Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 40 (23.5.1898)
- Date
- 1898-05-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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r ,.MJ%. HIMW PE>. > Hj«^,UI zzM^WWI 741 „Na, Dir zu lieb" erwiderte die Räthin, „meinetwegen!" Für des Gatten Gesundheit! dachte sie, weshalb denn nicht? Er sollte nichts mehr sehen von allem, was sie interessierte. Außerhalb des Hauses, im Stillen war ihr ja noch genug in dem frommen Sinne zu wirken vergönnt, den sie aus des Vaters Hause ererbt. „Sage mal, Julius" fuhr die Räthin dann nach einer Pause fort, „Du hast in Deinen Phantasien öfter den Namen Schlesinger gerufen? Wer ist das?" Der Rath erschrack nicht wenig, als er aus seiner Gattin Mund den Namen seines Jugendfreundes kommen hörte, der ihm eben von dem verhängnißvollen Schritte abgerathen und sich damals so plötzlich von ihm getrennt hatte. Er hatte ihn nicht wieder gesehen, und ihn dann völlig aus den Augen verloren. Der Rath wurde einer Antwort auf die Frage seiner Gattin durch das Ertönen der Entreeklingel enthoben. „Das ist Kurt" fuhr Hohenthal aus und vergaß völlig die bangen Gedanken, die eben in ihm aufsteigen wollten. Ein Sonnenstrahl leuchtete in seinem Antlitz auf, und so, von erwartungsvollen! Glücksgefühl durchströmt, stand er da und horchte. Die Thür ging auf. Kurt trat ein. „Sei will-" weiter kam der Rath nicht. „Willkommen" wollte er sagen. Da hatte er Kurts Antlitz erst ins Auge gefaßt und den entsetzlich verstörten Ausdruck in demselben wahrgenommen. Nachdem sich Kurt draußen auf dem Schreckensplatz von dem Unglück, das seine Hand angerichtet, überzeugt hatte, war er voll Entsetzen und Verzweiflung davon gestürmt. Wie er dem Toten in die gebrochenen Augen sah, war ihm seine eigene Schuld in ihrer ganzen grausigen Tiefe zu Bewußtsein gekommen. Wie von grellem Sonnenlicht beleuchtet stand sie vor ihm, diese Schuld. Er, ein gewissenloser und charakterloser Mädchenjäger, hatte den muthigen Bruder, der nur seine Pflicht für die Ehre der Schwester gethan, schmählich getötet. Kurt hatte völlig vergessen, daß dies im Duell geschehen war, er fühlte sich als ein ganz gemeiner Mörder, der ein edles Leben kalten Blutes hingeschlachtet hatte. Diese Verzweiflung hatte ihn hinweg gejagt, so daß die um den Toten beschäftigten Freunde, als sie sich wieder nach ihm umschauten, keine Spur mehr von ihm entdecken konnten. Er war, wie von einem Feinde verfolgt, eine Beute seiner Gewissensbisse, durch den Grunewald gelaufen und sah sich plötzlich, er wußte kaum wieso, wieder in der Stadt, zwischen Häusern, unter Menschen. Das Alles hatte für ihn jetzt ein ganz anderes Aussehen. Es war eine andere Welt. Oder hatte er andere Augen bekommen? Dort drüben stand ein Droschenkutscher — der schaute ihm so verwundert nach, er wußte gewiß schon-und wenn nicht, so weiß er's bald, daß heute früh da draußen in der Morgenkühle ein junges Leben geendet — von seiner Hand. Plötzlich kamen Kurt die Häuser der Straße, in der er ging, so bekannt vor, er sah sich verwundert unr — wahrhaftig, die Kurfürstenstraße, die er nun schon lange Wochen nicht gesehen unddort, dort unten, das Haus mit dem vorspringenden Erker — sein Elternhaus! Wie ein Magnet zog cs ihn an, dieses Haus; er dachte gar nicht daran, daß er heute überhaupt zu den Eltern hatte zurückkehren wollen, nur eine unbezwingliche Sehnsucht, ihr Antlitz zu schauen, erfaßte ihn. Und da — er wußte selbst nicht, wie er hinaufgelangt war — da stand er auch schon vor ihnen, er sah noch, wie der Vater auf ihn zu wollte, wie er plötzlich stockte, wie auch die Mutter aufsprang — da wurde es schwarz vor seinen Augen, und. er sank schwer stöhnend auf einen Sesiel nieder. Die erschreckten Eltern wußten nicht, was sie von diesem Vorfall zu halten hätten; die Mutter wusch dem Ohnmächtigen die Schläfen mit stärkenden Essenzen und sprengte ihm kaltes Wasser auf die Stirne. Endlich schlug Kurt die Augen auf und sah die Eltern bekümmerten Antlitzes vor sich stehen. „Ich habe-" er rang nach Worten, setzte zum Sprechen an, ließ wieder ab — „Was hast Du, Kurt?" fragte der Rath sanft, dem Sohne über das Haar streichelnd. „Ich habe-gelobtet —" Es war heraus- und als die Eltern ihn in sprachlosem Entsetzen anstarrten, als warteten sie aus nähere Aufklärungen, fügte er schwach hinzu: „Duell —" Der Rath übersah sofort die Situation. Jetzt galt es zu handeln, der Jurist regte sich in ihm, und rief dem Sohne zu: „Was suchst Du denn hier? Weißt Du nicht, wo Deine Stelle ist?" Des Vaters harte Stimme brachte Kurt wieder zu sich. Er schien aber den Vater nicht zu verstehen. „Wo?" fragte er staunend. „Wo?" rief der Rath noch strenger. „Aus der Polizei!" Der Vater hatte recht, das war Kurt eigenthümlicherweise noch gar nicht eingefallen, so sehr war er mit den inneren Konsequenzen der erschütternden Ereignisse beschäftigt gewesen. „Sofort gehe ich," sprach Kurt sich erhebend. Da mischtelsich zum erstenmale die Räthin ein. „Vorher wirst Du Dich aber etwas erholen