Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 51 (30.6.1898)
- Date
- 1898-06-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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937 des Kerkerbewohners vertrug. Denn wie hätte er schlafen können, da so drohende Gefahren über seinem Haupte schwebten, da das Damoklesschwert fürstlicher Rache über ihm aufgeknüpst sich zeigte?! Doch es dauerte nicht lange, bis er zur vollen Besinnung kam, und da spiegelte sich ihm sein ganzes Thun und Lassen klar und ordentlich ab im ganzen Strom der Zeiten. Und da konnte er sich freudig gestehen, daß, wie Horaz es so treffend ausdrückt, das Bewußtsein seiner Seelenreinheit und Schuldlosigkeit eine eherne Mauer um ihn bilde, die fest und unerschütterlich für alle Zeiten steht und die kein Geschütz tyrannischer Mächte, auch wenn es noch so große Durchschlagkraft besäße, zü erschüttern vermag. Er betete inbrünstig zu Gott um Festigkeit in seinem Vorsatze, dem Wege des Rechts und der Wahrheit, auch wo der Tod in drohender Gestalt ihnt nabe trat, treu zu bleiben und sich durch nichts irre machen zu lassen. So saß er noch im Nachsinnen über sein Schicksal vertieft, da öffneten sich die Kerkerthüren und ein verhüllter Mann trat herein. Der Gefangene erkannte trotz der Verkappung Dubois, der auch mit unveränderter Stimme begann: „Habt Ihr Euch besonnen, Esquiros?" „Ich habe mich seit 00 Jahren besonnen wie zu handeln s i, und glaube es jetzt hinreichend zu wissen." „Ich rathe Euch, diesen trotzigen Sinn fahren zu lassen, kenn der Herr zürnt Euch gewaltig." „Der Herr zürnt m>r nicht, daß ich seinen Weg wandle, denn er ist gerecht und will Gerechtigkeit." „Esquiros, Ihr seid ein Narr! Laßt vernünftig mit Euch reden. Ihr seid Jude und schutzlos hier im Lande. Fügt Ihr Euch dem Willen des Regenten — so wird er Euch in Eurer vorigen Stellung lassen und Euch noch dazu mit Gnaden überhäufen; fügt Ihr Euch nicht, lo lassen mir Euch baumeln, obgleich wir sehr gut wissen, daß Ihr kein Mitverschworener der Bretagner seid, die jetzt schon sämmtlich eingezogen sind. Auf's Gericht braucht Ihr nicht zu hoffen — das Gericht ist der Regent und meine unwürdige Person, denn das Parlament hat S. K. Hoheit in dieser Sache die Gerichtsbarkeit übertragen, aus Sorge für das Wohl des Staates. Ihr habt gehört, was zu sagen — und damit genug. Ihr seid schutzlos — erwägt das wohl!" Da sprang Esquiros auf und seine Ketten klirrten, und seine Augen glänzten und feine weißen Locken wallten über seine Stirn ungestüm sich schüttelnd. „Schutzlos sind wir, wir, die der Herr 40 Jahre lang durch die Wüste geführt?.'" „Das ist lange her" — sagte Dubois trocken „Wir, die er sein auserwähltes Volk genannt, denen er einst noch einen Messias senden wird?" „Der aber nicht auf! dem Greveplatz loskämpft." seid ein Elender", — donnerte Esquiros. „Wenn Ihr mich nicht hören wollt, hört diese" — und die Thür des Kerkers öffnete sich nochmals. Die Familie des Gefangenen stürzte schluchzend herein, die Gattin und Tochter sanken ihm zu Füßen, der jüngere Sohn klammerte sich an seinen Hals — nur Benjamin stand stumm und finster zurück. „Vater, Vater, laß es nicht aufs Aergste ankommen!" ertönte es aus ihrem Munde. „Mache Deine Lieben nicht elend, bringe sie nicht zur Verzweiflung. Gieb nach den Gewaltigen! Es ist ja nur eine Schrift, die er verlangt, und Geschriebenes verweht der Wind." „Aber der Wind verweht nicht die Dual meines Gemüthes, ob dem was ich geschrieben habe." „Willst Du denn Dich dem gewissen Tode überliefern?" rief die jammernde Frau — „Bedenkst Du nicht, daß Du auch uns ins Elend stürzest, daß wir ohne Dich nicht leben können, nicht leben wollen." „Ich bin drei Jahrzehnte Dein treuer Gatte gewesen," sprach Esquiros, „und keine Schuld habe ich mir vorzuwerfen, wegen Mangels an Liebe und Vertrauen weder von Deiner Seite noch von der meinigen- Und ich handle in dem Geiste, der mich so lange beseelte, wenn ich mein Ohr Euren Bitten verschließe. Ihr könnt es nicht wollen, Ihr dürft e8 nicht begehren — daß ich meinen Deinen Namen am Abend irwines Lebens befleckte, und Euren Ruf — denn er ist mit meinem eng verwebt — dem gerechtesten und bittersten Tadel der Mit- und Nachwelt Preis gebe. Habe ich nicht recht, Benjamin?" „Ja, mein Vater!" rief der Jüngling und stürzte weinend an das Herz des Vaters. Dübois aber zog sich zurück und rief noch im Scheiden Esquiros zu: „Ihr habt's gewollt, Ihr seid verloren. Seht zu, ob Euer Messias Euch rettet!" Die trauernde Familie durfte nur kurze Zeit beim Gefangenen bleiben, und als der Morgen wieder heranbrach, konnte sie an den Straßenecken von Paris das Plakat kleben sehen, wodurch Nathan Samuel Esquiros wegen Theilnahme an einer Verschwörung gegen den Regenten zum Tode durch den Strang auf dem Greveplatz verurtheilt wurde. Sie gab Alles verloren und verfiel in jene dumpfe Erstarrung des Gemüths, die bei ungeheuren Nnglücksfällen noch als das größte Glück anzusehen, da sie dem Elenden den ganzen Umfang seiner Trübsal im ersten Augenblick noch nicht ganz zu übersehen verstauet und mit wohlthätiger Binde seine thränenschweren Augen umhüllt.