Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 34 (2.5.1898)
- Date
- 1898-05-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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638 Neuillet««. Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von 15) Arnold Mann. ZEH (Nachdruck verboten.) Es konnte nicht fehlen, daß die Neigungen und Gewohnheiten des Elternhauses auch auf die Kinder ihre Wirkung äußerten. Ludwig schloß sich bereits auf dem Gymnasium mit Vorliebe christlichen Freunden an, und auf der Universität war es sein sehnlichster Wunsch, da ihm als Juden die Korps nun einmal unwiderruflich verschlossen waren, Mitglied einer Burschenschaft zu werden, die Juden aufnahm, wenn auch das Gros der Kommilitonen Christen waren. In Berlin wurde Ludwig Mitglied der „Freien wiffenschaftlichen Vereinigung", jener studentischen Körperschaft, die, das Gegenstück zum „Verein deutscher Studenten", nicht nur Juden aufnahm, sondern auch manchen Strauß mit der gegnerischen Körperschaft muthig auSfocht. Um die Zeit, da Ludwig Schlesinger in die „F. W. V.", wie man die Vereinigung kurz bezeichnete, eintrat, hielt die jüdische Mitgliederzahl der christlichen ungefähr die Waage, eS war jene Zeit, in der der Antagonismus gegen den „V. D. St." feinen Höhepunkt erreicht hatte, alljährlich bei den Wahlen zur „akademischen Lesehalle" auf beiden Seilen eine fieberhafte Agitation sich entfaltete und in hartem Wahlringen die beiden Parteien ihre Kräfte maßen. Die „F. W. V." war eine schlagende Körperschaft. Man vermeinte, den Kampf gegen die feindlichen Uebergriffe der Gegner nicht würdig führen zu können, wenn man nicht den Muth hatte, gegebenenfalls dem herkömmlichen studentischen Ehrenkodex Rechnung zu tragen, sondern etwa feige sich um einen Zweikampf herumdrückte. So war denn Ludwig Schlesinger auf dem Fechtboden heimisch und hatte, als einer der eifrigsten Mitglieder der Vereinigung, sich auch auf diesem Gebiete umgesehen. Im Uebrigen arbeitete er fleißig auf das Staatsexamen los, um den Ellern recht bald die Sorgen um seine Zukunft abzunehmen. Es traf sich glücklich, daß sich gerade in Berlin auch für Betti Schlesinger ein Unterkommen fand. Das Mädchen hatte keine Ruhe zu Hause. Sie wollte und wollte in die weite Welt, den Beruf ausüben, zu welchem sie sich innerlich gedrängt fühlte. Da begrüßten es denn die Eltern mit Freuden, als Ludwig eines Tages schrieb, daß er in einer vornehmen jüdischen Familie in Berlin eine Stelle in Erfahrung gebracht habe, für welche die Schwester wohl geeignet sei. Man besann sich nicht lange. Betti Schlesinger fuhr nach Berlin. Ludwig jubelte auf, als er die Schwester, auf die er nicht wenig stolz war, in Berlin in Empfang nahm. Hatte er doch mit ihr die Heimath und das Elternhaus in der Nähe! Nun warf er sich mit doppeltem Fleiße auf die Arbeit, um eines Tages die liebe Schwester würdig zu versorgen. Betti selbst betrachtete Berlin mit kindlich-neugierigen Augen. Sie hatte es gut getroffen. Zwei liebliche Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, waren ihr anvertraut. Die Eltern waren feine, liebenswürdige Leute, Besitzer einer großen Lederfabrik, und, was nicht unwichtig war, sie zahlten gut. Betti besuchte den Bruder fast jeden Tag. Er wäre gern in ihre Nähe gezogen, allein es war für ihn von unschätzbarem Vortheil, nicht weit ab von der Charitö zu wohnen. So mußte Betti stets den weiten Weg machen, und da es eine geschickte Bahnverbindung nicht gab, ging sie gern zu Fuß, zumal sie ohnedies den ganzen Tag bei ihren Zöglingen sitzen mußte und die zwei Stunden, die sie des Nachmittags frei hatte, gern dazu benützte, sich ein wenig Bewegung zu machen. Als Betti, nach der ersten Begegnung mit Kurt Hohenthal die Thüre zu ihres Bruders Stube öffnete, fand sie ihn gerade bei der Lektüre eines elterlichen Briefes vertieft. „Tag, Ludwig" sagte die Schwester munter, indem sie den Hut ablegte. Ludwig schien erst zu Ende lesen zu wollen, brummte nur „Tag", sprang dann, den Brief in der Linken haltend, auf die Schwester zu und drückte sie liebevoll an sich. „Kommst gerade recht, Kleinchen, denn es ist ein Brief von Hanse gekommen, in dem auch was von Dir steht!" „Von mir?" „Da, lies selbst!" Betti las. Die Mutter ermahnte Ludwig, was sie übrigens in jedem dritten Briefe auf's neue that, doch ja recht aufmerksam auf die Schwester zu achten, Berlin sei eine gefährliche Stadt und er — Ludwig — sei verantwortlich für die Schwester, die doch mehr oder minder allein stehe mitten in der Weltstadt. Als Betti den Brief der Mutter, der einen Bogen füllte, gelesen hatte, wurde sie' sehr ^nachdenklich. Sie mußte der Begegnung mit dem fremden jungen Manne denken und empfand den ^Brief ^der Mutter in dieser Stunde wie eine Warnung des Himmels. Sie ließ die Hand mit dem Briefe sinken und