Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 61 (4.8.1898)
- Date
- 1898-08-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448915--46465-2496883- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1121 Feuilleton. —3 o 1 a d? t i. Erzählung aus dem litterarischen Jtachlaß von H. Berger—Mainz. o) [Me Rechte Vorbehalten. Alles Bitten und Flehen der Mutter half nichts. In kurzer Zeit erschienen zwei Pflegerinnen, denen der Arzt strengste Weisungen gab Ehe er fortging, sagte er noch zu den Eltern: „Wenn Sie unvernünftig sind und trotz meines Verbotes zu dem Knaben gehen, muß ich denselben polizeilich isoliren lassen." „Aber lieber Freund," fragte der Professor, „sagen Sie uns doch wenigstens, was dem Kinde fehlt." Er neigte sein Haupt und sagte leise — „die schwarzen Pocken." Ein Schrei, und die junge Frau siel ohnmächtig ins Zimmer. Sofort sprangen ihr die beiden Herren bei, doch der Arzt hatte lange zu thun, bis endlich die Besinnung zurückkehrte. Es war schon sehr spät am Abend, als er sich endlich entfernte und die unglücklichen Eltern allein ließ. Er durfte ihnen keinen Trost geben. Die Krankheit war erst im Entstehen und er konnte nicht voraussehen, wie der Verlauf derselben sein würde. Am nächsten Morgen wollte er wiederkommen und nach dem Patienten sehen. Die Ellern sollten zur Vorsorge geimpft werden. Nun saßen die beiden Ehegatten in Verzweiflung beisammen und lauschten angestrengt auf jeden Ton, der zu vernehmen war. Sie hatten nur diesen Knaben und wenn er der Krankheit erlag, war ihr Glück dahin, die Freude ihres Lebens, der Zweck ihres Daseins entschwunden für immer. Wenn sie ihr Kind noch hätten pflegen dürfen, so hätten sie doch sehen können, ob sich das Befinden besiert oder verschlimmert. Aber sie mußten in Unthätigkeit dasitzen, während vielleicht ihr herrlicher Knabe mit dem Tode rang. War das nicht grausam? War es nicht feige von ihnen, den Knaben fremden Händen zu überlasten, aus Furcht selbst krank zu werden. Auf den Zehen schlichen sich beide über den Corridor, um vor der Thüre des Krnnkenzimmers zu lauschen. Aber sie kamen nicht bis dahin. Kaum hatten sie den Corridor betreten, da kam anch schon der Wärter und bat sie, doch im Zimmer zu bleiben. Sie wollten sich in ihr Schlafzimmer begeben, aber auch dahin durften sie nicht, weil es neben dem Krankenzimmer lag und sie waren genöthigt, sich im Fremdenzimmer, das auf der andern Seite der Wohnung lag, niederzulegen. Sie suchten endlich ihr Lager auf, aber die Ruhe und der Schlaf wollten nicht kommen- Ihre Einbildungskraft gaukelte ihnen die schrecklichsten Bilder vor und brachte sie fast zur Verzweiflung. Ihre Aufregung stieg immer mehr und raubte ihnen die Kraft des klaren Denkens. Sie konnten nicht im Bette bleiben und kleideten sich wieder an, um wachend den kommenden Morgen zu erwarten. Der kommende Morgen! Ja, war es denn nicht der jom haddin, der anbrach, dest.n Morgen bald zu dämmern begann! Der Mutter des Kindes kam der Gedanke zuerst und sie war es, die endlich den Weg fand, auf dem ihr Trost und Kraft zu Theil werden konnte. „Komm, »nein Mann," sagte sie, „bete mit mir zum Allmächtigen, daß er uns Hilfe senden, unser Kind gesund werden laste." „Bete Du, mein Kind, wenn das Gebet Dir Trost gewährt. Ich kann nicht beten. Du weißt ja, wie ich darüber denke." „Aber Du glaubst doch auch an Gott; wieso kannst Du nicht beten?" „Weil ich mich nicht so wichtig in der Schöpfung halte, daß die Macht, die Du Gott nennst, und der die ganze Welt gehorcht, meinethalben die ewigen Gesetze der Natur brechen soll. Oder meinst Du, weil Du Deinen Gott schön bittest, er Ihne Dir den Gefallen und störe den ewig unabänderlichen Gang der ewigen Naturgesetze. Wenn Du das meinst, so bete und heil Dir, wenn Dein Glauben so stark ist, daß Du glauben und hoffen kannst." „O, mein Mann, ich will keinen religionsphilosophischen Disput mit Dir führen, bei dem ich unterliegen müßte. Aber ich habe heute die Predigt unseres Rabbiners gehört und dieselbe ist mir zu Herzen gegangen. Ich glmbe an einen Gott und an besten göttliche- Walten. O, nimm mir diesen Glauben nicht. Dein Unglaube hat Dir das Herz des Vaters geraubt, des besten Vaters, den es gibt, laß ihn nicht auch Dir das Herz Deines Weibes entfremden. Bete mit mir zum allmächtigen Richter der Welt; Du findest im Gebet den Glauben und im Glauben den Vater wieder. Vielleicht ist die Krankheit unseres Knaben eine Warnung Gottes, womit er Dich zurückführen will zum Glauben, zur Religion. Vielleicht sendet er, wenn Du Dich zurückfindest auf den Weg der Religion, unserem Kinde Genesung und Du hast Dein Kind und Deinen Vater wiedergewonnen mit Deinem Glauben. Oder könntest Du die Vorwürfe ertragen, die ich Dir machen müßte, wenn durch Deine Schuld unser Bruno sterben, durch Deine Weigerung zu beten unser Gott das Kind zu sich nehmen würde. Nein, mein Herz, mir zu Liebe