Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 64-65 (17.8.1898)
- Date
- 1898-08-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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LHH. Jahrgang. Erste Seil. M M Ii4 5: 65 -es «IsraeUt". Leitender Artikel. ZW MdllSim dkl IidkN-Gm«r!M>ll> in DkNisihllNd. AuS den Verhandlungen der deutschen corrstituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt a M. Am 28. Augllst d. I. werden es fünfzig Jahre her sein, daß in der Paulskirche die Abstimmung in Bezug auf die Emanzipation der Juden stattgefundeu. Bei dieser Gelegenheit hielt Gabriel Riesser, der Vertreter Hamburg's, eine feiner denkwürdigsten Reden, und wir glauben unsereit Leserit einen Dienst zu erweisen, wenn wir unter Hinweglassung einiger unwesentlichen Bemerkungen dieselbe hier wörtlich zunr Abdruck bringen. Nachdem mehrere Redner für den § 13 der Grundrechte, welcher unbedingte und unbeschränkte Gleichstellung aller Konfessionen in Betreff aller staatsbürgerlichen und bürgerlichen Rechte feststcllt, gesprochen hatten, namentlich das große Unrecht der Vergangenheit gegen die Juden und die nothwcndige Sühne der Gegenwart hervorhebend, trat Moritz Mohl, ein Abgeordneter aus Württemberg, auf, um die alte Judenfeindschaft heraufzubeschwören und die schlafende Leidenschaft wieder aufzuwecken. Sein in dieser Beziehung motivirter Antrag ging dahin, die Angelegenheiten des „israelitischen Volksstammes" in Deutschland sollen Gegenstand besonderer Gesetzgebung sein. Doch soll den israelitischen Angehörigen Deutschlands das aktive und passive Wahlrecht gewährleistet werden. Es waren nun besonders zwei Momente, welche der Redner für seinen Antrag geltend machte, von denen jedes allein ihm freilich nicht genügen konnte, nämlich die jüdische Nationalität und die Lebensweise des jüdischen Landmannes. Darum nahm der Redner die beiden Momente zusammen. Riesser aber riß die beiden auseinander, zeigte beide in ihrer Nichtigkeit. Nachdem nämlich Herr Mohl, Anfangs milder sich auslaffend, gereizt durch Zischen und sonstige Mißfallensbezeugungen von Seiten der Versammlung, in eine immer bitterere Stimmung versetzt worden war und zu den ungemessensten Vorwürfen gegen die Juden sich hatte hinreißen lassen, bestieg Riesser die Rednerbühne und sprach: Meine Herren! Es hqt in einer früheren Discussion, wo es sich um bevorzugte Stände handelte, ein geehrter Redner mit voller Befugniß das Recht in Anspruch genommen, vor Ihnen im^Namen des bevorzugten Standes, dem er angehört, zu reden, und denselben zu vertheidigen. Ich nehme das Recht in Anspruch, vor Ihnen aufzutretcn im Namen einer seit Jahrtausenden unterdrückten Klasse, der ich angehöre durch die Geburt, und der ich — denn die per- ] sönliche religiöse Uebcrzeugung gehört nicht hierher — ferner angehöre durch das Princip der Ehre, daß cs mich hat verschmähen lassen, durch einen Religionsmeckscl schnöde va°» sagte Rechte zu erwerben. (Bravo!i Im Namen dieser unterdrückten Volksklassc gegen gehässige Schmähungen vor Ihnen das Wort zu ergreifen, dieses Recht nehme ich in Anspruch. (Stimmen: Sehr gut!) Der geehrte Vorredner hat seinen Antrag in eine Unwahrheit gefaßt. Er will nämlich den israelitischen Volksstamm durch Ausnahmegesetze von dem für alle gleichen Rechte ausgeschlossen haben. Sie haben nun durch einen feierlichen Beschluß den nicht deutsch redenden Volksstämmen, die in Deutschland leben, Gleichheit vor dem Gesetz, Gleichheit der Rechte, Gleichheit alles Dessen, was den Deutschen Deutschland thcuer macht, zugcsichcrt. Sollen wir Juden cs für unser Unglück erachten, daß wir deutsch reden? Sollen wir darum schlechter behandelt, soll uns die Freiheit vorenthalten werden dürfen, weil wir nicht in die Kategorie nicht deutsch redender Volksftämme gehören? Soll die Geschichte von Ihnen sagen, daß L>ie mächtige Volksstämme, die zerstörend in die Geschicke Deutschlands eingrcifen könnten, die gewaffnet und gerüstet vor Ihnen stehen, durch Verleihung gleicher Rechte haben versöhnen wollen, daß Sie für die drohende Gewalt nur milde Worte hatten, einer schwachen RcligionSpartei dagegen, die in bürgerlicher Hinsicht nichts will, als in Deutschland aufzugehen — denn nur nach Denjenigen, die klar denken, und lebendig fühlen, und ein deutliches Bewußtsein ihrer Lage haben, können Sie diese, wie jede Masse beurthcilen — einer Klasse, die keine Nationalität haben will, die ihnen von ihren Feinden aufgcbürdet wird, die deutsch denkt und fühlt, mit Mißhandlungen entgcgeutrctcn, und zu ihrem Nachthcil AusnahmSgesetzc bestehen lassen, während Sie andererseits alle Ausnahmsgcsetze vernichten, unb dem gleichen Recht, dem gleichen Gesetz anheimstellen, alle Schäden der Gesellschaft zn heilen 'i Allerdings mußte eine Religion, bei into« lerantem, bürgerlichem Gesetz, im Lauf der Jahrhunderte die alte Stammestrennung bcibehalten: und auch die Gesetze der neuern Zeit, tonnten an der Abgeschlossenheit des jüdischen Volksstammcs nichts ändern. Aber eine Folge uns-res neuen Rechtes wird das sein, daß die Religion nicht mehr eine bleibende und unüberwindliche Scheidewand zwischen uns und unseren nichtjüdischen Brüdern sein wird. Man bat von der Beschäftigung der unteren Volksklassen der Juden geredet, man hat dies in einer gehässigen Weise gethau, deren Beurtheilung ich Ihnen anheimgebcn will, denn ich will nicht den Schein haben, die eigene Sache mit Parteilichkeit zu führen. Aber die letzte Einwendung, die der Herr Vorredner so leicht behandelt hat, ist hingegen eine siegreiche. Sie inüssen diesem llebelstand mit gleichem Gesetz begegnen, oder Sie werden den alten Schlund des Unrechts und der Ungleichheit von Neuem öffnen. Die Handlungen, die denl Juden verboten werden, müssen auch dem Christen verboten sein. Was volksverderblich und volkswirthschastlich nachtheilig sein soll, müssen Sie in ein Gesetz bringen, das von dem religiösen Bekenntniß unabhängig ist. Sie müssen den Trödelhandel und die Geschäfte mit dem Landmann, die Sie für nachtheilig halten, verbieten, oder eigentlich den Landmann für unmündig erklären. Sic werden nicht darum, weil der Jude das Christenthum annimnÄ. oder auf ciuc andere Weise seine Religion ablegt. was übrigens, wenn sich der Staat von der Religion getrennt haben wird, ein so leichtes Mittel sein dürfte, daß der gewissenloseste Jude am leichtesten dazu greisen wird, ihm eine bessere Reichsstellung nnwciscn können: Sie dürfen darum auch nicht zu seinem Nachtheil allein Ausnahmegesetze bestehen lassen, wenn Sie durch die allgemeine Gesetzgebung die betreffenden Nachtheile