Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 64-65 (17.8.1898)
- Date
- 1898-08-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1177 goldiggrün, während aus den Thalgründen herauf sachte die violetten Abendschattcn in den Sonnenschein empordämmerten. Auf dem zu Thal führenden Pfade lvarc» zwei Männer aus dem Fichtenwald hcrvorgctreten, dessen schlanke Stämme nun von dem Schein der untergehenden Sonne pupurn überflammt dastanden. „Unvergleichlich schön," sprach der ältere der noch jugendlichen Männer, während er, die Augen mit der Hand beschattend, den Blick über das prächtige Landschaftsbild schweifen ließ, welches vor ihnen aufgerollt lag. Aus der Mitte einer anmnthigcn Kette von Thälern und Hügeln, grüßte freundlich der saubere Gebirgsflccken, von dessen metallenem Kirchthurm- Knauf der Strahl der Abendsonne blendend zurückblitzte. Am fernen Horizont in mächtigem Umkreis das großartige Panorama abschließend, zogen sich hohe Gebirgszüge hin, ihre Umrisse mit duftigen, blauen Tinten in den Himmel zeichnend. „Jawohl", sprach der Jüngere, „diese Art von Lebensgenuß müßt Ihr wohl inmitten der tausendfältigen Darbietungen des StädtclcbenS entbehren. Ihr dürftet Eure Bildergallericn vergebens nach einem Gemälde durchforschen, welches sich mit dem gluthprächtigen Colorit desjenigen messen könnte, das hier vor uns ausgebreitet liegt. Und doch —" er zuckte mit den Achseln und ein Schalten flog über sein Gesicht — „es hilft nichts.' Jenseits jener himmelanstrebenden Berge enden jäh alle Fäden, die uns mit der schönen, großen Welt dahinter verbinden könnten und eS giebt Momente, wo ich nur wie der Gefangene eines großen, prächtigen Kerkers vorkomme. Da bedünkt mich selbst all' die unnennbare Pracht, mit weicher unS die Natur, diese gütige Mutter unser Aller umgicbt, nur ein mitleidiges Gnadengeschenk zu sein, mit welchem sie den Schmerz ihrer enterbten Kinder lindern möchte." „Ich sehe, Rüben, Du hast noch immer nicht verwunden," sprach der Andere und blickte zu seinem Gefährten auf, betroffen ob der schmerzlichen Bewegung, die aus dessen Worten leise herausklang. „Deine einstigen Träume scheinen noch ungeschwächt in Deiner Seele zu weben. Ich hatte mir's anders gedacht — Rüben erhob lebhaft das Haupt, um etwas zu erwiedern; doch er schien sich eines anderen zu besinnen und schwieg. Nur ein leichter Seufzer verließ seine halbgeöffneten Lippen. „Mein Gott", Hub der Andere nach einer kleinen Weile wieder an, „ich will's ja gestehen — die glänzenden, geräuschvollen Bahnen, in welchen das moderne Cutiurleben mit seinen großartigen technischen Errungenschaften hinzieht, sind geeignet, ein empfängliches Gemüth, wie das Deine, zu blenden und mächtig anzulocken und im Vergleiche damit mag wohl die aumuthvolle Jdille eines Gebirgsdafeins ärmlich erscheinen. Aber, eS giebt einen Punkt, und zwar einen eminent wichtigen, wo Ihr wieder uns turmhoch überlegen seid. Ich meine das Ideal. Dieses findet leider keine Heimstätten in den Emporien der modernen Gesellschaft. Das Geraffel der Schwungräder, das Zischen des Dampfes und der Rauchgnalm der Fabriksfchlöte hat cs verscheucht . . Die moderne Gesellschaft hat keinen Gott, keine Religion und keine wahrhafte Poesie!" Das Gesicht Rubens belebte sich plötzlich, es leuchtete hell auf iu seinen Augen. „Da bin ich eins mit Dir", rief er, „mächtig und frisch wie die Eichen nuferer Wälder wurzelt hier die Religion und prächtig schimmernd, wie die wilde Blume der Thalwicseu blüht eine märchenhafte Poesie. Hörst Du das Lied jenes Hirtenknaben dort? ES ist eine Perle naiver Volksdichtung. Ein Hirte niagS bei tauigem Mondschein dem heimlichen Flüstern abgclanscht haben, welches nächtlich durch die einsamen Waldwipfcl zieht —" Sie waren sichen geblieben und horchten wie gebannt hin ans jene süß zitternden Töne, welche, stets wenn sic absetzen sollten, zu einer wehmüthigen Klage he» absanken, nm in plötzlichem klebergang in einer sanften heitern Resignation auszuklingen. Es war wie eine unmittelbare, melodische Offenbarung der naiven Volksseele, für die eS keinen unheilbaren Zwiespalt giebt, die ans tiefstem Weh, den lichten Pfad zum Droste und zur Hoffnung findet . . . „Religion und Poesie", nahm Rüben wie zu sich selbst redend wieder das Wort, während sie absteigend ihren Weg fortsetzten, „das sind die zwei guten Genien; die vor dem Menschengeschlechke cinherziehcn und auf seinem dunkeln Pfad Blumen und Rcgcnbogenschimmcr hervvrzanbern. Ohne Religion keine Poesie, ohne Poesie keine Religion. Durch die rosigen Spiegel der Poesie hindurch warf die ausgehende Sonne der Religion ihr Licht über die Menschheit und was immer auch die Generationen später dichteten und trachteten, es kann sich nimmer mit jenen gewaltigen Schöpfungen messen, welche in unserer Bibelliteratur auf uns überkommen sind." Rüben fühlte an seiner Hand den lebhaften Druck seines Freundes. Dieser schritt schweigsam sinnend dahin. Er hätte jetzt wohl selbst kein Wort mehr finden können, um die Klage seines Freundes über besten Weltabgeschiedenheit zu beschwichtigen, cs erfüllte ihn selbst vielmehr ein unmuthiger Groll, über die Laune des Schicksals, welches ein io reiches Gemüth, einen so glänzenden Geist zum Legetiren in engen Verhältniffen verdammte. — Er wußt' nicht wie — aber mit einem Male standen die Bilder der Vergangenheit lebendig vor seinem Geiste.