Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 39 (18.5.1898)
- Date
- 1898-05-18
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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•r ■■ -•VTr '*■ - t* rv?rWVJ XXXIX« Jahrgang, Zweite Seilage zu M 39 des JtenuUt“. Literarische Umschau. 8. Der um die Geschichte der Juden in Deutschland sehr verdiente Rabb. Dr. Löwen st ein hat mit dem zweiten Heft seiner „Beiträge" die Literatur um eine reiche Gabe vermehrt. „N a t h a n a e l Weil, Oberlandesrabbiner in Karlsruhe und seine Familie" betitelt sich die bei I. Kaufs mann in Frankfurt a. M. erschienene Schrift, die eine Fülle reichen Materials bietet und dem an Wissen und Tugenden reichen Nathanael und dessen Sohn Tiah ein würdiges Denkmal setzt. Ueber die Arbeitsweise des Verfassers zu sprechen, wäre in der That überflüssig. Seine Gewissenhaftigkeit in der Forschung ist dem hinlänglich bekannt, welcher auch nur einen Blick in eine seiner Arbeiten gethan. Da giebt es keine vage Vermuthung, da ist durch Beleg, durch die Acten alles erwiesen. Und welcher Fleiß, welche rastlose Thätigkeit muß der Verfasser aufwenden, um aus dem weitschichtigen Material das Nothwendige vor die Augen des Lesers zu stellen. Die Persönlichkeit aber, die uns hier vorgeführt wird, ist aber auch des Schweißes werth. Von solch' tiefer Frömmigkeit, solch' aufopfernder Thätigkeit im Dienste der Judenheit und im Studium seiner Gesetzeslehre haben wir kaum eine Ahnung. Bei schweren Nahrungssorgen frisch bleiben im Geiste und in der rührigen Thätigkeit für die Gesammtheit erscheint uns fast mythisch, und wir wären versucht an der Wahrheit des Erzählten zu zweifeln, wenn nicht die Acten laut redeten und die hinterlassenen Schriften laut Zeugniß ablegten. R. Nathanael Weil, der Verfasser des Korban Nathanael, war einer der Größten seiner Zeit; er gehörte einer weitverzweigten Gelehrtenfamilie an, mit deren Mitgliedern der Verfasser uns aus das Genaueste bekannt macht. Die Familie verehrte einer Tradition zufolge in R. Maier von Rothenburg ihren Ahnherrn, allein eine geschichtlich sichere Genealogie bietet erst der von R. Tiah Weil entworfene Stammbrief, welcher der Abhandlung beigegeben ist. Nach diesem ist R. Jacob Weil in Nürnberg, der Verfasser vieler Responsen und des bekannten maßgebenden Lehrbuchs über die Schechita, Stammvater dieser Familie. R. Nathanael war ein würdiger Nachkomme dieses allgemein verehrten Mannes. Mit vielen Schwierigkeiten hatte er um seine Existenz zu kämpfen, und erst als er nach Mühringen berufen wurde, wurden ihm die drückenden Nahrungssorgen genommen. Bald darauf war aber das Landesrabbinat erledigt, und so kam er nach Karlsruhe, wo er nahezu zwanzig Jahre wirkte. Wie sein ganzes Leben der Pflicht geweiht war, so traf ihn auch der Tod inmitten seiner pflichttreuen Rabbinatsthätigkett. Am i. Mai 1760 war in Rastatt eine Zusammenkunft jüdischer Gemeindebevollmächtiger zu Rastatt, wohin auch der Oberlandesrabbiner geladen war. Kaum war das Peßachfest vorüber, am Abend des zn ncx machte sich nach dem Abendgebet der 82jährige Rabbiner dorthin auf. Tags darauf erkrankte er, und am 1. Neumondstage des Jjar hauchte er seine reine Seele aus. Ergreifend ist die Beschreibung der Theilnahme, die sich überall regte, und das Begräbniß, das mit Erlaubniß des Markgrafen August Georg in Karlsruhe stattfand, gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung. Unter der Judenschaft war nämlich ein edler Wettstreit um die Leiche des allgemein geliebten Rabbiners entstanden. Die einen machten den Anspruch auf sie, weil der Rabbiner in ihrem Bereiche gestorben, Karlsruhe aber, weil diese Stadt sein Rabbinatssitz gewesen. Die Leiche wurde die ganze Strecke von Rastatt nach Karlsruhe getragen, ein unübersehbarer Zug bildete das Gefolge, das von einem Ehren- Husaren-Commando begleitet war. Ebenso wurde aus Karlsruhe dem Zuge auf Geheiß des Markgrafen ein Jnfanterie-Commando zum Empfang entgegengeschickt, das als Ehrenwache die Leiche auf den Friedhof geleitete. Erft im Jahre 1781 folgte R. Tiah Weil seinem Vater im Amte unter der milden Regierung K trl Friedrichs, der der erste deutsche Fürst war, welcher durch Staatsgesetz die Stellung der Juden zu regeln unternahm. Auch dieser war von der ernsten Lebensführung seines Vaters und suchte diese auch in seiner Gemeinde zu erhalten. Hochinteressant ist das Aktenstück, das eine Art Hirtenbrief an die Mitglieder. der Gemeinde enthält, der der ein gerissenen leichtern Lebensführung entgegentritt, ein Aktenstück von bleibendem kulturhistorischen Werth. Rührend ist die Niederschrift zu lesen, in welcher er über die Behandlung seiner Leiche und seiner Bestattung Bestimmungen bis in die kleinsten Einzelheiten festsetzt. Wie er lehrend und redend gewirkt, so war auch seine literarische Tätigkeit eine reiche, wovon nicht allein das bereits Gedruckte, sondern mehr noch ein reicher schriftlicher Nachlaß zeugt. Um diese beiden Hauptpersonen gruppirt sich nun eine große Anzahl hervorragender Persönlichkeiten, die in irgend einer Beziehung zu jenen stehen, so daß wir nicht nur die näheren Familienglieder R. Nathanaels kennen lernen, sondern in die zartesten Verästelungen