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Der Israelit · 1898-05-09 · Heft 36 (9.5.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 36 (9.5.1898)
Date
1898-05-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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669 Feuilleton. Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von i7- Arnold Mann. (Nachdruck verboten.) Kurt's Bemühungen um Betti waren auch bisher erfolglos geblieben. Noch kurz vor Beginn der Wahl war er auf seiner Promenade zwischen den beiden Häusern gewesen, hatte vor jedem eine Zeit lang verweilt und sich in einen solchen Aerger hineingewartet, daß er höchst mißmuthig vor der aufgeschlagenen Liste saß, in die er die Wahlhandlung jedes einzelnen Kommilitonen einzutragen hatte. „Du," wandte sich etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Wahl sein Nachbar, der die Kontrolliste führte zu Kurt, „weißt Du schon, die anderen haben uns diesmal einen richtigen Juden an den Tisch gesetzt." Er hatte leise gesprochen. Zwei große Tafeln in der Mitte des Saales geboten deutlich „Silentium". Kurt aber fuhr rücksichtslos auf: „Wo denn?" Von allen Seiten klang es: „Pscht! Silentium". „Da," antwortete Kurt's Nachbar leise, auf Schlesinger deutend, der jenseits des Wahlleiters ahnungslos saß. „Der?" machte Kurt, „wie heißt denn der?" „Schlesinger," war die Antwort. „Schlesinger?" fuhr Kurt auf, „und mit Vorname?" „Ludwig." „Und welche Fakultät?" „Medizin." Die Unterhaltung war ganz leise und schnell fortgesetzt worden. Kurt hatte nur mit Mühe sein Erstaunen bemeistert und schaute jetzt gespannt und mit einem durchdringenden Blick auf Schlesinger, über den Kopf des Wahlleiters hinweg. „Warum interessirt Dich denn der Jude so besonders?" fuhr Kurt's Freund fort. „Das hat seinen guten Grund," sagte Kurt, „der Jude hat nämlich eine saubere Schwester, die mit fremden Herrn auf der Straße geht —" Diese Worte, die so halblaut gesprochen waren, wurden von Schlesinger zufällig aufgefangen. Er blickte seitwärts, und da er in diesem Moment Kurts und des Anderen Augen auf sich gerichtet sah, wußte er sofort, um was es sich handele. Ludwig war viel zu klug, um auch nur eine Silbe laut werden zu lasten. Er wartete ruhig das Ende der heutige« Wahlhandlung ab, trat dann mit höflichem Gruße auf Kurt zu, stellte sich vor — er kannte Kurt schon lange vom Sehen — und fragte in energischem, aber in leisem, höflichen Tone, ob er mit der Aeußerung vorhin leine Schwester gemeint habe. „Allerdings," war die Antwort. „Und worauf stützen Sie diese Behauptung?" „Auf da-, was meine eigenen Augen gesehen haben." „Ich danke Ihnen!" „Bitte sehr!" Ludwig Schlesinger ging gemestenen Schrittes zur Halle hinaus, allein, kaum war er draußen, so fing er an, in einem überaus schnellen Tempo zu gehen. Er war außer sich. Seine Schwester in dieses Menschen Mund! Und welches vielsagende Lächeln um seine Lippen spielte, als wüßte er noch mehr! Wie toll stürmten die Gedanken in Schlesingers Gehirn durcheinander, als er da über Schloßbrücke, Schloßplatz in beschleunigtem Laufe der Stralauerstraße zustrebte. Nur eines mußte jetzt geschehen: Die Schwester zur Rede stellen, zu erforschen, ob der Mensch dort gelogen und verleumdet, oder ob Betti in der That sich so weit vergessen habe, um die Begleitung fremder, junger Herren auf der Straße anzunehmen. Er hielt das Letztere kaum für möglich. Wie? hatte er Betti nicht erst vor Kurzem, als der Brief mit den elterlichen Ermahnungen eingetroffen war, auf's Dringendste gewarnt vor den Flaneuren der Straße? Sollte sie trotzdem —? Nein! Es war nicht möglich! wie er seine Schwester kannte, war es ganz undenkbar, mußte dieser Hohenthal ein schändlicher Lügner sein, dem es nur darauf ankam, seine judenfeindliche Stimmung an ihm auszulassen, und der auch vor der Verleumdurg eines schuldlosen Mädchens nicht zurückschreckte, wenn es einem Gegner ein's zu versetzen galt- Und doch-Ludwig stockte ein wenig in seinem Lauf-Woher wußte dieser Hohenthal überhaupt, daß er eine Schwester hier in Berlin habe?? Nein, es muß etwas wahres daran sein! Ihm graute vor der Wahrheit. So wurde der arme Mensch von einem Extrem in'S andere gejagt, von tausend widersprechenden Gedanken ^durchtobt und durchftürmt. Endlich stand (er vor dem Hause in der Stralauerstraße. Er^'.stockte,f/einen Augenblick. Wie? Wenn Betti nicht zu Hause wäre? Wie würde er die Stunde der Ungewißheit ertragen? Er stieg die Treppe hinauf, klingelte und fragte nach seiner Schwester. Er hatte sie schon öfter besucht und man kannte ihn bereits. Er wurde in einen eleganten Salon geführt, und es dauerte nicht

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