Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 32 (25.4.1898)
- Date
- 1898-04-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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603 hüllrmg wird König Humbert in eigener Person anwesend sein. Rußland. V. St. Petersburg. Im Ansiedelungs-Rayon gibt es eine große Anzahl von „Flecken" (ein Mittelding zwischen Stadt und Dorf), deren Einwohnerschaft ausschließlich aus Juden besteht. In solchen Flecken darf auch ein Jude das Amt< eines Gemeindeältesten bekleiden. Anders dagegen in solchen mit gemischter Bcvölkerung, d. h. an Orten, wo auch nur ein einziger Christ wohnt. Hier muß der „Starosta" stets der christlichen Religion angehören, wenn er im Uebrigen auch noch so wenig für diesen Posten qualificirt ist. Dieses eigenthümliche Gesetz erfuhr kürzlich, wie der „Woschod" erzählt, bei Gelegenheit der Gemeindeältestenwahl im Flecken Schargorod (Gouv. Podolien) eine drastische Beleuchtung. Die ausschließlich jüdischen Wähler, W an der Zahl, hatten sich am Wahltage in der Synagoge, welche an solchen Orten auch al» Wahllokal dient, versammelt, um von ihren „höchsten bürgerlichen Rechten" Gebrauch zu machen. Ein erbitterter Wahlkampf hatte nicht stattgesunden; man hatte sich im vorhinein auf zwei Candidaten, allgemein geachtete jüdische Einwohner des Ortes, geeinigt. Der Priester in eigener Person fungirte als Wahlcommiffär. Und so mußte der feierliche Akt nach menschlichem Ermessen einen schnellen und würdigen Verlauf nehmen. Allein es kam anders. Vor kurzer Zeit hatten sich im Flecken zwei Christen angestedelt, und nunmehr waren diese die einzigen gesetzlich zulässigen Candidaten. Als diese Thatsache den überraschten jüdischen Wählern mitgetheilt wurde, erklärten sie unter solchen Umständen aus ihr „Wahlrecht" überhaupt verzichten zu wollen; allein der Priester belehrte sie, daß die Wahl unter allen Umständen stattfinden müsse, daß aber im Uebrigen Niemand gezwungen sei, gegen seine Ueberzeugung zu stimmen. Die nunmehr vorgenommene Wahl hatte das Resultat, daß die beiden christlichen Candidaten eine erdrückende Majorität von — weißen Zetteln erhielten, so daß der wichtige Posten eines Gemeiudeältesten von Schagorod wohl so lange unbesetzt bleiben dürfte, bi» sich ein dritter, auch den jüdischen Wählern al» Starosta annehmbarer Christ am Orte niederläßt, oder bis das in seiner jetzigen Form gänzlich unhaltbare Gesetz eine zweckentsprechende Modisication erfährt. . . Sprechfaal. Mülhausen i. <£«, 19. April. In der Doppelnunrmer 29 u. 30 Ihres geschätzten Blattes, bringen Sie von hier die kurze Notiz, daß Herr Dr. Wolf die Vorlesungen, die er im Aufträge des Vereins für „Jüdische Geschichte und Literatur" allwöchentlich einmal abgehalten, wegen Mangel an Betheiligung einstellen mußte. So einfach diese Notiz klingt, so enthält sie einen schweren Vorwurf, für diejenigen, die berufen sind, die Wahrung und Förderung unserer heiligsten Güter als ihre Lebensaufgabe zu betrachten. Anstatt die edlen Bestrebungen einiger glaubensfesten Männer zu unterstützen, wird hier gegen Alles gearbeitet, was zum wahren Judenthum führen soll. Als ein kleiner Beweis meiner Angaben diene Ihnen Folgender: Bis vor Kurzem war in hiesiger Stadt unter ungefähr 30 jüdischen Metzgern auch nicht einer zu finden, von dem man sagen konnte, er habe am dvi seine Verkaufsräume geschlossen und mußten die wenigen glaubensstarken Männer ihr Fl isch von auswärt» beziehen. Mit Gottes Hilfe ist es nun gelungen zwei junge Leute zu veranlassen, diesem Hebelstände abzuhelfen. Wenn Sie nun der Meinung sind, diejenigen, die an erster Stelle berufen sind die Sache zu unterstützen, holten ihren Bedarf bei diesen Anfängern, so sind Sic vollständig im Jrrthume, gerade das Gegentheil ist der Fall, auch da ist wieder eine Contreminc, die am Verfall der erst begonnenen Sache, ihre Helle Freude hätte. Daß hier speziell, nicht weniger im ganzen Oberelsaß, Nur alles das unterstützt wird, was zum Zusammenfall, und alles das bekämpft wird, was zur Förderung unserer heiligen Religion dient, diese traurige Thatsache zieht sicherste ein rother Faden durch alle Maßnahmen, die die Leiter der jüd. Angelegenheiten von Stadt und Provinz ergreifen. Es würde zu weit führen, Ihnen Details zu geben von dem was geschehen und nicht geschehen sollte, aber sicher dürfen Sic, ge ehrter Herr Redakteur, sein, daß es mit der Jüdischkeit leider so steht, daß ein weiteres Sinken nicht mehr möglich erscheint. Vermischtes. Berlin. Nach dem 8. Jahresbericht des Jüdischen Mädchenstifts, Münzstraße 23, welches unbemittelte jüdische Mädchen hauswirthschastlich heranbildet und für den Dienstbotenberuf vorbereitet, erzieht die Anstalt gegen anfänglich sechs Zöglinge jetzt deren sechszehn. Im abgelaufenen Jahr sind sechs und im Ganzen bisher 28 Zöglinge nach beendigter Ausbildung, die von der Hausmutter Frau Baer geleitet und von den Vorstandsdamen überwacht wird, in den Dienst getreten und erfreuen sich fast durchweg völliger Zufriedenheit ihrer Herrschaften. Der Vorstand unter dem Vorsitz des Waisenhaus-Direktor» Dr. Strelitz und der Frau Julie Neumann ist darauf bedacht, den Rahmen für seine Bestrebungen zu erweitern und ein eigenes Heim für das Stift zu erwerben, zu welchem ein Grundstock bereits gebildet ist. Die Zahl der Mitglieder ist von 455 am Schluß des Vorjahres auf 525, die Summe der Jahresbeiträge von 4676 Mark auf 5002 Mark, das Gesammtvermögen von 21 700 Mark auf 27 300 Mark gestiegeu. Minsk. Hierselbst begann der Prozeß gegen die hier ansässigen Juden Gubitsch, Feimann, Arontschick, Rumanow, Frumkin u. a., die beschuldigt sind, am 27. April v. I. bei Gelegenheit einer Zusammenrottung hier an Militär- und anderen Personen christlichen Glaubens gemeinsam Gcwaltthätigkeiten verübt und bewaffneten Jnfanteriepatrouillen gemeinsamen Wiederstand geleistet zu haben. Letzte Nachrichte«. Ratibor, 10. April. Hier starb der 66 Jahre alte Rittergutsbesitzer Zender. Derselbe, ein sehr angesehener oberschlesischer Großindustrieller, war Jahrzehnte lang Mitglied der Vorstände» der hiesigen Synagogengemeinde. Cr stammte au» religiöser Familie uno führte noch religiöses Haus. Die Wifetzung fand unter sehr großer Betheisigung statt. Herr Rabbiner D r. B lu m e n t l HW di» Trauer-