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Der Israelit · 1898-05-26 · Heft 41-42 (26.5.1898) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 41-42 (26.5.1898)
Date
1898-05-26
Page
– (sequence 28)
Language
German
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6T --tf-WT. «r~- 778 die jungen Menschenkinder keine Spur. Dieser herrliche Tag mußte gründlich ausgenutzt werden. — Endlich aber hieß es, den Heimweg antreten. Es dämmerte bereits, als der Lehrer zum Aufbruch mahnte. Auf ein gegebenes Zeichen sammelten sich die meisten um ihn. Alfred, Ludwig und Georg schleuderten als letzte Nachzügler noch gemächlich am Rande des Teiches einher. Auffallend, fast zudringlich hatte sich Georg die ganze Zeit über in der Nähe der beiden Freunde aufgehalten. Alfred schritt dicht an der steil abfallenden Uferböschung, neben ihm Georg und dicht hinter ihnen Ludwig. „Das Waffer scheint hier ziemlich tief zu sein", meinte Alfred, sich leicht verneigend. „Und naß" scherzte Ludwig. „Nimm Dich in acht", fetzte er warnend hinzu. „Ich bin nicht bange, ich kann ja schwimmen", erwiederte Alfred, rückwärts gewandt, sorglos. In diesem Augenblick traf ihn ein wuchtiger Stoß von der Seite, der ihm sicher ein unfreiwilliges Bad bereitet, hätten nicht Ludwigs kräftige Hände ihn noch rechtzeitig zurückgerissen. Es bewahrheitete sich das Sprichwort: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!" an Georg. Mit den Worten: „Da zeige uns einmal Deine Kunst", hatte Letzterer Alfred in den schaumbedeckten Teich stürzen wollen, verlor aber durch das plötzliche Zurückweichen des andern das Gleichgewicht und lag in der nächsten Minute selbst in dem hochaufspritzenden naffen Element. Wie erstarrt standen die beiden Knaben. Der jähe Schrecken raubte ihnen atlgenblicklich alle Geistesgegenwart. Erst das Hülfegeschrei des in Todesangst Schwebenden brachte sie etwas zur Besinnung. „Hülse, Hülfe!" schrie Ludwig mit weithinschallender Stimme. Aber Lehrer und Schüler hatten schon einen zu großen Vorsprung; sein Hülferuf verhallte im Winde. „Gott, o Gott! rettet mich! — ich — ich ertrinke!" flehte Georg. Inzwischen hatte Alfred Jacke und Stiefel abgeworsen und sprang ins Waffer. „Geschwind, lauf zur Mühle!" rief er dem an allen Gliedern bebenden Ludwig zu, dann theilte er mit kräftigen Bewegungen die schäumenden Wellen. Als Georg zum dritten Mal über Waffer kam, faßte ihn Alfreds Rechte. Zum Glück für Beide war jener schon kraft- und besinnungslss, sonst hätte er feinen großmüthigen Retter sehr wahrscheinlich mit in die Tiefe geriffen. So gelang es dem muthigen Judenknaben, Georg hinter sich herziehend, allmählich das seichte Ufer zu erreichen. Aber sich mit dem andern an demselben empor zu arbeiten, das ging über seine schmache Kraft. An Gras und Schlinggewächsen suchte seine Linke Halt, aber vergebens. Die Pflanzen gaben jedem festen Griff nach. Alfred trat der Angstschweiß auf die Stirn. So nahe dem rettenden Ufer und dennoch — — Immer mehr sank der Muth, so oft sich wieder ein grünes Büschel Farnkraut oder Riethgras von der steilen Uferwand löste. Wenn Georg nur soviel vermochte, sich selbst auf Augenblicke über Waffer zu halten, dann wollte er schon rasch aufs Trockene kommen. Doch, jener hing bleich, willenlos, mit geschlossenen Lidern in seinem Arm. Alfred schrie, seine letzte Kraft zusammenraffend, laut und anhaltend in die sinkende Nacht hinaus.- Endlich, endlich regte es sich in der Richtung der Mühle zu. Stimmen wurden laut. Voran sprang Ludwig als Wegweiser. Nur noch ein verzweiflungsvoller, flehender Blick traf den heranrasenden, treuen Freund, dann breitete sich vor Alfreds Augen ebenfalls undurchdringliche, pechfinstere Nacht aus. — Eine Viertelstunde später saßen beide Knaben in Decken gepackt am lustig flackernden Herdfeuer des Müllers. Friedlich, wie die besten Freunde weilten sie nebeneinander und harrten auf das Trockenwerden ihre durchnästen Kleider. Georg schien sich des wiedergeschenkten Lebens aber kaum zu freuen. Er war sehr bleich und angegriffen und hielt den Blick beständig gesenkt. Ab und zu tropfte ihm eine schwere Thräne unter den Wimpern hervor und fiel heiß auf die verschlungenen Hände. Heimliche, halbunterdrückte Seufzer stieß er dabei aus, als läge ihm eine Centnerlast auf dem Herzen. Bis ins innerste Gemüth zerknirscht und verzweifelt rang er nach Faffung. Auf Alfred, der sich beinah vollständig erholt hatte, wirkte der Anblick peinvoller Qual, die in dem einstigen Feinde so mächtig arbeitete, tief erschütternd. An die mancherlei Schmähungen, die er von jenem und seinen Anhängern so oft erfahren, dachte der Gute nicht. Ihn freute einzig und allein, daß es ihm geglückt, Georg von sicherm Untergange zu retten. Letzterer jedoch dachte um so mehr an die boshaften Spottnamen, an grobe Stichelreden und Hetzereien, womit er den großmüthigen Retter stets verfolgt und gekränkt hatte. Dessen eben bewiesener Edelmuth drückte ihn namenlos. Ihm sielen auch Vater und Mutter ein. Welchen trostlosen Jammer, wie viele heiße Thränen hätte sein schreckliches Ende bei ihnen zur Folge gehabt. Heute Mittag hatte ihn die gute Mutter entlassen, mit den Worten: „Geh mit Gott, mein Kind. — Und komme gesund heim!" Nicht gesund oder nicht krank, nein tot und starr und kalt hätte man ihn den armen Eltern über die Schwelle gebracht ohne das Eingreifen der schwa-

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