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Der Israelit · 1898-04-21 · Heft 31 (21.4.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 31 (21.4.1898)
Date
1898-04-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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577 gaffen — er hatte seine Anknüpfungen auf der Straße zu einer wahren Kunst ausgebildet, und selten war ihm eine mißglückt. Kurt hatte in dieser Stunde nichts zu versäumen, und so entschloß er sich blitzschnell, obwohl ihm, im Grunde genommen, der Kopf garnicht darnach stand, auch an der reizvollen Erscheinung des blutjungen Mädchens, das da zugleich mit ihm in die Burgstraße einbog, seine Kunst zu probieren — aus purem Zeitvertreib. Glücklicherweise schritt das Mädchen sogleich von der Häuserseite auf die Flußseite, jetzt dicht neben Kurt. Sie ging etwas schneller als er, und er ließ sie gern an sich Vorbeigehen, um mit einem durchbohrenden Blick ihr Antlitz zu erfassen. Donnerwetter! dachte Kurt, ist die aber schön! Nein, so was war ihm noch nicht begegnet, diese Augen, diese Frische des ganzen Wesens, dieses blauschwarze Haar! Gewiß ein Judenmädel! Wie er so hinter ihr herging, verschlang er mit den Augen förmlich ihre Gestalt und überlegte, wie er es wohl recht geschickt anfangen könne, sich dem wunderbaren Kind zu nähern. Daß es bei ihr nicht mit den gewöhnlichen Mitteln anginge, sah er sofort; sie hatte etwas Stolzes, Unnahbares an sich. Noch erging er sich innerlich in Versuchen und Natbschlägen, als ihm ein glücklicher Zufall — der ihm übrigens bei seinen galanten Abenteuern oft zu Hülfe kam — auch jetzt seine Bemühungen erleichterte. Ein Bäckerjunge im mehlüberüreuten Anzug strich pfeifend, rücksichtslos an dem jungen Mädchen vorüber und streifte es mit seinen Aermeln. Unwillig blieb das Mädchen stehen und schaute dem unverschämten Bengel mit zornigen Augen nach. Blitzschnell war Kurt an der Seite der jungen Dame, und, ihr den Mehlstaub vom dunkelblauen Kleide klopfend, sagte er galant und fein: „Mein Fräulein, der junge Mensch hatte Ihnen zu viel von seiner Weisheit zugedacht!" Halb erschreckt, halb verwundert ließ sie sich seine Hülfe gefallen und erwiderte mit einem dankbaren Blick: „Sie sind zu gütig, mein Herr, die Jungen sind so unverschämt." Als ob es sich von selbst verstünde, schritt Knrt, als sie sich zum Weitergehen wendete, an ihrer Seite einher. „Man muß um solche Leute einen großen Bogen machen," sagte er lächelnd, „sie selbst weichen niemals aus. Fräulein sind gewiß erst zu kurz in Berlin, um in allen diesen Dingen Bescheid zu wissen?" „O nein," erwiderte sie munter, „ich bin bereits zwei Monate hier, aber das ist mir noch nicht passiert." „Ja, mein Fräulein," fuhr Kurt eifrig fort, „hier ist ein böses Pflaster! Was man hier alles erlebt! Es ist einfach haarsträubend! Hätten Sie zum Beispiel heute früh gedacht, daß Sie heute noch mit mir die Burgstraße entlang gehen?" Sie lachte und zeigte ein paar prächtige, perlengleiche Zahnreihen. „Aber, ich kannte Sie doch heute früh noch nicht?" „Und kennen Sie mich denn jetzt?" fiel Kurt schnell ein. „Wenn Sie sich nicht vorstellen-?" schmollte sie. Sie war allerliebst, wie sie das sagte, und Kurt, der zuerst ein Pseudonym angeben wollte, nannte, wie von selbst, seinen wahren Namen. Dem Mädchen schien es plötzlich zu Bewußtsein zu kommen, daß sie mit dem fremden, ihr doch total unbekannten jungen Mann zu weit gegangen sei, in doppeltem Sinne. Er hatte ihr ritterlich beigestanden vorhin, und sie hatte sich seine Hilfe gefallen lassen. Aus purem Dankbarkeitsgefühl war sie dann auf seine Worte eingegangen, nur um ihn nicht, nachdem er sich ihr gütig gezeigt, wie ein rechter Brummbär von sich zu stoßen — und jetzt wußte sie bereits seinen Namen. Was würde ihr Begleiter von ihr denken? Sie hatte ihn gleichsam aufgefordert, sich vorzustellen-. Kurt, der innerlich frohlockte, daß Alles so gut ging und die Kleine ihm gar auf halbem Wege entgegen kam, war daher nicht wenig erstaunt, als das Mädchen schneller und schneller zu gehen anfing, so daß er fast nicht mit ihr gleichen Schritt halten konnte. Zum Mindesten war es ungemüthlich. „Sie rennen doch auf einmal?" fragte er sie verwundert anblickend. „Ja, mein Bruder erwartet mich, es ist schon spät." Also einen Bruder hatte sie, fuhr es Kurt durch den Sinn. Was ist das für ein Bruder? Wahrscheinlich verheirathet, und sie ist bei ihm zu Besuch. Aber was heißt es dann, er erwarte sie jetzt und wo kommt sie jetzt her?? Kurt war Feuer und Flamme. Nicht itm eine Welt hätte er jetzt den Rückzug angetreten. Es war alles über Erwarten nach Wunsch gegangen, und nun auf einmal sollte alles ausein? Und die Kleine war doch so verdammt hübsch, nein, da galt es, recht fest halten, was man erreicht! „Ich darf Sie doch bis zu Ihrem Ziele begleiten? Wo wohnt denn Ihr Herr Bruder, wenn ich fragen darf?" Sie antwortete nur auf die zweite Frage. „In der Lnisenstraße." „Ich hoffe," fiel^Kurt ein, „daß ich Ihnen nicht

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