Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 29-30 (18.4.1898)
- Date
- 1898-04-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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545 UerrMeto«. Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von ii) -= Arnold Mann. =- (Nachdruck verboten.) Das Esien schmeckte Kurt ganz vorzüglich, er hatte sich eine halbe Flasche Rothwein spendirt und war nun nach genoffenem Mahle, in einer überaus rosigen Stimmung. Er fühlte sich als neuer Mensch, aller Aerger und alle Aufregung waren hinweggespült, er hätte die Welt umarmen mögen, so wohl war ihm zu Sinn. Da trat ein hagerer, langaufgeschoffener, junger Mensch mit einem blaffen Gesicht, von unverkennbar jüdischem Typus an ihn heran. Um den Hals schlang sich ein breiter Riemen, von dessen Ende er vor sich einen Kasten trug, vollgepfropft mit allerlei Hausirerwaaren. „Dem Herrn etwas gefällig?" fragte der Haustrer mit zaghafter Stimme und warf einen demüthigzitternden Blick auf Kurt's Antlitz; „Zündhölzchen, Cigarrenspitzen, Portemonnaies, Hosenträger, Notizbücher. Kaufen Sie mir eine Kleinigkeit ab," fügte er muthiger hinzu, al» Kurt keine Miene machte, ihn abzuwehren. Er war gewohnt, wenn er seine Maare anpries, mit einem Achselzucken stillschweigend abgewiesen zu werden. Mancher verflieg sich zu einem Barschen „brauche nichts", nur selten, höchst selten, kaufte einer dem blassen Jüngling etwas ab. Allein, da» machte ihn nicht verdrossen. Tag und Nacht »änderte er weiter, von einem Restaurant zum andern, erst spät gegen Mitternacht trat er den Heimweg an nach der ärmlichen Wohnung in einem Keller der Dragonerftraße, wo der Vater an einer unheilbaren Krankheit schwer darniederlag. Der Gedanke an ihn, den e» zu ernähren galt, flößte ihm Muth ein, wenn man ihn einmal, was häufig genug vorkam, allzuhart anfuhr, oder gar wegen seines prononcirt jüdischen Aussehens hänselte. Kurt betrachtete den Hausirer, nachlässig in den Stuhl zurückgelehnt, mit Augen, aus denen das ganze Wohlgefühl leuchtete, welche» ihn in diesem Augenblick durchströmte. Das machte den Hausirer immer muthiger und er hielt Kurt ein Musterstück seiner Waare, um da» andere zum Kaufe hin. „Da» wäre also," fuhr es Kurt durch den Sinn, „solch ein Exemplar eine» Handelsjuden, für die der Vater so begeistert eintritt! Gr wollte doch einmal sehen, wie e» mit diesem Exemplar stand." „Sagen Sie mal", begann er, ohne auf die Manipulationen des Haustiers zu achten, „Sie sind doch Jude?" ^Der Hausirer wußte nicht, wa» er von dieser Anrede zu halten habe. Er meinte, Kurt sei einer von denen, die ihn seiner Religion halber hänseln wollen, und doch hatte die Frage viel zu ernst geklungen. „Jawohl" antwortete der Hausirer und blickte gespannt auf Kurt. Man konnte ihm deutlich die Enttäuschung vom Gesicht lesen. „Warum arbeiten Sie nicht?" forschte Kurt weiter. Er begann sich an der deutlich bemerkbaren Verwunderung und Verlegenheit de» Juden zu weiden. „Ich arbeite nicht?" sagte der Gefragte, „arbeit' ich doch Tag und Nacht!" „Hausiren nennen Sie arbeiten?" fuhr Kurt fort. „Vielleicht nicht?" erwiederte der Hausirer, in der Meinung, der feine junge Herr nehme einen menschlichen Antheil an ihm, „jD, ich sage Ihnen, e» is e schwere Arbeit! Zuerst die Sorg', ob man wa» überhaupt verkauft und dann die Schimpfworte und die Demüthigung und der Aerger, und man verdient nicht viel an den Dingern, und dann eß ich nicht», wie trocken Brod und Kaffee.-" „Das mein ich nicht", fiel Kurt ein, „ich meine, warum arbeiten Sie nicht mit Ihrer Hände Fleiß, Sie sind doch jung genug?" „Wa» soll ich arbeiten?" antwortete der Hausirer, der erst jetzt verstand, was Kurt meinte, ,,hab' ich doch nichts gelernt!" „So lernen Sie was!" Ein trübes Lächeln flog über die Züge des Hausirers. „Ich lernen? Was soll ich lernen? Und wa» soll aus meinem alten, kranken Vater werden, wenn ich jetzt anfange, zu lernen? Ich kann nicht mehr lernen, ich muß verdienen, junger Herr, kaufen Sie mir was ab!" Kurt konnte sich der rührenden Wahrheit nicht entziehen, welche in diesen Worten lag. Ein zorniges Gefühl beschlich ihn, daß er nicht Recht haben solle, daß des Vaters Worte sich bestätigten. „Gehen Sie zum Landgerichtsrath Hohenthal, Kurfürftenstraße Nr. 203, der wird Ihnen wo» abkaufen," kam es mit bitterem Spott und herzloser, roher Ironie über Kurt's Lippen. Stumm legte der Hausirer seine Waaren wieder in Ordnung und wandte sich schweren Herzen» an die Herrschaften des nächsten Tische«. Er > hattet so sicher gerechnet, daß ihm der junge Herr etwa» äbkaufen würde, er hatte heute noch so wenig verdient, und nun schickte er ihn nach der Kurfürstenstraße, einer Gegend, die er überhaupt nicht kannte. Al» der Hausirer das Restaurant verlassen hatte.