Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 38 (16.5.1898)
- Date
- 1898-05-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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705 deren Bestreben darauf gerichtet, im Geiste des Verstorbenen die Kehille zu erhalten. Daß dem so ist, gesteht der Artikclschrciber damit zu, d:ß, nach seiner Behauptung, am IN' n, sowie an Werktagen der Snnagogenbesuch ein zufriedenstellender sei Aber auch hier folgt der Wermuthstropfen in der Bemerkung, daß nicht Ueberzeugung, sondern Gewohnheit die Andächtigen so zahlreich zum Gottesdienste vereinige. Ist der Herr denn an Stelle Gottes, daß er Herz und Nieren prüfen kann? Ich weise auch die Unterstellung zurück, daß die Juden auf dem Lande weniger ge. setzestreu und weniger gebildet sind, wie in der Stadt: der Herr Einsender scheint noch nicht lange genug „Großstadtluft" zu athnren, um sich von den wahren Thatsachen überzeugt zu haben. Möge 'n verhüten, daß durch Quertreibereien in unsere friedliche Gemeinde Zwietracht gestreut werde. Möge 71 uns Kraft verleihen, damit wir für das.Wohl unserer Landgemeinde wirken können JEN. Feuilleton. Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von 1;,) Arnold Mann. ~ (Nachdruck verboten.) Betti Schlesinger hatte sprachlos dem Bruder nachgestarrt, als er in seiner fürchterlichen Aufregung ohne ein Wort des Abschieds davon gestürmt war. Dann sank sie unter einem ausbrechenden Thränenstrom auf einen Sessel nieder und barg das schluchzende Antlitz in den Händen. Der Bruder wußte. Glühende Scham wühlte in ihrem Innern. Warum war sie auch so thöricht gewesen, dem jungen Mann aus der Straße auch nur ein Wort zu erwiedern. Dann siel es ihr wieder ein, wie ritterlich er sie vor dem Bäckerjungell beschützt. Nein, sie konnte ihn darauf hin doch nicht schroff von sich stoßen. Und dann, als sie erfahren hatte, wer er sei und ihn zum zweiten Male traf, hatte sie sich da nicht tapfer benommen, ihm nicht eilt für alle Mal gesagt, was sie von ihm halte, hatte sie sich nicht voll Ekel von diesem Scheusal abgewendet V Nein, sie mußte dem Bruder alles sagen, dann würde er sie gewiß nicht mehr verurtheilen. Bei diesem Gedanken beruhigte sie sich, trocknete das verweinte Antlitz und setzte die durch den Eintritt des Bruders unterbrochene Lektion fort. Nach 1 Tisch erbat sie sich auf eine Stunde die Erlaubniß, Iihren Bruder zu besuchen und machte sich auf den Weg, um Ludwig die nöthigen Aufklärungen zu geben. Tödtlicher Schreck aber durchfuhr lähmend all ihre Glieder, als sie die Treppe hinabgestiegen war und unten im Flur plötzlich Kurt Hohenthal vor ihr stand. Wie ein Gespenst starrte sie ihn an, indem sie angewurzelt auf der letzten Stufe der Treppe stehen blieb. Kurt lächelte. Jetzt galt es ausnehmend liebenswürdig zu sein, um sich bei der spröden Schönen wieder ins rechte Licht zu setzen. Einmal war er bereits in der Luisenstraße gewesen und jetzt, ohne irgend eine Absicht, in den Flur des Hauses der Stralauerstraße getreten, um dort ein wenig zu warten, und siehe, da kam auch schon ein Schritt die Teppe herab und da stand sie vor ihm, doppelt schön in der Erregung, die auf ihrem Antlitz lag. „Mein Fräulein" begann er, einen Schritt auf sie zutretend „es drängte mich —" „Was wagen Sie?" unterbrach sie ihn da und wollte rasch an ihm vorbei über den Flur aus das Hausthor zu. Da vertrat er ihr den Weg und breitete seine Arme aus, an denen sie krampfhaft vorbeizukommcn suchte. Es gelang ihr nicht. „Das Vögelchen ist gefangen" scherzte Kurt und bemühte sich zu lächeln. Er bog seine Arme ein wenig um ihre Gestalt und war eben im Begriff, sie ganz zn umfaffen, als Betti, die Angen starr aufrcißend, einen fürchterlichen Schrei aussticß. Im Nahmen des Hausthorcs stand Ludwig Schlesinger. Nur einen kurzen Moment blieb er in starrem Erstaunen stehen, da erfaßte er auch bereits die Situation. Kurt hatte sich bei Vetti's Schrei umgedreht; Ludwig, das Hausthor hinter sich schließend, war cingetrcten. Die Beiden schauten sich Aug' in Auge. Betti stand zitternd, das Antlitz mit den Händen bedeckend zur Seite. „Lump!" Ludwig Schlesinger hatte dein Andern das Wort ins Antlitz geschrieen, war an ihm, der noch ganz verdutzt stand, vorbei geschritten und Betti an der Hand mit sich ziehend, nach oben geeilt. Als Kurt endlich zur Besinnung kam — der ganze Vorgang, von seinem Eintreten in den Flur bis zu dem Schimpfwort, das ihm Schlesinger entgegcngeschleudert, hatte sich in wenigen Sekunden abgegespielt — ergriff ein ungeheurer, rasender Zorn von seinem ganzen Wesen Besitz, er ballte die Hände und schüttelte sie krampfhaft gegen die Treppe hin, die der Andere hinaufgestiegen war. Dieser verfluchte Jude! Er wagte es, ihm die Spitze zu bieten! Aber warte nur! Du kommst mir vor die Mündung meiner Pistole, Du wirst es büßen-!