Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 29-30 (18.4.1898)
- Date
- 1898-04-18
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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558 hatte. Ihre Denkwürdigkeiten werden daher fortan für die Geschichte vieler Gemeinden als Quellenschrift zu benutzen sein. Nach dieser allgemeinen Beurtheilung des Buches und seines Werthes stellt der Vortragende an der Hand der Memoiren das Leben Glückel'S in seinen Hauptzügen dar. Ec geht bei Betrachtung ihrer Jugendzeit genauer auf die damalige Lage der deutschen Juden in Hamburg ein, über die wir aus ihren Miltheilungen viel Neues und Wissenswerthes erfahren. — Im Alter von 14 Jahren (c 1660) verheirathete sich Glücke! nach Hameln, siedelte aber schon nach einjährigem Aufenthalt daselbst mit ihrem Gatten Chaim Hameln nach ihrer geliebten Vaterstadt Hamburg über. Von ihren Erlebniffen als verheirathete Frau wurden besonders die des P e stjahreS 1664 ausführlicher erzählt, die uns zeigen, wie schon damals Leuten, die aus einer verseuchten Stadt kamen, durch übertriebene Aengftlichkeit anderer das Leben schwer gemacht wurde. Interessant ist auch, wie sie die außerordentliche Begeisterung für den im Orient auftretenden falschen Messias SabbataiZewi schildert, die sie in portugiesischen wie in deutsch-jüdischen Kreisen Hamburgs zu beobachten Gelegenheit fand. Einen sehr breiten Raum nehmen in ihrem Buche die Verheirathungen ihrer Kinder und die denselben vorausgehenden, oft sehr diplomatischen Verhandlungen ein. Sehr glanzvoll ist der Bericht von der Hochzeit ihrer Tochter mit dem Sohn des angesehenen Elias Gomperz in Cleve (16/4), bei der auch der Kronprinz von Brandenburg (der spätere König Friedrich I. von Preußen) und viele andere vornehme Persönlichkeiten zugegen waren. Ueber Reisen zu Land und zu Master und die mannigfachen Beschwerden, die diese damals mit sich brachten, berichtet sie in lehrreicher, dabei oft humorvoller Weise. Nach dem Tode ihres Gatten, mit dem Glücke! beinahe HO Jahre in glücklichster Ehe gelebt, hatte sie allein die weitverzweigten Geschäfte des Verstorbenen, besonders seinen umfangreichen Gold- und Juwelenhandel weiterzuführen und daneben für die Erziehung ihrer (8) unmündigen Kinder Sorge zu tragen. In dieser Lage bewährt sich ihre Energie aufs glänzendste, und diese einfache Frau bringt es so weit, daß sie an der Börse einen Credit von mehr als 20,000 Thaler besitzt und ihr Geschäft den bedeutendsten jüdischen Firmen Hamburgs beigezählt wird. Nach zehnjährigem Wittwenstande entschließt sie sich im Alter von 54 Jahren zu einer zweiten Heirath mit dem reichen Banquier Cerf Levy in Metz. Aber die glänzenden Verhältnisse, in die sie dort hineinkam, erwiesen sich sehr bald als trügerisch; das Geschäft ihres Gatten, das bei Christen und Juden im größten Ansehen gestanden hatte, brach infolge von Zahlungsstockungen zusammen, und Glücke! war mit ihm an den Bettelstab gebracht. Sie starb 1719 in Metz, im Hause ihres Schwiegersohnes Moses Grumbach-Schwab. — Zum Schluß faßt der Redner die glänzenden Vorzüge Glückel'S noch einmal zusammen und bezeichnet die Seelenbekanntschaft mit einer so edlen und hochbegabten Frau als den reichsten Gewinn, der aus der Lektüre ihre« Buches gezogen werde. Der Vortragende empfiehlt daher jedem, der die hebräischen Schriftzüge des Buches zu entziffern imstande sei, sich den Inhalt destelben, von dem sein Vortrag nur eine schwache Vorstellung habe geben können, im Original zugänglich zu machen. Die zahlreich erschienenen Zuhörer folgten den Ausführungen des Redners mit sichtlichem Interesse und spendeten ihm lebhaften Beifall. F. Wesel. Daß es auch in Holland antisemitische Rowdies gibt, beweist folgender Vorfall. — Ein hiesiger, allgemein geachteter Kaufmann, welcher vor Kurzem in der Umgegend des nahe der Grenze belegenen holländischen Ortes Venlo Geschäfte abzuwickeln hatte, wurde auf dortiger Landstraße von zwei Radfahrern unausgesetzt verfolgt und durch antisemitische Schmähungen belästigt, so daß er sich gezwungen sah, jene in vernünftiger, ruhiger W«.ise zur Rede zu stellen. Dies half jedoch nichts, im Gegentheil, die Insulten wurden noch häufiger und schlimmer. Glücklich war daher der gehetzte Mann, als seine Verfolger seitwärts abbogen und eine andere Route einzuschlagen schienen. Als er jedoch in einen Wald gelangte, durch den die Landstraße führte, gewahrte er zu seinem Schrecken die beiden Subjecte aus einem Seitenpfade auf ihn zurennen. Sie stellten die Räder an einen Baum, überfielen den ohnedies schwächlichen, fast 60jährigen Mann und hieben in so wuchtiger Weise mit ihren rohen Fäusten auf dessen Gesicht und Kops ein, daß er, blutüberströmt, bewußtlos zusammenbrach. Geraume Zeit mag er in seiner Ohnmacht dort gelegen haben, da kehrte sein Bewußtsein zurück, und er suchte sich mühsam weiterzuschleppen. Zum Glück begegnete er unterwegs einem Bekannten mit Fuhrwerk, der ihn in seinen Wagen nahm und zum Bahnhof fuhr. Eben dieser Mann war den beiden Kerlen begegnet, und da er dieselben kannte — es waren zwei Metzger — war die Möglichkeit gegeben, gegen sie gerichtlich vorzugehen. Man kann sich den Schrecken der Angehörigen denken, als der Mann — derselbe ist Wittwer und Vater einer zahlreichen Schaar noch unmündiger Kinder — Abends spät in krankem Zustande, das Gesicht total zerschlagen und entstellt — zu Hause ankam. Der Arzt, welcher sofort zu Rath gezogen wurde, erklärte den Zustand für besorgnißerregend und ordnete die möglichsten Vorsichtsmaßregeln an.