gelobten Landes nie gezweifelt, die den Zukunstsgedanken der einstigen Wiedererstehung eines geeinten Israel auf eigenem nationalen Boden, wie einen heiligen Schatz durch alle Zeiten der Leiden und Bedrängungen gehütet haben, — das wollen wir hier nicht untersuchen. Aber eins wollen wir bemerken : die gewaltige Bewegung, die alle jüdischen Herzen, die bisher derselben fremd waren, ergreift, sie ist ein Gewinn, der nicht unterschätzt werden darf, sie ist ein Sieg des alten jüdischen Gedankens über die Reform, die noch bis über die Mitte unsers Jahrhunderts hinaus ihre rücksichtslosen Siege feierte, die Israel in zwei Lager theilte und denjenigen, denen die alten Verheißungen kein leerer Wahn waren, selbst die Stätte verleideten, an denen sie ihr bekümmertes Herz vor ihrem Schöpfer ausschütten wollten. Und nun steht das heilige Land im Mittelpunkt der jüdischen Gedankenwelt, die Reform schließt das Jahrhundert mit einem Fiasko ab.' Und wenn auch den einen noch vieles, was die andern erstreben, phantastisch und darum unzweckmäßig, ja geradezu gegen den jüdischen Geist verstoßen erscheint, in einem können „Zionisten" und „Nichzionisten" sich die Händen reichen und reichen sie sich, in dem Bestreben, die Kolonisation des heiligen Landes e.frig zu fördern. Und wenn wir hören, daß immer mehr Boden der Kultur wiedergewonnen wird, daß Geschlechter dort erstehen, die es edler finden den Unterhalt des Lebens durch harte Arbeit sich zu erwerben, statt stets auf die Geldunterstützungen der Glaubensgenoffen ihre Hoffnung zu setzen, die die alte talmudische Lehre zur Wahrheit machen, alles aufzubieten, und wenn nothwendig, der niedrigsten Arbeit sich zu unterziehen, um nur der Menschenhilfe nicht bedürfen zu müffen: dann freuen wir uns. Eine solche Freude bereitet uns aber der Reisebericht des Herrn W. Bambus, den uns der diesjährige Büchermarkt in schöner Ausstattung auf den Tisch gebracht hat.*) Herr Bambus ist einer der eifrigsten Förderer der Kolonisation Palästinas. Schon viel hat er durch sein Wort gewirkt; aus eigener Erfahrung wissen wir, daß er überzeugend zu sprechen und die Herzen zu erwärmen versteht, ebenso schön versteht er aber auch zu schreiben; in stottec Sprache feffelt er den Leser, lebendig weiß er die Eindrücke, die er empfangen, wiederzugeben, und anschaulich breiten sich vor unseren geistigen Augen die Gelände Palästinas aus, die wir mit ihm durchwandern, und wenn wir das Buch gelesen, das wir nur ungern aus der Hand legen, so haben wir uns angenehm unterhalten und haben vielseitige Belehrung empfangen. Den Vers, hat, wie er schreibt, eine heiße Sehnsucht nach dem Lande der Väter von Kindheit an erfüllt, endlich war es ihm nun vergönnt, den geheiligten Boden zu betreten. Im Herbst 1895 trat er in Begleitung des Herrn Dr. Löwe die Reise an, und, was er gesehen, war der Anstrengungen werth, die diese Reise erfordert hat. Die meisten Kolonien erfreuen sich guten Gedeihens, weite Strecken sind der Kultur wiedergewonnen; Olivenpflanzungen und Weingälten, üppige Kornfelder, Maulbeerpflanzungen für die Seidenzuchl, Gemüsegärten, Anpflanzungen für die Gewinnung wohlriechender Essenzen erheben sich da, wo noch vor mehreren Jahren dürre Sandwüste war. Der Export hat bedeutend zugenommen, die palästinensischen Weine wetteifern mit den besten schweren Weinen Spaniens an Wohlgeschmack und Gehalt. Das Handwerk breitet sich aus, Juden sind es, welche in den Kolonien die Häuser bauen und die meiften landwirthschaftlichen Geräthe anfertigen. Vor allem sind als die hervorragenden Kolonien zu nennen: Rischon Lezion, Rechowoth, Pethach Thikwah, Sichron Jakob und Rosch Pinah, aber auch die anderen klei- *) Palästina. Land und Leute. Berlin 1898. Cronbach.