Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 35 (5.5.1898)
- Date
- 1898-05-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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TULXMX. Jahrgang. Erste Beilage M M 35 ües Jterneüt“. Leitender Artikel. Die Emanzipation der Juden in Hessen. ..Ium 50jährigen Jubiläum eines Aktes der Gerechtigkeit und Humanität." Historisch dargestellt von I. Levermann, D a r m st a d t. (Fortsetzung.) Auf diese mannhaften Ausführungen leistet sich Pfarrer Münch zunr drittenmale eine Erwiderung, welche jedoch so sehr den Eindruck des Verlegenen, nach Ausflüchten Ringenden macht, daß wir uns wahrlich nicht wundern dürfen, wenn er aus Mangel an sachlichen Gründen noch inehr als sonst die blinde judenfeindliche Gesinnung hervorkehrt. — Gegenüber den schlagenden Bi weisen von Pfungst, daß das Fundamentalgesetz der Juden in völligem Einklang mit dem christlichen Geiste stehe, erwidert Pfarrer Münch, daß wohl auch bessere Aussprüche im Geiste des Alten Testements enthalten seien, dasselbe aber durch eine Reihe „unreiner, widerrechtlicher Grundsätze niedergedrückt werde." Die jüd. Religion trage den Charakter eines „nationalen Egoismus." Die Beweisstellen Psungsts, namentlich vom Gebot der Nächstenliebe ohne Unterschied kommen Münch sehr ungelegen, deßhalb sucht er dieselben zu wiederlegen, aber ourch eine Fälschung des SchriftworteS, indem er einfach das Verbot des Zinsennehmens von Juden, welches ja Nichtjuden gegenüber nicht bindend war, weil man diesen eben auch Zinsen geben mußte, in die unwahren Worte kleidete und dementsprechend citirte: „Du sollst keinen Wucher nehmen von Deinem Bruder.an dem Fremden magst Du wuchern!" Während ja das jüdische Gesetz jeden Wucher streng verbietet und brandmarkt. Daß Pfungst so richtig auf das Erziehungsmittel des Eudämonismus im Neuen Testament hinweist, erfüllt Pfarrer Münch mit großem Aerger, welchen er in einer Phrase ohne Widerlegung des treffenden Grundes kundgibt. Die historisch festgestellte Ursache aller moralischen Gebrechen, welche man den Juden vorwirft, und welche im Haß, in der Verachtung und Zurücksetzung seit 18 Jahrhunderten zu suchen ist, nennt Münch eine Uebertreibung (!), welche auf Deutschland nicht paffe, ohne Rücksicht darauf, daß diese Bemerkung aller Erfahrung und Geschichte ins Gesicht schlägt. Auf die treffende Begründung Pfungst'-, daß das Judenthunr keinen Gegensatz zum Christenthum bilde, wie das Neue Testament, sowie die Berufung angesehener Lehrer de» Christenthums auf das Alte Testament und seinen Geist genügend beweisen, erwidert Pfarrer Münch mit eiserner Stirne: „Ich gebe zwar zu, daß die Anlage eines frommen begeisterten Gefühls aus einzelnen Theilen und Stellen des Alten Testaments sehr ansprechend hervorleuchtet, oft auch da, wo unmoralische Grundsätze (!!) unterlaufen, hier ist aber Vorsicht in der Anwendung nöthig, und mit Recht wird in dieser Beziehung von den gegenwärtigen und künftigen christlichen Lehrern mehr erwartet, als unsere Vorfahren geleistet haben!" Dieser letzte Satz macht alles Weitere überflüssig. Wer solch sachlichen, wohlbegründeten, auf der Stimme des Rechts und Gefühls, sowie dem Zeugniß der Heiligen Schrift und Weltgeschichte beruhenden Darlegungen von Moritz Pfungst so ausweichend antwortet, statt begründeter Widerlegung nur Gehässigkeiten bringt und zur Bekräftigung dieser Standpunktes sogar die früheren Lehrer der eigenen Religion schulmeistert, wie Pfarrer Münch, verdient keine weitere Wiederlegung des Angegriffenen. Dennoch ergreift ein früherer wackerer Streiter das Wort, und zwar derselbe, welcher zuerst im Jahre 1832 die Sache der Emancipation im „Beobachter" zur Diskussion stellte und deffen treffende Ausführungen sein Verdienst, diese Frage öffentlich als Nothwendigkeit und Gerechtigkeit zuerst befürwortet zu haben, um so glänzender gestalten. Der Verfaffer, deffen Name uns leider nicht überliefert ist, der aber Mitbegründer des „Vereins zur Verbesserung des Zustandes der Israeliten" ist, zeigt sich erstaunt, daß jetzt gerade der Einfluß von Glaube nnd Religion bei der Debatte über die Emancipation der Juden hervorgehoben wird. Die weiteren Ausführungen des Verfassers sind wegen ihrer Schärfe, Feinheit und weisen Verwerthung, aber auch wegen des Objektes, gegen welches sich dieselben richten, sehr intereffant, und verdienen schon deßhalb für alle Zeiten den glaubensbegeisterten Juden als auch den auf Bekehrungsversuche zielenden Nichtjuden vorgehalten zu werden. Herr Pfarrer Münch gibt an, aus Erfahrung Beispiele von Unduldsamkeit der Juden zu kennen. Darauf wird erwidert: „Will Herr Münch anführen, daß es einmal einen Juden gegeben hat, welcher seinen Sohn enterbte, der sich taufen ließ, so wollen wir nicht Beispiele christlicher Unduldsamkeit entgegensetzen, obgleich die Vorzeit und sogar