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Der Israelit · 1898-09-20 · Heft 74 (20.9.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 74 (20.9.1898)
Date
1898-09-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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<- ‘M 1387 Feuilleton. -~^(?g Oerkullft. K--^- Eine Erzählung aus Ungarn, l") Von Samuel B. Rosuer. Es war nun schon die dritte Nacht, die Rüben zugebracht, ohne ein Auge geschloffen zu haben Er hatte während dieser Zeit auch fast gar keine Nahrung zu sich genommen, sein ganzer Körper war wie zerschlagen von der seelischen und physischen Marter, eine jede Bewegung schmerzte ihn, und dennoch vermochte er auch nicht für einen Augenblick cinzuschlafen. Gegen Mitternacht gab er dem Drängen Dinas nach und ging in das Nebenzimmer, wo er sich auf das Kanapee niedersinken ließ. Doch was nutzte es? Das sägende, röchelnde Geräusch drang dumpf herein und weinend wälzte er sich auf seinem Lager, ohne daß einige Minuten Schlaf seine brennenden Augenlider erquickt hätten. Endlich aber überwältigte ihn dennoch die Erschöpfung und er verfiel in einen Zustand brütenden Halbschtummers Und wieder waren es sonnige Traumbilder, die seine Seele umgaukelten, Bilder, in welchen sein Kind, blühend und munter wie ehedem, um ihn herumhüpfte, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Es schwebte aber wie ein geheimer Schatten über die sonnigen Bilder und während er sich an ihnen ergötzte, rannte ihm eine heimliche Stimme zu, daß es bloS ein Traum, eine Täuschung sei, deren er sich freue. Plötzlich sprang er mit dem Zeichen eines gespenstischen Entsetzens in die Höhe. Wer sang dieses Lied zur geisterstillen Mitternachtstunde? Ein unendlich weiches, süßes, wehmüthiges Lied in rührend ahnungsloser Resignation ausklingend . . . wie der Schwanensang einer lichten Seele, welche Abschied nahm, ohne Hoffnung auf Wiedersehen . . . Ein wahnsinniges Weh erfaßte ihn . . . Die Luft war erstickend heiß, von feuchtem Dunst und betäubendem Heublumenduft erfüllt . . . Gespenstische Schatten schwankten in der Luft und ein schauriges, eisiges Wehen durchzog sie wie der letzte Athem eines Sterbenden ... Das Kind wollte nicht im Bette bleiben, mit ächzendem Wimmern verlangte es aus demselben hinaus. Das Kindermädchen hatte es auf den Arm genommen, wo es sich beruhigte und während sein blasses, entstelltes Köpfchen schlaff über die Schulter des Mädchens herabhing, ging dieses leise im Zimmer auf und ab und sang jenes Lied voller Todesschwermuth . . . Ein Gemisch von wahnwitziger Furcht und wildester Verzweiflung erfaßte Rüben. — Er irrte Hinalls in die Nacht, ohne zu wissen, wohin er j wollte. Rettung, Hülfe suchen wollte er irgendwo, l im weiten, großen Weltall. Er mußte sie irgendwo ] finden — in der endlosen Weite des nebligen Hori- | zonts, in der finstern Tiefe unerforschter Wälder oder j — am Grunde des großen Weltmeeres! Er hatte j noch Besinnung genug, um entsetzt zu ahnen, daß er ] die Objektivität seinen Gedanken gegenüber verliere — daß er am Rande des Wahnsinns stehe. ■ Oben irrte der Mond zwischen rissigem Gewölk > und verbreitete eine trübe Beleuchtung. Wie ein! ruheloses, dem Grabe entstiegenes Gespenst schlich , Rüben durch die schlafende Dorfgasse. Die Thurm- 1 ' - uhr schlug die dritte Morgenstunde. Das Licht in! dem Fenster des Rabbiners lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich; der asketische Gottesmann hatte bereits das fromme Tagewerk seiner Studien begonnen. Ein! unbewußter Instinkt, welcher seinen Grund wohl in j der Erinnerung an den Trost hatte, den er am! Abend in der Wohnung des Rabbiners für einen \ Augenblick empfangen, lenkte seine Schritte wieder | dorthin. Alls sein Pochen öffnete ihm der Greis f selbst, denn das Gesinde schlief noch. Der Rabbiner j fuhr erschrocken zurück, als er den nächtlichen Be- - sucher erkannte und dessen verstörtes Gesicht sah. Er J befürchtete das Schlimmste. — „Was ist geschehen, Reb Rüben?" fragte er f stockend. * Die fremde Stimme zerriß das dunkle Netz, I welche Rubens Seele umsponnen hielt. Er schaute befremdet um sich, als ob er erst jetzt wahrnehme,! wo er sich befand. Dann richtete er sein starres, erweitertes Auge auf den Rabbi und sprach, ohne auf die Frage 31t antworten, stockend mit leiser Stimme: 1 „Giebt es denn keine Hülfe mehr, Rabbi?" Der Greis athmete erleichtert auf; das Kind i war also noch nicht gestorben. ] „Wie dürft Ihr so reden," versetzte er mit ' mildem Vorwurf. „Chaß wescholem!*) Ein gottes- < fürchtiger Jehudi darf keinen Augenblick aufhören 4 auf Gottes Hilfe zu hoffen und sich voll Demuth dem Willen Gottes zu unterwerfen. Ihr versündigt Euch noch „cholile." Denkt an „Awrohom onnnu"**) und seine Prüfung mit dem einzigen Kinde." Rüben antwortete auf die Ermahnung mit einem schweren, wie ersticktes Stöhnen sich anhörenden Seufzer. Die Zeit, wo er für die Stimme der Religion empfänglich war, lag in weiter, weiter Ferne; eine Ewigkeit schien ihn von ihr zu trennen. Er war nur von einer Empfindung erfüllt: von dem geistzerrüttenden Bewußtsein seines unnennbaren •: Elends. *) Bewahre! | ' ) Patriarch Abraham. *

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