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Der Israelit · 1898-05-12 · Heft 37 (12.5.1898) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 37 (12.5.1898)
Date
1898-05-12
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XJLX1X. Jahrgang. Zweite Beilage M M 37 ürs JterariiT. Zeitungsnachrichten und Corresporrderrzen. Deutschland. Mülhausen i. G. Nach dem Jahresbericht des Evangelischen Fürsorgervcreins sür entlassene Sträflinge haben sich im verflossenen Jahre 79 Sträflinge an den Verein gewendet, und zwar 2(> evangelische, 53 katholische und 1 israelitischer. In den letzten 12 Jahren wurde der Verein von 239 evangelischen, 532 katholischen und 7 israelitischen, also von 778 Sträflingen in Anspruch genommen. — Be züglich des Berichtes Ihres Pariser Berichterstatters in einer Nummer Ihres gesch. Blattes, wonach die in Nationalisten umgeiauflen Antisemiten Frankreichs den Ausschluß auch der naturalisirten Ausländer, wozu nach ihrer Auffassung die Juden mitgehören, von allen öffentlichen Stellen, verlangen, offenbar aus dem Grunde, weil die letzteren Glaubensgenossen des angeblichen „Verräthers" Dreyfus sind, erlauben wir uns die Herren Täuflinge darauf aufmerksam zu machen, daß die Geschichte Frankreichs Verräther aufweist, deren Missethaten etwas bestimmter erwiesen sind, als der angebliche Verrath des Gefangenen der Teufelsinsel. So steigen zunächst aus dem Halbdunkel der Vergangenheit die Gestalten des Herzogs von Burgund und des Connetable de Bourbon auf, jener katholischen Ursranzosen aus dem höchsten Adel, die wacker in den Reihen der schlimmsten Feinde Frankreichs kämpften und ihrem Vaterlande Wunden schlugen, von denen es sich nur schwer und langsam erholte. Es mag jedem überlassen bleiben, die Reihenfolge bis auf unsere Tage weiterzuführen. Wir erinnern nur noch an den angeblichen Verräther Bazaine, der katholisch war. (In Wirklichkeit hat der katholische General wohl ebensowenig etwas verrathen, wie der jüdische Hauptmann.) Wenn es nun wahr ist, daß die Gesammtheit für das Vergehen der Einzelnen einzustehen hat, so ergiebt sich die Schlußfolgerung, daß die fragliche Vorsichtsmaßregel in einem ungeahnten Maßstabe auszuführen wäre, und nichts anderes übrig bliebe, als die meisten öffentlichen Stellen in der blühenden Ostzone des Landes unbesetzt zu lassen. Zieht man noch in Betracht, die Ausbrüche von Leidenschaft und Rohheit, die Rochesort im „Jntransigeant" dem höchsten Gerichtshof und dem Ministerium gegenüber gebraucht, die man schlechterdings für unglaublich halten müßte, wenn man sie nicht schwarz auf weiß vor sich sähe, wie Rochefo/k' den Ministerpräsident Mäline einen „alten Lakai" nennt, den Kriegsminister Billot als den Gipfelpunkt der Unfähigkeit bezeichnet, den Justizminister entweder für bezahlt oder irrsinnig betrachtet, den Präsidenten Loev einen „schmutzigen, elsässischen Judenbengel" nennt, der vorzüglich zu dem schmutzigen, elsässischen Juden Piequart paßt; (dabei ist Loev Protestant und Piequart Katholik, dessen streng-katholische Familie in Mutzig wohnt;) wie Drumont in der „Libre Parole", der von der „bezahlten judcndeutschen Verräiberbande" redet, den Präsidenten Loev einen „alten Trottel", den Generalstaatsanwalt Manaud einen „Almosenempfänger der Juden", ren Juftizminister einen „Banditen" nennt und fordert, man solle den Kaffationshof „einfach zuni Teufel jagen, jeden Richter mit einem Bajonet im Leibe" und das Ministerium „unter einem allgemeinen Anspeien ertränken", so könnte man fast meinen, daß Rochesort und Drumont dahin zielen, die einzigen und alleinigen Inhaber sämmtlicher öffentlichen Stellen Frankreichs, von oben bis unten, von der Präsidentschaft der Republik bis zum Gefängnißwächter der Republick werden zu wollen. Dann wäre Frankreich ein glückliches, gesegnetes Land, wo Milch und Honig fließt. Daß dieser traurige Weltskandal hier in Mülhausen, in der Vater- und Geburtsstadt des Veranlassers dieser rein thierischen Erscheinung des französischen Antisemitismus, heute noch lebhaft besprochen wird, ist selbstredend. So oft dieses aber in unserem engen Kreise geschieht, die wir glairben nans^ aio bv-: trzrr xTarw nate rwa*o vrmtQ vr&cr., und dem Erstaunen Ausdruck verleihen, daß auf französischem Boden, der einen Voltaire hervorgebracht hat und dessen Söhne stolz darauf siud, daß sie früher als alle andere Nationen von der ganzen Welt allen Menschen ohne Unterschied der Abstammung und der Religion die gleichen Menschenrechte zugesprochen haben, daß auf diesem Boden, in diesem skeptischen und freien Frankreich, welches auf eine solche glorreiche Vergangenheit zurückblicken kann, solche Symptome eines zoologischen Rückschritts zum Vorschein kommen können, die nicht nur unter den Nolksmaffen, sondern auch in den mittleren Gesellschaftsschichten thierische Leidenschaften wachrufen, so gelangen wir immer zu der Ueberzeugung, u-n 2'pbx mx, dieses Räthsel als nichts anderes als einen mahnenden, warnenden Gottesfinger anzusehen, der dem großen Theil der Juden Frankreichs andeutete, daß er die Rechte, die Freiheiten, die hohen Stellungen und Aemter, die Reich- und Besitzthümer, deren er sich bisher zu erfreuen hatte, gebührend nicht zu würdigen und zu schätzen verstanden. Anstalt dieselben als ncn,

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