Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 51 (30.6.1898)
- Date
- 1898-06-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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935 den Plünderungen und Ueber fälle seitens der Naphthagruben-Arbeiter gemeldet. Neuerliche Exzesse fanden auch in Bochnia stall. Die Militär-Besatzungen wurden überall verstärkt. NeitSiMdee, 28. Juni. Statthalter Graf PininSki empfing eine Abordnung der israelitischen Gemeinde, welche ihm d^e gefahrdrohende Lage in ungeschminkter Weise darstellte. Der Statthalter gab die Versicherung, daß seinerseits die strengsten Maßregeln ergriffen werden, nachdem er selbst die Ueberzeugung gewonnen habe, daß die Lage in Neu-Sandcc drohender als in allen anderen Bezirken West-Galiziens ist. Trotz dieser beruhigenden Erklärung herrscht hier große Panique. Alle Läden sind geschlossen und der Handel im ganzen Bezirke ist lahmgelegt, da die Vorgänge in Alt-Sandec, wo sogar das Militär dem Raub nicht steuern konnte, furchtbar deprimirend wirken. Die Plünderungen in der Umgegend dauern immer fort und werden durch die Connivenz der intelligenten Stadtbevölkerung gefördert. — In Neu-Sandec läßt der Magistrat durch Trommelschlag alle Wochen- und Jahrmärkte bis auf weitere Verfügung absagen. In der Stadt herrscht ungewöhnliche Bewegung, sämmtliche jüdischen Geschäfte bleiben auch weiter geschloffen. Militär- Patrouillen durchstreifen im Eilschritte das ganze Aufruhrgebiet. Mit aufgepflanztem Bajonnet werden die verhafteten Excedenten von Jnfanterie-Abtheilungen escortirt. Die ganze Nacht waren die Fenster in vielen Häusern beleuchtet. Sehr häufig stellten die christlichen Bewohner in das Fenster neben die Lampe Heiligenbilder, um einen Ueberfall der Bauern von sich abzuwenden. Der geschäftliche Verkehr stockt vollständig, da die Kaufläden in Neu-Sandee schon seit fünf Tagen geschlossen sind. Den Geschäftsleuten, auch den christlichen, droht der völlige Ruin. Die Mittelklasse befürchtet eine Hungersnoth. — In Dubiecko (Bezirk Brzozow) sind ebenfalls Exzesse ausgebrochen. Das von Przemysl requirirte Militär hat die Ruhe wieder hergestellt. Der Stadt- und Gerichtsarzt in Brzoftek, Dr. Casimir Ezerwinski, theilt den hiesigen Blättern mit, daß das auch von polnischen Journalen wiederholte Gerücht, der dortige Viear P. Stanka sei von den Juden vergiftet worden, der Begründung vollständig entbehre, da der Tod dieses Geistlichen, den Dr. Ezerwinski ärztlich behandelt habe, durch einen Blutsturz verursacht wurde. — Einem Neu-Sandeeer Bericht des Glos Rarodu zufolge wurden die Gasthäuser in einem Umkreise von zwei Meilen zerstört. In den Dörfern sieht es wie nach einer Schlacht aus. Alle Bauern haben ihre Wohnungen verlassen; sie verstecken sich im Walde und überfallen zu „geeigneter Zeit" die Gasthäuser. — Aus Neu-Sandee wird telegraphirl: Der Bürgermeister hat einen Aufruf an die Bevölkerung der Stadt placatiren lassen. Es wird in demselben an die Bewohner appellirt und ihnen vorgestellt, daß sie die Freiheit, welche ihnen zu Theil wurde, nicht zu schätzen wissen und daher die Behörden zur Anwendung von Waffengewalt zwingen. Weitere Exzeffe würden nur eine Vergrößerung des Elends der Einwohner verursachen und über ste eine Lage ohne Ausgang berausbeschwören. „Ich warne euch," so schließt der Aufruf, „und kündige euch an, daß die milden Mittel aufhören werden. Im Falle eines Tumultes werden die schärfsten militärischen Mittel zur Anwendung gelangen. Die Ordnung muß wiederhergeftellt werden, und es werden keine Opfer gescheut werden." Wie den polnischen Blättern telegraphirl wird, gährt es rings um Neu-Sandec heruur. Nacht» haben Exzeffe in Kroscienko stattgefunden, ebenso in JazowSko. Hier wurden die Excedenten vom Militär mit den Bajonetten zurückgedrängt. Da daselbst noch größere Ruhestörungen befürchtet werden, wurde eine entsprechendere Militär-Abtheilung requirirt. Beunruhigende Nachrichten tnffen auch aus Muszyna und dem Dorfe Krynica ein. Zwei Eompagnien Infanterie gehen dorthin ab. Das Militär- Aufgebot hat sich als nicht ausreichend erwiesen. Im Uinkreise von Limanowa sind ebenfalls Exzesse auf der Tagesordnung. Die Stadt Limanowa blieb jedoch bisher von den Unruhen verschont. Beim Statthalter Grafen Pininski erschienen gestern in Neu-Sandec das Präsidium der Bezirksvertretung, das Präsidium des Gemeinderathes mit Magistrat, Gerichts-Präsident Talasiewicz und eine Abordnung der jüdischen Bevölkerung. Der Präsident des israelitischen CultusratheS, Dr. Dawid, und der Rabbiner Halberstamm schilderten die Lage der Juden und baten um wirksamen Schutz. Der Statthalter versprach, daß die schärfsten Mittel zur Wiederherstellung der Ordnung in Anwendung gebracht werden sollen. Der Statthalter gab zu, daß hier die Situation am bedrohlichsten erscheine. Es traf in Neu- Sandec auch eine Deputation aus Alt-Sandec ein. Der Vicc-Bürgermeister Przybylski entwarf ein Bild der Verwüstung in Alt-Sandec. Der Statthalter stellte für heute seine Ankunft in Alt-Sandec in Aussicht. Aus Rzeszow wird unter dem 26. d. M. geschrieben : „Heute hatten wir einen heißen Tag. Die ganze Stadt brachte diesen Tag in der größten Aufregung zu. Das Kosciuszko-Denkmal wurde heute hier enthüllt, und ein Ausschlachten aller Juden war auf diesen Tag angekündigt. Einige tausend Bauern unter der Führung des Abg. Szajer sollten Zeugen dieses seltenen Festes sein, und Herr Szajer mußte