Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 48 (20.6.1898)
- Date
- 1898-06-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIX. Jahrgang. Beilage zu M 48 ürs „Israelit^. Leitender Artikel. Die Wahlen. Jetzt sind die Wahlen seit drei Tagen vorüber und man kann sich schon ein Bild von ihrem Ausfall machen, ohne befürchten zu müssen, durch die fortwährend neu eintreffenden Berichte desavouirt zu werden. Im Allgemeinen wird man sagen können, daß der neue Reichstag dem alten nicht unähnlich werden wird. Die Socialdemokraten werden einige Mandate gewinnen, wie sie schon viel Stimmen gewonnen haben, das Centrum hat einen sicheren Gewinn von einigen Sitzen, innerhalb der anderen Parteien werden kleine Verschiebungen vor sich gehen, die jedoch das Gesammtbild des Reichstages nicht sehr beeinflussen werden. Genaueres werden erst die 200 Stichwahlen ergeben, die stattfinden müssen. Nach einer Richtung hin und zwar nach der, die uns als Juden am meisten interessirt, können wir bereits jetzt ein desinitives Urtheil abgeben, die Parteien der Judenhetze haben eine schmähliche Niederlage erlitten, und das gilt sowohl von den reinen Antisemiten, wie von den radikalen Antisemiten, als auch von den radikalen Agrariern, welche glaubten, ihre Geschäfte mit Judenhetze machen zu können. Die Wahlresultate bedeuten einen vollkommenen Zusammenbruch der Partei der reinen Antisemiten. Die folgende Aufstellung wird dies sofort Nachweisen. Die Antisemiten haben folgende fünf Mandate verloren: Bensheim-Erb ach, bisher Hirschel, Eschwege-Schmalkalden, bisher Jskraut, Dresden-Altstadt, bisher Zimmermann, Dresden-Neustadt, bisher Klemm, Neustettin, bisher Prof. Förster. Behauptet haben sie: Bautzen, bisher Gräfe, wiedergewählt, Pirna, bisher Lotze, wiedergewählt, Fritzlar-Homberg, bisher Liebermann, wiedergewähtt, Hersfeld-Rotenburg, bisher Werner, wiedergewählt. Rinteln-Hofgeismar, bisher Vielhaben, wiedergewählt. Diesmal zur Stichwahl: Marburg, bisher Böckel, diesmal gegen Konservative, Gießen, bisher Köhler, diesmal gegen Socialdemokraten, Waldeck, bisher Müller, diesmal gegen Nationalliberale, Meißen, bisher Lieber, diesmal Gäbe! gegen Sozialdemokraten, Arnswalde, Ahlwardt, diesmal gegen Konservative, Nordhausen, bisher freisinnig, diesmal Aschendorff gegen Freis, Apenrade, bisher Nationalliberal, diesmal Raab gegen Sozialdemokratie, Uckermünde, bisher freisinnig, diesmal Schröder gegen Freisinnig. Roch unbekannt ist das Resultat in Alsfeld. Noch viel bezeichnender als der Rückgang an Mandaten ist der starke Verlust an Stimmen. Obwohl die genauen Ziffern fehlen, so ist doch schon sicher, daß in Sachsen die antisemitischen Gruppen mindestens 20000 Stimmen verloren haben, in der Mark Brandenburg mindestens 10000, ebenfalls in allen Ostprovinzen, wahrscheinlich auch in Hessen, obwohl die Ziffern von dort noch nicht vollständig sind. Fielen doch in der Stadt Schmalkalden von 16 000 Wahlberechtigen nur 45 Stimmen auf Jskraut. Gewonnen haben sie nur in Schleswig-Holstein und auch dort nur in zwei Kreisen, Apenrade-Flendsburg und Kiel-Rendsburg. Noch viel ungünstiger haben die radikalen Antisemiten abgeschnitten, die in keinem einzigen Wahlkreise eine nennenswerthe Anzahl von Stimmen erzielt haben, geschweige denn in die Stichwahl gekommen sind. Auch die judenhetzerischen Agrarier haben bisher keinen einzigen Erfolg zu verzeichnen, selbst ihre Führer, Dr. Hahn vor allem, müssen sich einer Stichwahl unterwerfen. Die Antisemiten waren im vorigen Reichstag 16; wenn wir von den Stichwahlen Uckermünde und Nordhausen abziehen, in denen sie gar keine Chancen haben, so könnten sie, den schlimmsten Fall vorausgesetzt, auch nur in Stärke von 12 wiederkommen. Hoffentlich sind es aber noch nicht einmal so viel. Die Stimmen, die die Antisemiten verloren haben, sind sämmtlich den Sozialdemokraten zu Gute gekommen, wie die genauen Zahlen beweisen werden. Ja Caprivi hatte Recht: Der Antisemitismus ist die Vorfrucht der Sozialdemokratie.