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Der Israelit · 1898-08-01 · Heft 60 (1.8.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 60 (1.8.1898)
Date
1898-08-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1105 Leise, aus den Zehen gehend, gelangen Beide bis zum Stuhle des Professors. Da hebt die Mutter den Knaben empor und seine weichen Händchen legen sich von hinten her auf die Augen des Professors und mit verstelltem Stiiumchen ruft er: „Nathe, Papa, wer cs ist!" Zuerst will der Professor, ob der unwillkoiiuuneu Störung ärgerlich auffahren, doch als er die Worte hörte und die Stimme erkennt, legt er das Haupt zurück und sagt mit tiefer, wohlklingender Stimme: „Das ist leicht zu rathen; das ist Bruno, -.nein Goldjunge." „Errathen, Papa," rief erfreut der Knabe. „Aber weiter rathen, es ist noch jemand da." „Am Ende gar die Mama!" sagte der Professor, und voller Jubel rief Bruno: „Errathen, errathen, Du kluger Papa.'" Jetzt erst lösten sich die Händchen von den Augen und die Aermchen umschlangen den Hals des Vaters und die weiche Wange des Kindes schmiegte sich an die gebräunte des Mannes und der kleine Mund küßte den Mund des Vaters und sagte: „Komm mit Papa, Bruno und Mama wollen ausgehen." „Wohin wollt Ihr denn:'" „Wir gehen zur Synagoge," sagte erröthend die junge Frau, „Du weißt ja, heute Abend. —" „Was ist heute Abend?" fragte erstaunt der Professor. „Heute Abend beginnt Rösch hafchonoh." „Ach so," entgegnete er gedehnt. „Nun gehe Du nur hin mit dem Knaben und betet auch für mich." „Und Du?" fragte bittend das junge Weib. „Ich habe Wichtigeres zu thun. Ich stehe auf dem Punkte eine Wahrheit zu entdecken, die meinen Namen unsterblich machen wird. Gehe nur, mein Herz und störe mich nicht länger." Die Thränen traten der jungen Frau in die Augen, daß sie am heutigen Abend allein in das Gotteshaus gehen sollte, aber sie ging. Sie wußte, wie wenig ihr Mann glaubte. Ec wähnte mit seiner Wisienschaft für die llnsterblichkeit zu arbeiten, er ging ganz in ihr auf und vergaß dadurch für die Unsterblichkeit sich vorzubereiten, die Gott uns allen verheißen. Zärtlich umfaßte sie ihren Knaben und ging mit demselben dem Gotteshause zu. Von allen Seiten her kamen die Glaubensgenossen herbeigeströmt, alt und jung, reich und arm, groß und klein; schier wollte das freundliche Gotteshaus die andächtige Menge nicht fassen. Hier kommt ein altes Mütterchen gebückt von der Last der Jahre, mit seinen Sterbekleidern angethan und thränenden Auges das Gotteshaus aufsuchend. Ach, vor Jahres- „ frist noch begleitete es der Gatte zur heiligen Stätte und jetzt — jetzt schläft er draußen am stillen Ort; das Jahr hat ihn hinwcggerasst mit noch so vielen, vielen Andern. „Leschonoh tauwoh tikosewih," tönt cs ihr von Kindermund entgegen; „ein gutes, glückliches und gesegnetes Jahr, Großmütterchen, und lange Jahre noch möge Dich uns der liebe Gott gesund erhalten." Und der zahnlose Mund, der eben ein ganz anderes Gebet zu Gott schicken wollte, verzieht sich zu wehmüthig glücklichem Lächeln und ilüstert im Anschauen der glücklichen Jugend: „Amen, wechen jehi rozaun!" Schluchzend kommt hier eine junge Wittwe mit zwei Knaberi in's Gotteshaus. Sie küßt und segnet die Kinder, bevor sic in die Männerschul treten und ermahnt sie: „Seid artig, fromm und betet." Ach, am letzten Nosch hafchonoh war sie noch glücklich an der Seite des geliebten Mannes in's Gotteshaus gekommen und heute — draußen liegt er ruhig und still bei all' den Entschlafenen seines Volkes. Immer mehr Leute kommen. Aber trotz der vielen Menschen herrscht eine andächtige Stille in dein heiligen Nauru und nur hier und da hört mau die Worte: „L'schonoh tauwoh!" Bruno und seine Mutter traten auch in die Svnagoge ein; heiliger Schauer ergriff den Knaben, als er die ernsten Blicke der mit ihren Sterbekleidcrn bekleideten Männer und Frauen sah. Leise zupfte er die Mutter am Kleide und fragte: „Warurn ist Papa nicht auch da und warum bist Du anders gekleidet als die anderen Frauen?" Wie ein Stich ging der Mutter diese Frage ihres Kindes durch's Herz. Sie hielt ihm den Mund zu mit) sagte: „Stille, stille, rneiu Bruno! man darf hier nicht sprechen." Und der Knabe schwieg. Eng au seine Mutter geschmiegt, lauschte er den Worten des greisen Nabbiners, der jetzt die Kanzel bestieg und zu seiner Gemeinde redete, wie ein Vater mit seinen Kindern spricht. Wohl mochte das Kind von der Rede wenig verstehen, aber seine Wangen rötheten sich und feine Augen glänzten, als sich der Rabbiner jetzt im Gebete zu Gott wandte und Glück und Segen erflehte für seine Gemeinde, für alle Gemeinden Israels. Kein Auge blieb thränenleer, als er derer gedachte, die Gott im verflossenen Jahre zu sich gerufen, und ein lautes Amen der ganzen Gemeinde folgte feiner Schlußbitte: „Sei ihnen ein gnädiger Richter, mein Gott, die Dein Gericht im Grabe erwarten, und die wir hier zerknirscht vor Dir stehen und um

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