Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 73 (13.9.1898)
- Date
- 1898-09-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1359 schon vorbei wäre! Ruhe, Ruhe, Ruhe war es, wonach seine Seele lechzte — — tiefste, ungestörteste Ruhe! Dina war rastlos, unverdrossen und scheinbar ruhig um das kranke Kinde bemüht, die Anordnungen des Arztes gewissenhaft auszuführen. Aber die Ruhe war bloß eine scheinbare, sie bildete den Deckmantel für das blutige Herzleid, das eine Mutter zu empfinden vermag. Rur in Momenten, wo sie sich allein wußte, traten ihr plötzlich die Thränen in die Augen, rang sie verzweifelnd die Hände und flog ein gepreßter Stoßseufzer über ihre bebenden Lippen zum Himmel empor. Gegen Mittag kam der Arzt. Er richtete einige Worte an Dina; dann ließ er sich am Tische nieder und stützte sinnend die Stirn auf die Hand. Rüben bestürmte ihn nicht mehr mit Fragen, er sah ja, daß hier nur Gott noch helfen könne. „Wir werden noch Eines versuchen", hob der Arzt plötzlich an. „Verschaffen Sie sich Heublumen und kochen Sie selbe in großen Töpfen. Legen Sic ferner große Eisenstückc ins Feuer — am besten wohl jene, die zum Plätten verwendet werden — und lasten Sie sie dort, bis sie rothglühend geworden, dann legen Sie die glühenden Eisen in die kochenden Heublumen und richten es so ein, daß die anfsteigenden Dämpfe um das Kind lokalifirt werden, so daß es dieselben voll einathme." Rüben hörte theilnahmlos zu; um so lebhafter jedoch widmete sich Dinah der Ausführung der erhaltenen Weisung. Ihre Seele hatte noch ihre Elastizität nicht eingebüßt' sie hoffte noch und klammerte sich mit leidenschaftlicher Hingebung an jedes anftauchende neue Moment. Bald entstiegen den brodelnden Töpfen, durch ausgebreitete Laken um das Krankenbett eoneentrirt, qualmende, heiße Dämpfe, überallhin einen schweren Heuduft verbreitend. Dinah fühlte sich überglücklich, als sie wahrnahm, daß das Einathmen der warmen Dämpfe dem Kinde einige Erleichterung verschaffte. Der Athcm ging leichter» mit weniger Geräusch; die Dämpfe schienen auf die in der Luftröhre angehäuften und sie verstopfenden Schleime lockernd zu wirken. Die Linderung war aber nicht anhaltend. Einige Minuten, nachdem sich die Dämpfe verzogen hatten, begann das Raffeln und Pfeifen wieder von Neuem so stark, wie zuvor. Und wieder spann die Abenddämmerung ihre düsteren Fäden über den Schnee, wieder senkte sich die Nacht, btc Beschützerin alles schleichenden Unheils, finster vom Himmel herab. Rüben verließ schwankenden Schrittes sein Haus, um den greisen Rabbiner der Gemeinde aufzusuchen. Der ehrwürdige Greis saß bei seinen Folianten, als die gebrochene Gestalt Rüben Friedbergs zu ihm in das Zimmer trat. „Boruch, habo,"*) begrüßte der Rabbiner das angesehene Mitglied seiner Gemeinde, „was bringt Ihr mir Neb Nuwen?" „Leider nichts Gutes, Rabbi," gab Rüben tonlos zur Antwort, „ich möchte, der Rabbi soll manche! sein für mein Kind „pidjon hanefesch" zil machen. Schulamit baß Dinah." Damit legte er eine Menge Silbermünzen auf den Tisch. Es war bereits dunkel im Zimmer. Der Greis erhob sich und entnahm seinem Bücherkasten ein vergilbtes Buch, dann trat er ans Fenster und schüttelte die Münzen auf das Fensterbrett aus. Tiefe, lautlose Stille herrschte im Gemache; über das Gesicht des Greises, auf welches der von draußen hereinfallende Schein des Tageslichts einen verklärenden Schimmer zauberte, lag ein heiliger Ernst ausgebreitet. Leise Worte murmelnd, gruppirte er die Geldstücke in verschiedenen Zahleneombinationen, dem Zahlenwerth des Namens „Schulamit" entsprechend. Hiernach sprach er ein inbrünstiges Gebet für die Genesung des Kindes, rief einen Talmudschüler herein und übergab ihm das benützte Geld zur Austhcilung an die Armen des Ortes. „Ihr aber, Neb Ruwen," wendete er sich an diesen, „gehet „bescholem" **) heim und hoffet auf die Hilfe Gottes. Er wird Euerem Kinde „Refuc Sche5emo" ***) senden — Amen!" Die Worte des Greises athmctcn eine solche Innigkeit der lleberzeugung, daß ein Strahl derselben auch in die Seele Rubens überging. Eine sccligc Helligkeit zitterte hinein in sein finsteres Gemüth. O Gott — sollte cs für ihn doch noch eine Hoffnung geben? — — Warum nicht?-Warum sollten Gebete nicht eine Kinderseele erretten? Wozu betete dann eine ganze Welt?. . . Wenn — es — ei — neu Gott gab, warum hätte er ihn nicht erhören sollen? Was verlangte er denn von Gott? — — Warum soll es für ihn nie, nie mehr Licht geben, rosiges helles Licht wie einst? Er konnte es ja nicht mehr ertragen, das finstere Elend, den Jammer! Gewiß — es wird helle .... Dinah, ist das „Trenderl" bereit? es ist ja Ehanukka. Ruhig doch, kleiner Plaggeist, erst muß das Chanukkalicht gezündet werden. So — jetzt die Nüsse her .... Nein, wie die Schelmin ihre Sache versteht — schon wieder „ganz?" Hahaha — sie hat mich schon wieder „abgesäckelt". Dinah, mein Kind, der Schlitten steht angespannt, bring das weiße Mäntelchen herein mit der Schwanen flaum-Verbrämung, es ist ein köstlich Heller Tag Du sollst sehen was für rouge Bäckchen das Kind *) Willkommen. : ) In Frieden.; ) Vollständige Genesung-