Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 37 (12.5.1898)
- Date
- 1898-05-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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689 Es durfte die Majorität eines Gemeinderath« dem jüdischen Kaufmann das Zeugniß verweigern, und feine Existenz war ruinirt! Welche Gelegenheit endlich für jeden schlechten Schuldner, seinen rechtmäßigen Gläubiger zu chikaniren. (Besaß dieser kein Patent zur Zeit des Abschlusses des Geschäfts, fiel daffelbe z. B. in die Epoche zu Anfang des Jahres, wo das alte Patent erloschen und da« neue noch nicht ausgefertigt war — und solche Fälle kamen bei den Gerichten oft vor, — so war ihm jede Klage versagt, das Gericht mußte die Forderung abweisen. Aber es gab auch viele rechtliche israelitische Kaufleute, welche e« mit ihrer Ehre unverträglich hielten, jene herabwürdigenden Schritte zu thun und lieber den größten Verlusten sich anssetzten. Zu alledem kam noch, daß durch die Bestimmungen über da« Patent dem wirklichen Wucher nicht vorgebeugt wurde. Endlich, im Jahre 18 t 5, war es einem hochverdienten Manne, Herrn Obergerichtsrath Glaubrecht von Mainz in Verbindung mit anderen hochgesinnten Männern gelungen, der jüdischen Bevölkerung Rheinheffens die Befreiung von den drückenden Bestimmungen zu erkämpfen. Beide Kammern in Hessen genehmigten nach seinem Vortrage, sowie nach Unterstützung durch seine rheinhessischen Kollegen, die Abgeordneten Aull und Kilian, sowie de« Oberappellationsgerichtsraths Locheisen seine diesbez. Motion und die Großh. Staatsregierung brachte noch in demselben Landtag einen entsprechenden Gesetzentwurf ein, nach dessen Annahme und Sanktion durch Se. König!. Hoheit dem Großherzog mit dem 10. Juni 1847 die Bestimmungen über das Judenpatent für immer aufgehoben wurden. — Dem Gefühl des Dankes gegen den wackeren Vertreter des Rechts und den edlen Vorkämpfer für Humanität gab die israel. Bevölkerung Rheinhessens Ausdruck, indem dieselbe durch Vertreter der israelitischen Gemeinden Mainz, WormS, Bingen und Alzey dem Herrn Obergerichtsrath Glaubrech am 30. Juli 1847 eine Dankadresse, begleitet von einem silbernen Pokale, dem Ertrage einer allgemeinen Subscription, wozu die Aermsten wie die Reichsten beisteuerten, überreichen ließ. (Schaab, Geschichte der Juden in Mainz.) (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. R. Heidelberg. (Hermann Schapira.) Der außerordentliche Professor der Mathematik an der hiesigen Universität, Dr. Hermann Schapira, ist auf einer Reise in Köln einer Lungenentzündung erlegen. Schapira, ein geborener Russe, hat ein Alter von 58 Jahren erreicht. Er war früher Kaufmann und fing erst zu studiren an, al« er fast 40 Jahre alt war und die zum Studium nöthigen Geldmittel erspart hatte. Seine mathematischen Untersuchungen verriethen großen Scharfsinn; auch war er ein gründlicher Kenner der hebräischen Geschichte und Literatur. In der letzten Zeit wandte er sich der zionistischen Bewegung zu; noch vor wenigen Monaten trat er in einer Frankfurter Versammlung der Zionisten als Redner auf. Oesterr.-Ungar. Monarchie. R. Krakau. Zwei wohlthätige Stiftungen find hier in's Leben getreten. Die eine rührt von dem vor einigen Jahren verstorbenen jüdischen Arzt Dr. Jonathan Warschauer, welcher der Stadtgemeinde die Summe von 30,000 fl. vermachte, um anHaudwerker und Gewerbetreibende ohne Unterschied der Confession unverzinsliche Darlehen zu gewähren. Die zweite ist eine Schöpfung des polnischen Magnaten und vielfachen Millionär« Grafen Joseph Potocki, der gleichfalls 30,000 fl. der Stadtgemeinde übergab, die als Grundkapital zum Bau billiger Wohnungen für Arbeiter dienen sollen. Jedoch dürfen die Wohnungen nur von Arbeitern katholischen Bekenntnisse» benutzt werden. Rußland. V. Wilna, 9. Mai. (Ein weißer Rabe.) Der sonst gut oder vielmehr schlecht antisemitische „Wilentzki Wjestnick" schreibt: Es verdient Beachtung und Anerkennung, daß die Wilnaer jüdische Bevölkerung in ihrer billigen Volksküche die christliche« Gäste nicht nur nicht zurückweist, sondern sie mit derselben Zuvorkommenheit behandelt wie die Glaubensgenossen. Das christliche Element unter den Gastet der Volksküche beträgt bereits 120 Personen täglich gleich 15 pCt. der Gesammtzahl. Hierbei ist aber nicht außer Acht zu lassen, daß die unterstützenden Mitglieder, welche die Küche mit allem nöthigen versorgen, ohne Ausnahme Juden sind. Zudem sind es durchaus nicht ausschließlich die Reichen; vielmehr gelangen hierher auch die schwer erarbeiteten Kopeken der Mittel- und Arbeiterklasse." Vermischtes. Berlin. Ein jüdische» Frauen-Genesungsheim ist seitens der Berliner jüdischen Gemeinde in nächster Nähe der Reichshauptstadt, in Briese bei Birkenwerder, eröffnet worden. Es gewährt RekonvaleScentinnen und sonstigen der Heilung und Stärkung bedürftigen Personen Aufnahme iu gesunder kräftiger Luft und rationelle körperliche Pflege unter ärztlicher Aufsicht. Die neue Anstalt, zu deren Ausdehnung erst größere Mittel aufgebracht werden müssen, zählt bereits 20 Insassinnen und untersteht der Armen- Commission der Berliner jüdischen Gemeinde. Liberia», im April- Der Vorstand und die Mitglieder der Gesellschaft „Linat-Hazedek" in Liberias sind verwun-