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Der Israelit · 1898-05-18 · Heft 39 (18.5.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 39 (18.5.1898)
Date
1898-05-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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721 Händen seine reine Schwester angetastet, in seiner Hand habe. Solche Menschen — den Namen verdienten sie ja nicht — brauchten nicht zu leben. Die müßten vertilgt werden wie lästiges Ungeziefer — Und wie? Wenn der Schurke ihn tötete? War ein Duell nicht ein Glücksspiel? Wohl! Er hatte eine sichere Hand, nicht nur den Degen, auch die Schußwaffe hatte er führen gelernt, darin lag eine starke Befriedigung.' Aber war es eine Garantie? Doch wohl nicht! Und wenn es anders kam und der Zufall ihm nicht wohl wollte?? Da kam Ludwig des Vaters Brief in den Sinn. Wie schnell waren die Konsequenzen eingctreten, deren Eintritt der Vater damals befürchtet hatte! Wenn die Eltern wüßten, wie er dasaß, mit welchen Gedanken und welcher Aussicht?! Wie würden sie herbeifliegen, ihn dieser Gefahr zu entreißen, die jetzt so fürchterlich in sein Leben hineinwinkte. Wenn sie wüßten, daß er mit Mordgedanken in seiner Wohnung weilte! Ja, hatte der Vater nicht geschrieben, daß die jüdische Anschauung die persönliche Rache verbiete?! Der Vater hatte Recht. Es ist wahr, sagte sich Ludwig, es mag sein, daß es edler ist, die Bestrafung dessen, der uns Uebles gethan, dem Allgerechten anheimzugeben, der über den Sternen waltet. Es ist ein schöner, ein bezaubender Gedanke! Aber, ach, eben nur ein Gedanke! Vor der erdrückenden Macht der Verhältniffe hält er nicht Stand. „Rein," sagte sich Ludwig, „ich kann nicht zurück. Jetzt muß Alles leinen Lauf nehmen. Ja, wenn ich still für mich gelebt hätte, ohne Freunde und ohne Genoffen, ohne Bctheiligung an öffentlichen Dingen, in meinen vier Wänden hausend — dann lockte mich ein Mensch wie Hohenthal wohl kaum, mein Leben in die Schanze zu schlagen; aber jetzt — jetzt steht nicht nur meine Ehre, nein, es steht die der Gesammtheit aus dem Spiele!" Ludwig dachte daran, daß er seiner Schwester versprochen habe, sie heute nochmals zu besuchen. Run, in dieser Stimmung, mit diesen Gedanken nimmermehr! Das arme Kind! Es begann zu dunkeln. Ludwig aß eine Kleinigkeit — er hatte stets etwas im Hause — entzündete seine Lampe und setzte sich an den Schreibtisch. Auf alle Fälle wollte er an die Schwester einen Brief zurücklaffen, damit sie wiffe, wie sie sich zu verhalten habe, wenn ihm etwas Menschliches begegnen sollte. Als er den Brief beendet hatte, steckte er ihn in ein Couvert und beschrieb es mit der Adresse der Schwester. Dann schrieb er ebenso rmige aufklärrnde Zeilen an seine Ellern. Es war schon fast Mitternacht, als Ludwig, nachdem er unaufhörlich mit seinen Gedanken beschäftigt in der Stube aus und ab gegangen war, doch eine kleine Müdigkeit verspürte und sich in den Kleidern auf's Bett warf. Er verfiel in einen wohlthätigen Schlaf, Mts dem ihn zur verabredeten Stunde sein Sekundant Mühe hatte aufzuwecken. Schnell ermunterte sich Ludwig und bat den Freund, auf 10 Minuten unten bei der Droschke auf ihn zu warten, er habe noch etwas Wichtiges zu erledigen. Als er allein war, legte er die Gebetriemen an und verrichtete sein Morgengebet mit einer doppelt andächtigen Inbrunst. Dann noch ein Blick ins Zimmer und er begab sich hinab auf die Straße. Die lag wie ausgestorben, menschenleer da, nur in der Ferne hörte man das Johlen und Schreien einiger verspätet heimkehrenden Nachtschwärmer. Es war morgenkühl und die beiden jungen Leute hüllten sich fester in ihre leichten Sommermäntel. Dann bestiegen sie das Gefährt und fort gings nach dem Westen, durch den thaufrischcn Thiergarten, den Kurfürstendamm hinab nach dem Grunewald. Endlich war man zur Stelle. Es fehlten noch 10 Minuten bis fünf Uhr. Die Droschke ward nach Hundekehle geschickt, dort zu warten. Von der gegnerischen Partei war noch nichts zu sehen. Die beiden Freunde sahen sich den Platz an. Es war ein ziemlich weites Rondel mit einem Zwillingsbaum in der Mitte. Kaum ein Wort wurde zwischen den Beiden gewechselt. Ludwig schaute jeden Augenblick ungeduldig auf die Uhr. Dieses Warten war ihm das Allerpeinlichstc. Endlich, wenige Minuten vor fünf Uhr hörte man in der Ferne deutlichen Pferdetritt und kurz darauf traten drei Männer durchs Gebüsch auf das Rondel und grüßten förmlich. Es war Kurt Hohenthal, Leonhard Braun und Dr. Röwer, der Arzt, den sie mitzubringen hatten. Sie waren zu Pferde angekommen. Der Arzt wurde vorgestellt. Danu wurde geloost wegen der Waffen. Das Loos entschied für die Hohenthals. Braun öffnete den mitgebrachten Kasten und entnahm demselben die beiden Pistolen. Der blitzende Stahl funkelte in den ersten Sonnenstrahlen, die eben durch die Zweige brachen. Die beiden Waffen wurden geladen, wieder verloost und den Duellanten cingehändigt, die Distanz abgeschritten. Die Duellanten nahmen ihre Plätze ein. In Ludwig Schlesinger stieg, als er Kurt erblickte, ein erneutes Gefühl tiefster Erbitterung auf. Er sah ihn nur immer vor sich, wie er seine Arme um Betti?zu legen im Begriffe war. Er dachte an die

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