Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 32 (25.4.1898)
- Date
- 1898-04-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIX. Jahrgang. Beilage;u M 22 des Jtatnriif*. Leitender Artikel. Luegers Stern im Sinken. Es bröckelt in Wien. Es raschelt und knistert in dem stolzen Bau der christlich sozialen Stadtherrschaft des Herrn Dr. Lueger. Das treulose Glück lächelt dem rücksichtslosen Demagogen nicht mehr mit der alten Huld. Herr Lueger tritt im österreichischen Abgeordnetenhause darum mit so großer Wuth, mit so schweren Beschimpfungen gegetk^die Deutschnationalen aus, weil er sieht, wie der Abfall dieser Parteigruppen von der bisher ungetheilten Luegerschen Schutztruppe den Anfang vom Ende der Oberherrschaft des christlich-sozialen Antisemitismus im Wiener Rathhause bedeutet. Noch sind wir freilich beim Anfänge und der Anfang ist bescheiden. Allein wenn man sich erinnert, wie verheerend vor wenigen Jahren das antisemitische Muckerthum in der Bevölkerung Wiens gehaust hat, welche gewaltigen Siege die Luegerschen Heerschaaren über die Liberalen errangen, dann muß man sich sagen, daß hier schon Stillstand Rückschritt wäre, daß aber offene Rückschritte dem Erstürmer des Rathhauses die Vergänglichkeit alles Irdischen mit unangenehmster Realistik vor die Augen führen müssen. Bei den in den letzten Tagen vollzogenen Wahlen zum Wiener Gemeinderathe haben die Luegerleute kein Mandat mehr hinzugewiMen können. In mehreren Wahlbezirken ist es ihnen nur mit fabelhaften Mühen gelungen, mit ganz wenigen Stimmen Mehrheit das Mandat zu behaupten. Und überdies haben sie drei Mandate eingebüßt. Das läßt tief blicken. Und wenn das Glück zu erkalten beginnt und Frau Sorge sich ans Lager setzt, dann schärft sich die Kritik und man wird aufmerksamer gegenüber den Dingen um sich herum. Die Wiener fangen jetzt an, die Luegerei etwas schärfer unter die Lupe zu nehmen, und sie fragen vor allem, was denn der angebliche Ritter Georg, der Drachentödter der Korruption, an die Stelle des durch seine Siege verdrängten Systems gesetzt hat. Gewiß hatten die Liberalen in Wien, die lange Zeit in Stadl und Land unumschränkt herrschten, manchen groben Schnitzer begangen. Die rechte^Reform hätte also darin bestehen müssen, daß man der liberalen- Partei einen neuen Geist einflößte, die Jüngeren an die Stelle der durch ihre langjährige Macht verwöhnten, sich unfehlbar dünkenden Alten treten ließt und ein von dem rechten sozialen Geiste erfülltes, die Bedrängnisse und Schmerzen der Mittelstandes und der kleinen Leute würdigendes, gut freisinniges Regiment aufrichtete. Wenn Herr Lueger abgewirthschaftet haben wird, dann wird diese Entwickelung eintreten müssen. Indessen, alles das, was man der liberalen Stadtverwaltung vorgeworfen hat, ist unter der antisemitischen nicht besser geworden, und an die Stelle der alten Mißwirtschaft ist eine viel schlimmere neue in das RathhauS eingezogen. Um zu erraffen und zu gewinnen hat die christlich-soziale Korruption, die mit einem höchst respektablen Hunger ausgestattet ist, schließlich den Antisemitismus in die Ecke gewiesen. Man hat große Lieferungen an die Anhänger der geschlagenen Partei vergeben, nur um dabei zu gewinnen. Man hat gegen die liberale Ehrenämterhäufung die schwersten Angriffe gerichtet; die Aemterhäufung ist aber heute viel größer als je unter der Herrschaft der Liberalen, sie wird direkt schamlos betrieben. Man hat eine Beseitigung der Tyrannei der GemeinderathSgeschäftSordnung versprochen. Es ist nichts zur Erfüllung dieser Verheißung geschehen, wohl aber lassen sich die Christlich-Sozialen, da sie die Mehrheit haben, diese von ihnen verpönte Geschäftsordnung nun selber aut behagen als Werkzeug zur Unterdrückung der liberalen Minderheit. Man hat allen Wohlthätigkeits- Vereinen, die nicht im Fahrwasser des KlerikalismuS segeln, die von der Stadt gewährte Beihilfe entzogen und damit, einen Akt der Brutalität und des Vandalismus begangen, dessen beschämende Natur den gemüthvollen Wienern nach und nach zum Bewußtsein kommt. Man hat den Mund voll genommen mit Versprechungen der Hilfe und Entlastung für den durch die Steuerlast schwer heimgesuchten Mittelstand und die Aermeren und man benutzt die Gelder der Steuerzahler ohne Unterschied des Glaubens dazu, eine Viertel Million zum Bau katholischer Kirchen herzugeben, an denen in Wien kein Mangel ist. Man hat mit ganz besonderer Wucht das Institut des Stadtraths bekämpft, aber man hat ihn ganz ruhig fortbestehen lassen, er lebt heute noch und an seine Beseitigung denkt Niemand. Herr Lueger hat als Demagoge gesiegt; heute kommen die Rückschläge; die kleinen Leute, welche auf ihn vertraut und gebaut haben, sind schwer enttäuscht. Die liberalen Elemente, welche aufgestellt waren und zu Lueger gestoßen sind, sehen mit ganzer Klarheit, daß sie nur der Reaktion gedient haben, und dio Deutschnationalen erblicken in Herrn Lueger einen Verräther. Da kann der Sturz des Gauklers von Wien nicht mehr so fern sein.