Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 47 (16.6.1898)
- Date
- 1898-06-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXHC. Jahrgang. 47. Der Israelit. Ein Aentrak-Hrgan für das orlhodore Iudenthum. Begründet von Dr Obmann in Mainz Donnerstag, den 16. Juni 5658 (18S8). Leitender Artikel. Die mündliche tehre. Von Simon Frankfurter in Wesel. (Fortsetzung.) WaS also jene Weisen uns überliefert haben, es ist die ewige Gotteslehre. Ohne die Tradition wäre der Glaube an ein Jenseits, an Belohnung und Bestrafung und die Auferstehung, gleichwohl sie im schriftlichen Gesetz enthalten sind, dein Volke nicht zugänglich gemacht, weil die concrete Formulirung als Glaubenssätze durch die 2702^ nun die schriftliche Thora nicht gegeben ist. Die Lehre unserer Rabbinen ist es mithin, die auch in die Tochter-Religionen des JuventhumS übergegongen sind. Ohne die Unterweisung, welche wir von unseren Rabbinen erhalten haben, wüßten wir auch nicht, wie wir unserm Gotte zu dienen hätten, es gäbe kein einheitliches Rituell, mithin keinen universalen Gottesdienst. Ja, selbst unsere Sillenlehre verdanken wir nur der hohen Auffassung des Göttlichen im Menschen, die unsere Weisen gehabt haben. So erkennen wir, daß von Judenthum überhaupt nicht die Rede sein könnte, wenn die mündliche Lehre davon weggenommen würde. ES könnte nun entgegnet werden, es gäbe doch auch einen Karäismus, eine Sekte, die sich Juden nennen und dennoch nur die schriftliche Lehre zur Grundlage und Quelle ihres Glaubens gemacht haben. Diese Karaiten aber, das diene denjenigen zum Bescheide, die solche Einwürfe erheben, können auch einer Art Tradition nicht entbehren. Auch sie empfinden das Bedürfniß nach Auslegung und Erläuterung der schriftlichen Lehre. Ihre traditionelle Quelle ist aber so unklar, so verworren und so unabhängig von der Auslegungsart ihrer Chachamim, daß es fast so viele Sekten, so viele Riten bei ihnen gibt, wie Gemeinden. Sie haben übrigens viel vom Mohamedanismus in sich ausgenommen und lehnen sich an jede Wand, die ihnen irgendwie Positives bietet, um sich vor Verfall zu schützen. Und doch verfällt ihr Glaubensgebäude immer mehr, so daß es sich nicht mehr lange stützen lasten wird. Grade die Karäer geben den deutlichsten Beweis, daß es ohne die sinaitische Tradition, welche uns die Weisen der Vorzeit unverfälscht hinterrastrn haÜM7'kettl Judeilthuril tM. Man könnte nun die allerdings naheliegende Frage aufwerfen, warum denn der Ewige diese mündliche Lehre nicht durch Moscheh aufschreiben ließ, da sie dann doch ohne Weiteres und leicht dem Volke hätte zugänglich gemacht werden können. Da möge man aber bedenken. was nicht alles schon mit dem geschriebenen Worte geschehen ist, seitdem es Gemeingut aller geworden, welche Frevel man cn Gottes geoffenbarte Lehre verübt hat. Wie hat man versucht, der heiligen Thora die fremdartigsten und dem Willen und der Absicht des höchsten Gesetzgebers oft grade entgegengesetzte Deutungen zu unterschieben! Der Freigeist aus unserer Mitte selbst wagt seine verschrobenen Meinungen über dieses hehre Werk zu äußern, ohne den Urtext richtig zu verstehen. Ohne eindringcn zu können in die ewigen Wahrheiten und Schönheiten des göttlichen Buches, die man in keiner Uebersetzung auch nur annähernd wiederzugeben vermag, kühlt so mancher sein Müthchen an ihnen. Wiederum andere haben unsere heiligen Bücher und Prophezeiungen mißverstanden und irrig ausgelegt, ja man hat uns, die legitimen Besitzer, Eigenthümer und Wächter des ewigen Gotteswortes als diejenigen darzustellen versucht, die es nicht verständen, die cs nicht verstehen wollten. Uns, denen Gott am Berge Sinai sein