Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 33 (28.4.1898)
- Date
- 1898-04-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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624 Zetturtssrrachrrchte« u«d Esrrefpsndenze« Deutschland. Köln, 22. April. (E in G e d enk La g.) Hundert Jahre sind an diesem Sabbat verflossen, seitdem Köln den Israeliten wieder seine Thore öffnete. Da» frühere Kölner Memorbuch, welches am 25. Januar 1867 bei einem Brande verloren ging, enthielt folgende Notiz: „Zum Andenken. Am 2. Neumondstage Jjar 5558 (damals der 17. April 1798) sind wir Unterzeichneten von Mülheim am Rhein nach Köln gezogen. Nicht allein, daß Jahrhunderte lang kein Jude hier gewohnt hat, es durfte auch kein Jude in die Stadt kommen. Im letzten Viertel unseres Jahrhunderts haben es zwar Hoffaktoren (o'v'pri) bei dem Herrn Kurfürsten in Bonn erlangt, daß sie einen Paß erhielten, um hierher zu kommen, jedoch war auf solchen Paß, ohngeachtet er viel Geld gekostet. das Hieraufhalten nicht erlaubt, sondern nur das Durchreisen, und jeder Jude, welcher mit einem solchen versehen, an daS Thor kam, wurde von einem Kölnischen Funken (Stadtsoldaten) durch die Stadt bis an das Thor begleitet, welches er zur Weiterreise passiren mußte. Nachdem wir bei der französischen Municipalität eingekommen sind, um hier wohnen zu dürfen, haben wir vor einigen Tagen die Gerechtigkeit erhallen und sind auch gleich hierhergezogen. Joseph Sohn des Isaak Stern. Sara deffen Ehegattin." Zu fast derselben Zeit, schreibt das „Jsr. Gemeindeblatt", wurde auch den Protestanten in Köln das Bürgerrecht ertheilt. Köln war die urkundlich älteste Niederlassung der Juden in Deutschland, hier blühte schon eine große Judengemeinde, als noch das Heidenthum am Rhein herrschte. Ein amtliches Schreiben Konstantins des Großen an die Stadtverwaltung im Jahre 321 befreite die Priester, Synagogen- und Gemeindeältesten und sonstige Gemeindebeamten von persönlichen Leistungen an den Staat und von den lästigen Kurialämtern. Unter fränkischer Herrschaft lebten sie in glücklicher Ruhe und ungestörter Vereinigung mit den Laudesbewohnern. Bei Karl dem Großen und seinen Nachkommen erhielten einzelne Juden bevorzugte Stellungen am Hofe. Sie waren damals die Vertreter des Welthandels und besonders im 10. und 11. Jahrhundert finden wir sie jährlich dreimal aus allen Gegenden auf der weltberühmten Kölner Meffe. Die alten Urkunden theilen uns mit, wie sie als Schiffer mit eigenen Fahrzeugen den Rhein und andere Flüffe befuhren und welche Erzeugniffe sie aus allen Ländern vermitteln. Beim Erzbischof und dem Rathe der Stadt standen sie in hohem Ansehen, während des ganzen Mittelalters hatten sie ein Stadthor zu beschirmen und bei den Kriegen mußten sie (z. B. 1252) die Wälle der Stadt vertheidigen. Schon vor tausend Jahren bestand hier eine berühmte jüdische Hochschule, von den „Weisen Kolonias" sprach man bereits im 11. Jahrhundert mit Ehrfurcht und die Dichtungen ihrer Rabbiner sind heute noch Gemeingut aller Bekenner des Judenthums Glaubensfanatismus und Geschäftsneid haben die alte jüdische Gemeinde in Köln wiederholt fast gänzlich vernichtet, so besonders in den Jahren 1096 und 1349. Dennoch verjüngte sie sich immer wieder und erhob sich aus dem Staube zu neuer Blüthe. Das Jahr 1424 war für sie verhängnißvoll. Erzbischof Dietrich II. hatte für die jüd. Gemeinde Partei genommen gegen die übermäßigen Ansprüche der Stadt an Geleitgeld. Dafür beschloß die Stadt die Ausweisung der Juden, die 1424 erfolgte. Alle Bemühungen des Erzbischofs beim Kaiser für seine Juden blieben erfolglos, sie siedelten sich unter seinem Schutze im gegenüberliegenden Deutz an, wie sie überhaupt in fast allen Orten des Erzstiftes wohnten. Nur einmal, im Jahre, als die Truchseß'schen Truppen Deutz niederbrannten und plünderten, flüchteten sie sich mit ihren Habseligkeiten nach Köln, wo sie in der Trankgaffe etwa ein Jahr geduldet wurden. Sobald ein Bekenner des alten Bundes Miene machte, sich taufen zu laffen, wurden ihm Thor und Thür geöffnet. So fanden wir z. B. allein aus den Jahren 1756—61 in den städtischen Protokollen nicht weniger als 21 Personen genannt, denen zum Zwecke der Bekehrung der Aufenthalt gestattet wurde. Noch vor dem Einzüge der Franzosen im Jahre 1794 versagte man einem christlichen jungen Manne seines jüdischen Aussehens wegen den Aufenthalt und der Senat ertheilte den Befehl, ihn mit Militäreskorte aus der Stadt zu bringen. Eigenthümlich ist es, daß die Franzosen, die heute „Tod den Juden" rnfen, vor hundert Jahren den Juden am Rhein die Freiheit und die Gleichberechtigung brachten. Die Urenkel Derjenigen, welche vor fast vierhundert Jahren aus Köln vertrieben wurden und in Deutz und Mülheim der Stunde der Freiheit harrten, waren die Ersten, welche sich in der rheinischen Metropole wieder ansiedelten. Sie fanden das alte Judenoiertel am Rathhaus noch unverändert vor, denn Köln war während der Abwesenheit seiner jüdischen Einwohner von seiner ehemaligen Größe sehr herabgesunken und das Wiederaufblühen der Stadt fällt mit dem Anwachsen der Judengemeinde zusammen. Das Ghetto um das Rathhaus fiel und neues Leben blühte aus den Ruinen. Bis zu Bginn des 19. Jahrhunderts waren dem Joseph Stern noch weitere 17 Familien gefolgt, welche am 20. Vendemiaire X (1801) sich zu einer Gemeinde vereinigten. Im Jahre 1815 wohnten in Köln 30 jüd. Familien und diese Zahl