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Der Israelit · 1898-08-08 · Heft 62 (8.8.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 62 (8.8.1898)
Date
1898-08-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1141 Feuilleton. Solacfyti. Erzählung aus dem littcrarifchcn Nachlaß von H. Berger—Maiuz. 4) jAUe Rechte vorbchaNcn. Wieder gehen sie in'S Zimmer und horchen aus jeden Tritt. Es däncht sie eine Ewigkeit bis der Arzt kommt. Endlich hören sie ihn. Aber er stürmt an ihnen vorbei ins Krankenzimmer und wieder schnürt ihnen die Angst die Kehle zu. Der Arzt kommt gar nicht wieder. Was ist geschehen? Lebt ihr Kind noch? Da stürzt die unglückliche Mutter auf ihre Kniee und betet §11 Gott, betet um ihr Kind. Mit aufeinander gepreßten Lippen steht der Professor dabei. Er kann nicht beten. Besorgt hebt er seine Gattin auf, führt sie in das Zimmer und versucht sie zu trösten auf seine Art. Aber kann er sie trösten? Findet er selbst Trost? Sagt ihm seine Wissenschaft nicht, daß die Infektionskrankheit, von welchem sein Kind befallen tvurde, meist tödtlich verläuft. Soll er sein Weib belügen? Kann er es trösten, ihm etwas Vorreden, was er selber nicht glaubt. Ach, könnte er doch sagen: „Vertraue auf Gott, mein Weib, er wird schon helfenAber er kann es nicht und stumm und sprachlos steht er da und sicht zu, wie sie sich die Hände wund ringt, wie sie zu Gott betet ohne Aufhören, ohne Unterlaß. Unterdessen ist es hell geworden. Der Neujahrstag, der Tag des Gerichtes ist angebrochen. Der Arzt verläßt, nachdem er einige Worte zur Thürc hereingerufen, das Haus und hinterläßt den strengen Befehl, daß Niemand im Hause verkehren, die Bewohner desselben mit Niemand verkehren dürfen und ehe eine Stunde vergeht, kommt die Gesundheitspolizei und trifft ihre Maßnahmen. Jetzt sind die Eltern völlig isolirt und haben Zeit zum Nachdenken, zur Einkehr in sich selbst. Sie hören von Zeit zu Zeit, wie es ihrem Kinde ergeht — aber sehen dürfen sie dasselbe nicht. Während die Mutter eifrig betet, kommt ein Brief. Es ist ein Brief vom Bruder des Professors. Er gratulirt darin zum neuen Jahr und fährt alsdann fort: „Was nun Deinen beabsichtigten Besuch betrifft, so bitte ich Dich, denselben zu verschieben, da der liebe Vater trotz meiner innigen Fürbitten sich weigert, Dich zu sehen, bevor Du Dich, wie der liebe Vatar sagt, mit Deinem Gotte ausgesöhnt und Tschubah gethan hast. Deine Frau und Dein Kind magst Du schicken, wenn sich dieselben in einem frommen Haushalte gemüthtlich fühlen und an unsere altjüdischen Sitten und Gebräuche gewöhnen können. Wie sehr ich mich freuen würde, Dich und den lieben Vater versöhnt zu sehen, kannst Du Dir nicht denken! Und, Bruderherz, auch ich bitte Dich, kehr' zu uns zurück, eh' es zu spät ist. Der Jom hadin möge Dich bestimmen umzukehren, daß der Jom hakipurim habbo olenu letauwoh auch für Dich ein Versöhnungstag im wahren Sinne des Wortes werde. Du weißt es ja doch besser, als ich es Dir sagen könnte, daß Haschen: jisborach am heutigen Tage die Welt richtet. O, möchte sein Urtheilsspruch uns nicht „richten", sondern in Gnade und Barmherzigkeit uns Verzeihung und Vergebung unserer Sünden gewähren." Als der Professor bis zu dieser Stelle gekommen war, erschien der Wärter mit verstörtem Gesichte. „O, Gott, mein Kind," rief die Mutter, „wie geht es dem Knaben?" Der Wärter schüttelte den Kopf und sagte mit trauriger Stimme: „Beten Sie für seine Seele; er ist soeben gestorben." Die Mutter stieß einen markerschütternden Schrei aus und stürzte ohnmächtig zur Erde. Der Vater starrte wie geistesabwesend vor sich hin und seine Lippen murmelten: „Gerichtet"! Wer vermag den Jammer der Eltern zu schildern, als schon nach kurzer Zeit ihr Liebling, ihr größtes Glück, im Sarge fortgetragen wurde, ohne daß sie den Knaben noch einmal gesehen hatten, als sie erfuhren, daß die Beerdigung noch an demselben Tage von der Polizei aus erfolgte, ohne daß ein Leidtragender dem Kinde die letzte Ehre erwies! Die Mutter geberdete sich wie wahnsinnig uttd den: Vater dröhnte stets das Wort in den Ohren — gerichtet. Noch waren die Eltern mit ihrem Kummer allein, denn Niemand durfte sie besuchen. Wer wäre auch bei der großen Ansteckungsgefahr so leichtsinnig gewesen, sich derselben auszuietzen! Ehe die Medizinalbehörde die Isolierung aufhob, durften sie Niemand erwarten, und so waren sie allein, allein mit ihrem Schmerze. Mit der größten Liebe und Aufmerksamkeit sorgte der Professor für seine Frau, die der furchtbare Schlag auf's Krankenlager geworfen hatte. Wie furchtbar er selbst litt, läßt sich nicht beschreiben. Er konnte den anklagenden Blick ihrer treuen, jetzt so traurigen Augen nicht ertragen. Ihm schnitt es in die Seele, da er.den^Jammer, den Schmerz sah, der seine Gattin niedergeworfen hatte, und in seinem Innern stiegen ganz leise Zweifel auf, ob er nicht doch Unrecht gethan, der spekulativen Wissenschaft mehr zu glauben, als der Bibel. Mit diesen Zweifeln war seine Stärke und seine Ruhe dahin und er gelangte dahin, wohin alle Gottesleugner kommen — zur Verzweiflung.

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