Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 35 (5.5.1898)
- Date
- 1898-05-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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649 Er reichte Betti die Zeitung hin und sie las den Bericht über Kurt Hohenthal's Festrede am vorhergehenden Abend. Als sie geendigt hatte, legte sie die Zeitung, ohne ein Wort zu sagen, wieder auf den Tisch. „Jetzt sag' mal," fing Ludwig an, als sie schwieg, „soll man einem solchen Menschen nicht einen gehörigen Denkzettel geben? O, ich sage Dir, mit Wonne würde ich dem gegenüberstehen und meine Klinge sollte auf ihn herabsausen, daß aus dem Affen in Menschengestalt einer in richtiger Affengestalt werden soll —" „Nun," sagte Betti, die ein anderes Thema beginnen wollte, „und was sagst Du zu Mama's Brief?" „Mama hat gar nicht so Unrecht," erwiederte Ludwig, der immer noch in seinem Zorn befangen war, „Kerls wie dieser Hohenthal zum Beispiel, das sind auch die Gefahren, die auf den Straßen jungen Mädchen drohen. Solche Leute haben absolut kein Gewissen. Darum darfst Du niemals auf der Straße einem Herrn, der Dich anspricht, irgend eine Antwort geben. Na, Du wirst selber so vernünftig sein," fügte er nach einer kleinen Pause hinzu. Betti vermochte nichts zu erwiedern, so überrascht war sie von dem eigenthümlichen Zusammentreffen, daß der Bruder gerade so zornig von einem Herrn desselben Namens sprach, wie der, den sie vorhin getroffen hatte. Dann kam ihr wieder der Gedanke, daß es ja ein anderer desselben Namens sein könne; und während die beiden Geschwister nach einer angenehm verplauderten Stunde auf der Straße dahinwanderten — der Bruder geleitete die Schwester nach Hause — da hatte Betti so nebenbei von Ludwig erfahren, daß dieser Hohenthal, der da gesprochen, in Universitskreisen bekannt und der Sohn eines Berliner Landgerichtsrathes sei. So hatte sie das nöthige Material beisammen, um den studentischen Judenfresser so abzuführen, wie sie es nachher einige Wochen darauf gethan hat. In Kurt hatte das Nenkontre mit Betti Schlesinger die widersprechendsten Empfindungen aufgeweckt. Einerseits war ihnl das Mädchen in seinem drolligen Eifer so reizend, so anziehend erschienen, daß er sie trotz ihrer verurtheilenden Worte, mitten auf der Straße hätte umarmen mögen. Er hörte fast gar nicht, was sie sprach, er sah nur ihre blitzenden Augen, ihre Wangen, die sich immer höher und höher rötheten, ihre ganze jugendfrische Gestalt ein fieberhafter, lebendiger Protest: Schön, wunderbar, zum Küsse u- So dachte Kurt, als er weiterschreitend ihre Gestalt immer noch vor sich zu sehen glaubte und sich jeden ihrer Blicke, die so zornig und doch so mädchenhaft sprühten, noch einmal vergegenwärtigte. Andererseits konnte er ein beklemmendes, niederdrückendes Gefühl nicht los werden bei dem Gedanken, daß dieses Mädchen an seinem Charakter eine fürchterliche Blöße rücksichslos aufgedeckt habe. Er versuchte dieses unangenehme Gefühl loszuwerden, indem er sich in Gedanken immer noch an dem wundersamen Mädchenbilde berauschte, das da grollend an seiner Seite gewandelt war; allein cs gelang ihm nicht, er kam nicht darüber hinweg, daß er dem Mädchen als ein gewissenloser Mensch erscheinen müsse, in dessen Weltanschauung die Theorie mit der Praxis in einem so grellen Widgrspruch stand. So gerieth er allmählich in eine Mißstimmung, deren Unbehaglichkeit sich von Tag zu Tag um so höher steigerte, je überwältigender ihn die Sehnsucht überkam, das schöne Mädchen einmal in die Arme zu schließen. Er mußte, so oft er an sie dachte, auch an sich selbst denken; wenn er ihr reizvolles Bild vor Augen sah, erblickte er daneben sofort auch sich selbst in der schändlichen Rolle, in der sie ihn erkannt hatte. Wahrhaftig, er hatte einen Zorn auf sie mitten in den Gefühlen der Sehnsucht. Er hätte sie gern einmal umarmt, hätte ihr aber ebenso gern einmal die Kühnheit heimgezahlt, mit der sie ihm entgegengctreten war. Um das erstere zu erreichen, kannte Kurt in den nächsten Wochen keine andere Sorge, als dem Mädchen, wiederum zu begegnen Er würde sie schon weich zu stimmen wissen! Aber es gelang ihm nicht. Mehr als zehnmal des Tages ging er den Weg von der Stralauerstraße nach der Luisenstraße. Vergebens.' Das Mädchen schien verschwunden. Bot sich Kurt so die Gelegenheit zur Erfüllung seines ersten "Wunsches und zur Befriedigultg seines Liebesverlangens gar nicht, so sollte ihm dafür bald, wie von selbst, die andere Gelegenheit sich bieten, nämlich die, dem'Mädchen einen kleinen Denkzettel 51t geben für die Abkanzelung, mit der sie ihn bedacht und durch die sie ihn so unzufrieden mit sich selbst gemacht hatte. Die Wahlen zur akademischen Lesehalle waren wiederum nahe. Schroff wie immer standen sich die beiden Parteien gegenüber, der „Verein Deutscher Studenten" und die „Freie wissenschaftliche Vereinigung". Auf beiden Seiten wurden enorme Kräfte aufgeboten, den Gegner zu besiegen. Die vorhergehenden Wahlen hatten mit einem Vortheil der judenfeindlichen Partei geendigt und die „F. W. V." setzte alles ein, die Scharte wieder auszuwetzen und ihre Leute diesmal wohl gar in die Majorität zu bringen. Eine energische Agitation wurde eingeleitet. Die einzelnen Studierenden wurden mit Aufrufen und sonstigen gedruckten Expektorationen aller Art förmlich überschüttet, Versammlungen wurden abgchalten, in denen^sich die Wahlkandidaten vorstellten, kurz, alles wurde gethan, was zur Herbeiführung eines Sieges nothwendig war.