Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 38 (16.5.1898)
- Date
- 1898-05-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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700 ihm fremd, sein schlichter, einfacher Sinn ist auch die Ursache, daß die große Oeffentlichkeit nicht viel von ihm hörte. Die Männer, die in Vereinigungen für v'nvn rrbw map nun mit ihm wirkten, sie wiffen es, wie unsagbar viel sie an ihm verloren haben. Er war vornehmlich Mitglied der Verwaltungen des Rabbinerseminars, der Adas - Jisroelgemeinde in Berlin, sowie der Pilgerwohnungen in Palästina. Daß er für letzteres Werk, der edelsten Wohlthätigkeit, das von seinem Schwiegervater, Rabb. Israel Hildesheimer Vt und seinen Brüdern ins Leben gerufen wurde, stets offene Hand und offenen Sinn hatte, ist selbstverständlich. Unvergleichliche Verdienste erwarb er sich als umsichtiger Rendant des Rabbinerseminars in Berlin für die Confolidirung dieser Anstalt, der wir die Ausbildung unserer Gesetzeslehrer anvertrauen. Wer schildern will, was er für die Adas - JiSroelgemeinde gethan, muß die Geschichte dieser Hüterin der Gesetzestreue in der Reichshauptstadt schreiben. Wir wollen nur erwähnen, daß er es war, der dieser Gemeinde aus eigenen Mitteln den Friedhof erwarb, wo man jetzt, was an ihm sterblich, der Erde übergeben hat. Lange, bevor man aus der Hauptgemeinde ausgetreten war und austreten konnte, zwang die unjüdische Sitte, die in Berlin vor dem jüdischen Friedhof selbst nicht zurückschreckte, die Glaubenstreuen dieser Stadt sich eine eigene Begräbnißstätle zu erwerben. Und Gustav Hirsch gebührt da» unvergängliche Verdienst, daß seine Liberalität es den wahren Jehudim in Berlin ermöglichte, wenn die Stunde gekommen, auf ein Begräbniß nach jüdischer Sitte hoffen zu dürfen. Ein unabsehbarer Zug war es, der den Theuren durch die Straßen der Hauptstadt hindurch zu dem Grabe geleitete, das er sich erworben. Der Prediger der Adas-Jisroel-Gemeinde Dr. Meier Hildesheimer und der Rabbiner der Gemeinde Halberstadt D r. Selig Auerbach gaben dort in ergreifenden Worten ihrem Schmerze Ausdruck. Als dann der Schwiegersohn des Dahingeschiedenen, Herr Aron Bonoi aus Wien in kurzen, vielsagenden, tiefbewegten Worten von dem nahen Verwandten Abschied nahm und seinen und der Familie Dank ihm aussprach, blieb Keiner ungerührt, blieb kein Auge thränenleer. Dem Leichenzuge in Berlin war ein noch ergreifenderer wenige Stunde vorher, in Messingwerk, dem Fabrikorte des Dahingeschiedenen, woselbst er seine letzten Jahre in emsiger Thätigkeit verbracht hatte, vorausgegangen. Wie Kinder um den Vater, so weinte die Arbeiterschaft des Messingwerks um ihren Patron. Wenn die Lösung der sozialen Frage darin besteht, daß man die Arbeiter zu glücklichen, zufriedenen Menschen macht, so hat Gustav Hirsch in seinem Wirkungskreise diese Frage herrlich, vorbildlich gelöst. Bevor der Sarg von Messingwerk zu der eine Wegstunde entfernten BahnstationEberSwalde geführt wurde, widmeten dem Dahingeschiedenen tiefempfundene Worte die Herren Benjamin Hirsch, Profeffor Barth, Samuel Rosenblüth, der Ortspfarrer von Messingwerk Herr W i l k e und der isr. CultuSbeamte von Eberswalde Herr R a w i t s ch e r. Dann setzte sich der gewaltige Arbeiterzug in Bewegung, um in tiefer Trauer dem geliebten und geschätzten Chef ans dem letzten Ausgang vom Werk bis nach Eberswalde das Geleit zu geben. Ein bekannte Boraitha in Joma lehrt Folgendes: Wenn am Tage des Gerichts der Reiche sein Unrecht mit den Lasten und Verführungen des Reichthums entschuldigen will, so wird ihm das Beispiel des Rabbi Elasar den Charsum entgegen gehalten, der trotz seines ungeheuren ReichthumS seltene Frömmigkeit bethätigte. Dem Armen, der seine Armuth als Grund seiner Sünden angiebt, wird mit Hinweis auf den großen Hillel, der in bitterster Armuth sein Letztes hingab und sein Leben auf's Spiel setzte, um seinen Durst nach Thorakenntniß zu stillen, Schweigen geboten. Dürfen wir es wagen, diesen Worten unserer Weisen eine Ermahnung für unsere Zeit hinzuzufügen? Wer seine Gleichgültigkeit gegen unser heiliges Gesetz und gegen das Thorastudium mit dem Hinweis auf die vielen Anforderungen und Verlockungen der Gegenwart entschuldigen will, den weise man hin auf solche Männer, wie Gustav Hirsch einer war, die inmitten im modernen Leben stehend, darum die besten Söhne unserer Zeit genannt werden können, weil sie tiefsinnige Frömmigkeit und heiße Liebe zur Thora mit all' dem verbinden, was den Stolz und die Errungenschaft unseres Jahrhunderts bildet. Die aufrichtige Frömmigkeit Gustav Hirsch's trat in seinen letzten Lebenslagen wahrhaft rührend in Erscheinung. Als am Freitag vor seinem Tode ein heftiger Anfall seines Leidens ihn niederwarf und ihn bis an die Pforten des Todes führte, wollte er Mischnajoth lernen. Als er nun zu schwach zum Lesen war, rief er seinen ältesten Sohn herbei und bat ihn vorzulernen. Dem erregten Jüngling rief er zu: lerne tief und ernst. Und trotz seiner Qualen lag Freude und Befriedigung auf seinem Antlitz, als der Sohn sich bemeisterte und verständnißvoll die Worte der Mischnah vortrug. Mit Anbruch des Sabbat fand er Erleichterung, und glaubte am Sabbat, daß die größte Gefahr geschwunden sei, da lernte er wiederholt darüber nach, ob er schon ri-12 sprechen dürfe. Er hat den Dankspruch der Genesenden nicht mehr gesprochen. Am Sonntag zeigte es sich, daß das, was er für Genesung gehalten, nur ein letztes Auffllackern der Lebenskraft gewesen. Am Sonntag Nachmittag, zwei Stunden nachdem er noch Tochter^