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Der Israelit · 1898-05-05 · Heft 35 (5.5.1898) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 35 (5.5.1898)
Date
1898-05-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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652 noch die Gegenwart betrübende Denkmäler derselben aufzuweisen hat; auch wollen wir nicht fragen, ob das Leben und namentlich das Treiben einer ganzen Klaffe von Staatsangehörigen sich denn doch etwas anders gestaltet, als man es aus einer Parteischrift oder im Bereiche einer kleinen Dorfgemeinde (auf Ulfa anspielend!) kennen zu lernen im Stande ist — fragen wollen wir aber, ob es Herr Münch denn mit gewesenen Juden genüge, welche das Christenthum mit dem Munde bekennen, oder ob er das Reich de» Christenthu.ns auf Erden im Geiste verehrt sehen will! Dazu kann es aber niemals führen, wenn die Juden plötzlich den Glauben ihrer Väter verlasien, einer Religion entsagen, welche ihre erhabenen Tugendmuster zeigt, ohne daß ihre Ueberzeugung, ihre ganze Denkweise, ihr ganzes Gemüth in der neuen Lehre den unbedingt sicheren Haltpunkt gefunden, den die alte gewährt!" Auf die durchsichtigen Bekehrungsversuche Pfarrer Münch» in den Andeutungen, daß, wer in einen Staatsverband ausgenommen werden will, auch die Staatsreligion annehmen müsse, antwortet der Verfasser scharf und treffend: „Stehen denn unsere Juden landflüchtig herkommend noch an den Barren des Staats, um Einlaß bittend, oder sind sie mit ihren Ellern, Voreltern und Urahnen nicht schon seit einem Jahrtausend Angehörige des Staats! Deutschland ist das Vaterland der deutschen Juden und ihrer Väter, die deutsche Sprache ist diejenige allein, der sie völlig mächtig sind, sie werden als Unterthanen der deutschen Staaten betrachtet, sie müffen die Abgaben gerade wie die Ehrsten bezahlen, sie werden nicht anders wie die Christen zum Militär gezogen, obgleich sie noch erst vor Id Jahren mit vielen Tausenden von Gulven sich vom Kriegsdienste loSgekauft hatten, der Staat überwacht auch ihre Angelegenheiten unter sich in einem solchen Umfange, wie es nur irgend eine Oberaufsicht des Staates über Staatsangehörige gibt, der Staat setzt ihnen seit 1831) sogar Religionsvorftände ein, nur mit Erlaubniß des Staates können sie Ehen unter sich eingehen u. s. w., kurz in ijeöer Beziehung sind die Juden wirkliche Staatsangehörige, und deßhalb dürfte, wenn die Pflichten auch einen Anspruch aus entsprechende Berechtigungen erzeugen, die Emancipation auch gerade nur ein Akt der Gerechtigkeit fein! — Talmud, Traktat Sabbat (2. Abschnitt, S. 31) wird erzählt, daß ein Heide zu dem weisen Hillel gekommen sei, und ihm erklär! habe, daß er Jude werden «olle, doch dürfe sein Unterricht in der jüdischen Lehre nicht länger dauern, als man auf einem Beine stehen könne. Hillel sagte ihm hierauf: „Was Dir von Deinem Nächsten nicht gefällt, das thue ihm auch nicht! Dies ist unser ganzes Gesetz, alles Uebrige ist Commentar. — So, wie aber Pfarrer Münch das Christenthum interpretirt, dürfte mancher Ungläubige, welcher Christ werden wollte, in der Stellung des Heiden bei ihm über große Müdigkeit klagen!" Dies sind wahrhaft goldene Worte der Begeisterung und des Rechts, belegt von trefflichen Ausführungen der Weisheit und bekräftigt durch Citate aus dem jüdischen Schriftthum. Solche Worte wurden vor mehr als 60 Jahren geschrieben, und man wird den gewaltigen Eindruck derselben auf die Gebildeten und Einsichtsvollen der damaligen Zeit begreifen. Deßhalb konnte die Frucht derselben, wenn auch durch Anfechtungen und Verfolgungen ä la Pfarrer Münch einige Zeit zurückgehalten, jedoch nicht unterdrückt werden. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. ER. Berlin, l. Mai. Die heutige Sitzung der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde wurde mit Verlesung des Rechenschaftsberichts des Vereins gegen Verarmung und des Vereins für jüdische Krankenpflege eröffnet. Es ward sodann ein Schreiben des Herrn Dr. Maybaum verlesen, in welchem der Vorstand zur Ueberlaffung des Sitzungssaals der Repräsentanten für die am 1. und 2. Juni hier versammelten Rabbiner gebeten wird. Der Centralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde stellt an den Vorstand das Ersuchen, seine Bekanntmachungen unter gleichen Bedingungen allen hiesigen jüdischen Zeitungen zukommen zu lassen, während diese Vergünstigung bisher nur für die Zeitung des Judenthums bestanden hat. Herr Justizrath Meyer erklärt die Versammlung nicht für eompetent in dieser Angelegenheit zu urtheilen. Herr Bodenstein beantragt geheime Sitzung. Stadtrath Dr. Weigert beklagt sich, daß die gottesdienstlichen Anzeigen in den Tageszeitungen gleich hinter den Theatern stehen, er hält dies für unwürdig und bittet um Abhilfe. Der Vorsitzende theilt mit, daß der 16. Bericht der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums zur Einsicht ausliegt. Hierauf übergiebt Professor Baginsky eine zwischen Commerzienrath Jsak und dem Oberrabbiner Zadok Kahn gepflogene Correspondenz, die nicht verlesen wird. Es erfolgt das Referat über die Zuwendung des Herrn Geheimrath Hahn für Hilfsbedürftige im Betrage von 5 000 Mark, ferner der Frau Kommerzienrath Louis Pollak zum

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