Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-06-20 · Heft 48 (20.6.1898) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 48 (20.6.1898)
Date
1898-06-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448902--46194-2496598
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

iwppippipj^pipisifw^ 885 ersten Jugendjahren den früh Verwaisten begleitet hatte. Doch sein strebsamer Geist, der sich hinaussehnte über die engen Grenzen des ekelhaften Getreibes ließ den Jüngling nicht rasten, bis er in einem Handlungshause einen Platz gefunden, wo er sich durch Talent und strenge Rechtlichkeit in gleichem Maaße anszeichnete. Einige Jahre waren ihm hier in der Mitte seiner Glaubensgenossen und im schönen Gefühle erfüllter Pflicht vorübergegangen, als ihn der Zufall mit dem damaligen Herzog von Chatres, jetzigem Regenten, durch kaufmännische Beziehungen in Berührung brachte. Es handelte sich um eine Anleihe, und der Herzog, welcher mit Esquiros, als Agent des Hauses, zu verhandeln hatte, entdeckte Ln demselben so viel feinen Takt, erprobte Weltkenntniß und unerschütterlich feste Redlichkeit, daß er ihn zu seinem Hofagenten ernannte, und ihm durch diese Wahl die größte Macht über fein ganzes Vermögen in die Hände gab. Esquiroz hatte mit treuer Umsicht alle Geschäfte des Regenten besorgt, und selbst der Neid konnte ihn nicht der kleinsten Veruntreuung, des unbedeutendsten Fehls zeihen. Sein Name war geachtet, wie der eines echten Biedermannes, und seine Glaubensgenossen priesen ihn als den Wohlthäter seines Stammes, denn, wie er ein treuer Verwalter des fremden Guts war, so zeigte er sich auch als unerschrockenenen Vertreter der Interessen seiner Mitbrüder, und überall, wo er Gelegenheit fand, war er rastlos bemüht, das zu verbessern, was jesuitischer Fanatismus und übelverstandene Ansicht des in dumpfen Aberglauben versunkenen Pöbels vom Rechte der herrschenden Kirche in den jüdischen Angelegenheiten so arg verschlimmert hatten. Es war am Sabbat; festliche Düfte durchzogen den Saal des alten Hauses, in dem eine Familie versammelt war, die sich den geläuterten Genüssen der Sabbatruhe hingab. Auf dem prächtiger: persischen Divan ruhte der Herr des Hauses, und um ihn her war die Frau, die hold erblühende Tochter und der Sohn, ein kräftiger Jüngling geschaart; ein Knabe von ungefähr 10 Jahren hatte sich an den Vater geschmiegt. „Genug vom Law'schen Unwesen!" sagte Esquiros tief aufseufzend — „genug davon, meine Kinder. Der Sabbat ist zu schön, als daß wir ihn uns durch solche trüben Gespräche verbittern sollten. — Lieber Emanuel, Du weißt doch noch die Geschichte aus dem Talmud, die Dir Dein Bruder vergangene Woche erzählte?" „Ja gewiß, so etwas vergißt man nicht. Ach, es war doch schön von der Frau des Rabbi, daß sie ihren Schmerz so lange bekämpfte, und dem Vater erst beim Ausgang des Sabbats den Tod seiner Söhne hinierbrachte. Ich hätt's nicht so lange ausgehalten." „Aber Dein Bruder gewiß, nicht war Benjamin?" „Möge der Herr es nie an mir erproben, theurer Vater. Wohl glaube ich, ein würdiger Sohn Israels zu sein, und meine Schultern sind bereit, das zu ertragen, was der Herr ihnen auferlegt, aber wenn es vereinbar mit seinem hohen Willen, so halte er jede Trübsaal von mir fern!" „Amen!" sagte die Tochter, und ein leiser Seufzer entrang sich ihrer Brust. „Was fehlt denn Dir," begann die Mutter, „Du hast den ganzen Tag so bleich ausgesehen!" „Ich habe einen bösen Traum gehabt, der mich noch nicht lassen will. Gestern Abend hat der Benjamin so viele Geistergeschichten aus den Midraschim erzählt, und die mögen Schuld gewesen fein. — Ich stand am Fenster — so träumte mir — und eine dunkle Gestalt schwebte am Himmel und senkte sich langsam in weiten, weiten Kreisen auf unser Haus herab. Ich fühlte mich von Schauer durchdrungen und konnte doch nicht von der Stelle, denn ich war wie festgebannt. Und als die Gestalt näher kam, da war's ein Engel mit feuriger Klinge, und er rief mir zu: Kennst Du mich, ich bin der Bote, den der Tod entsendet. Und plötzlich war er im Hause, und sein Schwert blitzte bald hier, bald dort, gleich einem Kometenschweife in dunkler Nacht; als ich auf einmal des Vaters Stimme hörte, der ausrief: Weh, weh mir, lebt wohl, meine Kinder! — Da bin ich erwacht, in Angstschweiß gebadet." Eine dumpfe Stille herrschte, nachdem Dina ausgesprochen, endlich brach Benjamin das Schweigen. „Träume sollen uns nicht ängstigen, ist doch alles um uns her noch klar und hell." „Nicht so klar, wie Du meinst, mein Sohn," sprach Esquiros sichtlich bewegt. „Ach, hätte man meinen Rath gehört! — Frankreich schwebt über einem Abgrund." „Der uns aber nie verschlingen kann. Wer Dich angreift, der greift die Unschuld selbst an. Dein Ruf steht fest gegründet, und no<ch gestern sagte der Cardinal Dubois, als er sich huldvoll mit uns unterhielt, daß keiner geachteter wäre beim Regenten, als Du." „Ich traue nicht auf die Menschen, wie es mir der Psalmist räth. Ich verlasse mich auf den großen Regenten, der mich so wundersam geleitet. Ja, auch ich kann sagen, — ich hatte nichts als einen Stab, da ich über die Seine ging, und jetzt bin ich gesegnet mit Geld und Gütern." „Nur das bemerkte die Eminenz" — siel schüchtern Dina ein „daß der Vater oft gar zu starr sei, und daß man sich dem hohen Herrn mehr fügen müsse, um sich seine Gunst zu bewerben." „Ja, in der That, das hat er gesagt," fiel die Frau ein, „und ich glaube, es sollte ein Wink sein."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.