Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1898)
- Date
- 1898-06-08
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448899--46146-2496547- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
840 die Ursache derselben sei die, daß ihn die Juden gefangen, in einen Keller eingesperrt und in eine mit Nägel ausgeschlagene Kiste gesteckt hätten, doch sei es ihm während der Nacht gelungen, zu entkommen, und sich so vor den barbarischen Mißhandlungen zu retten u. s. w- Dies gab einer anderen Menge Anlaß, drei jüdische Geschäfte zu überfallen, wo sie die Fenster einschlug, und einen Theil der Maare herumwarf, während einige gute Christen raubten und stahlen. Auch hier gelang es der Polizei, unter Mitwirkung des Militärs, die Ruhe wieder herzuftellen und die Gemüther zu beruhigen, während die Schuldigen dem Gerichte übergeben wurden. Bei dem in Gegenwart des Divisionscommandanten, des Kreispräfecten und eines Geistlichen vorgenommenen Verhöre gestand der Knabe vor seiner Mutter und seiner Tante, daß er von Niemandem gefangen worden sei, daß er sich am Nachmittag des 30. März im Hause seiner Tante aufgehalten habe und daß die Erzählung an seine Kameraden nur ein Scherz gewesen sei, mit dem er seine Abwesenheit von der Schule rechtfertigen wollte. Dasselbe bestätigten auch die Mutter und die Tante des Knaben. Die Redacteure des hauptstädtischen Blattes „Otsiw" scheinen ihre christlichen Collegin in Sliven um ihre Erfolge vor den Osterfeiertagen zu beneiden, und melden deßhalb in ihrer vorgestrigen Nummer, daß ihren Nachrichten zufolge auch hier irgend ein Jude einen Knaben auf der Gasse fangen wollte, doch sei ihm dies nicht gelungen, und die Juden hätten der Mutter einige Napoleons gegeben, damit sie Niemandem etwas von dem Vorgefallenen erzähle. Das genannte Blatt droht auch, über diesen Fall in den nächsten Tagen noch mehr zu schreiben. Wie unsere Informationen lauten, ist das im „Otfiw" Geschriebene nichts weiter als eine jener Erfindungen, mit welchen die Spalten dieses hauptstädtischen Schmähblattes täglich gefüllt sind. Aus demselben Anlasse schreibt die „Narodni Prava": Ein hauptstädtisches Blatt, das sich nicht nur nicht die Mühe gibt, die Richtigkeit der ihm gemachten Mittheilungen zu prüfen, sondern nicht einmal untersucht, inwieweit diese Mittheilungen auf einer gesunden Basis ruhen, bringt ans Jambol die telegraphische Nachricht, daß unsere jüdischen Mitbürger dort ein Mädchen gestohlen hätten, um einen religiösen Ritus zu erfüllen. Mit großem Widerwillen sind wir gezwungen, das Getratsche über diese thierischen Jnstincte zurückzuweisen, für die die Zeit des Aberglaubens schon lange vorüber ist, damit sie noch jetzt irgendwelchen Werth haben. Wir glauben, daß es bereits an der Zeit wäre, diese veralteten Feindseligkeiten fallen zu lassen, und daß ihr gefährliches Feuer nicht zwischen Bulgaren und Israeliten geworfen wird, was nur immer beklagenswerthe Folgen hatte. Der Fall von Vratza ist noch zu frisch, als daß uns der Wunsch einiger Leute, die solche Mißverständnisse nur aus gewissenlosen und niedrigen Zwecken Hervorrufen, nicht erregen sollte. Die bulgarischen Bürger, mögen sie sich zu welchem Glauben immer bekennen, bedürfen eines Zusammenlebens, Friedens und Einigkeit, um ihre Pflichten als Bürger in einem conftitutionellen Staate gewissenhaft erfüllen zu können. Deßhalb finden wir diese Agitation für das Stiften von Feindseligkeiten zwischen Bürger und Bürger für ebenso thöricht als unpatriotisch. Indien. § Bombay, im April. Die hiesige Judengemeinde war nicht wenig überrascht, als vor wenigen Tagen das hier erscheinende indische Blatt ,,dlu8rnk El-Ukbar*, das seit kurzem ein wenig in Antisemitismus macht, indem es Citate aus in Europa erscheinenden judenfeindlichen Blättern bringt, die Nachricht veröffentlichte, daß im Jahre 1900 in der den Indiern heiligen Stadt Benares am Ganges ein Religions-Congreß abgehalten werden wird, zu dem auch die Juden mit einer Einladung beehrt werden sollen. Nebst den Juden, Christen und Mohamedanern, sollen zu diesem Congreffe alle Religionssecten Indiens, die an ein höheres Wesen glauben, obgleich sie nebenbei auch dem Götzencultus huldigen, geladen werden, und soll dieser Congreß durch dreißig Tage hindurch tagen. Möglich, daß einige jüdische Gelehrte Europas, die ihre Namen in den Zeitungen gedruckt lesen wollen, die weite und theuere Reise nach Benares nicht scheuen werden, von den Juden Indiens wird sich jedoch schwerlich einer herbeilassen, an diesem seltsamen Congreffe theilzunehmen, da der in der genannten Stadt herrschende Fanatismus ein so gewaltiger und großer ist, daß nicht nur die Juden, sondern auch die Mohamedaner nur ungern dort weilen, um beit greulichen Thier- und Götzenkultus, der dort herrscht, nicht mitansehen zu müssen. Vermischtes Wien. Im Winter 1813 wurde der Rabbiner Markus Fischer, als er in der Bahnstation seiner Gemeinde Nagy- Käta den Zug verließ, von einer aus entgegengesetzter Richtung heranbrauscnden Lokomotive erfaßt und zu Tode gerädert. Die Wittwe des Verstorbenen verlangte im Prozeß» wcge von der Direktion der königlichen Staatsbahnen eine Entschädigung von 50,000 fl. Der Gerichtshof für den Pcfter Landbezirk und die königliche Tafel haben die Klägerin abgewiescn, in deren Namen ihr Anwalt Dr. Soma Perl an die königliche Kurie appeklirte, indem er den Beweis erbrachte, daß aus zwei entgegengesetzten Richtungen gleichzeitig Züge in die unbeleuchtete Bahnstation ernfuhren. Die königliche Kurie stellte fest, daß in der That die Betriebsvorschriften unbeachtet blieben, daher sie in ihrem Urthcil die Berechtigung des Schadenersatzanspruchs anerkannte.