Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 72 (12.9.1898)
- Date
- 1898-09-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIX. Jahrgang. Beilage ju M 72 des „Israelit". Feuilleton. Israel in Egypten. Im Jahre 1896 entdeckte bekanntlich der verdienstvolle englische Egpvtenforscher Professor F linder s Petrie in den Trümmern des Grabtempels des Königs Merreptah, des Sohnes Namses' II., eine Inschrift, die zum erstenmale auf cgpptischem Boden den Namen eines „Volkes Jsiraal" oder Israel erwähnt. Darüber hat A. Wiedemann in Bonn eine besondere, in französischer Sprache erschienene Schrift veröffentlicht, die mit äußerster Sorgfalt, unter Abwägung aller zur Beurtheilung eines so wichtigen Fundes nöthigen Thatsachen verfaßt ist. Die Pharaonen, das sei hier gleich bemerkt, kommen bei dieser Untersuchung sehr schlecht weg. Es wird auss klarste nachgewiesen, daß sie in ihrer Großmannssucht gewohnt waren, Denkmäler von Vorfahren in der Negierung in der Weise zu benützen, daß sie oft die Namen derselben ausstreichen und ihre eigenen einsetzen ließen, so daß sie früher geschehene, vielleicht auch erdichtete oder übertreibend dargestellte Helventhaten sich selbst zuschreiben konnten. Manchmal liefen bei diesem Verfahren ganz merkwürdige Versehen mit unter. So fand man in Karnak den Sockel einer kleinen Bildsäule des Königs Tarharka, die eine Liste von achtundzwanzig Orten und Ländern aufwies, welche der König unterworfen oder besessen zu haben behauptete. Das betreffende Verzeichniß ist nun aber schon älteren Ursprungs; es ist abgeschrieben aus einer Liste der Eroberungen Namses' lL, die sich am Sockel eines dieses Königs, und zwar in demselben Tempel, befand. Der Abschreiber hatte dabei entschieden Unglück. Unter den Namen, die er, ohne mit den Augen zu zwinkern, in seine Liste aufnahm, fand sich der des Landes Naharina, das zur Zeit Taharka's seit 500 Jahren gar nicht mehr als solches vorhanden war! Ferner war Cheta — das Land der Hittiter — genannt, das seit etwa 100 bis 200 Jahren als Reich zu bestehen aufgehört hatte; und Affur, dessen König in dem Kriege mit Taharka in Wahrbeil Sieger geblieben war. Die Fälschung war also so offenbar, daß man fast an ihrer Möglichkeit zweifeln könnte, wären eben die Denkaiäler nicht da. Saxa loiiuuntur. Nach Professor Wiedemann's Darstellung war der Egypter — hoffen mir, beiläufig gesagt, daß dies nur von den Königen gilt — beinahe „ein Lügner aus^ Grundsatz", obwohl er stets von der Wahrheit, die er besitze, zu reden liebte. Nicht immer wohl sei dieser Mangel an Wahrhaftigkeit einer lasterhaften Anlage zuzuschreiben. Die Einbildungskraft habe ohne Zweifel dem Egypter. „wie dem Urinenschen vielleicht im Allgemeinen, namentlich im Osten", einen Streich gespielt. Ich möchte dagegen freilich einwenden, daß man einen Träger der altegyptischen Cultur doch kaum als Unmenschen (Iiomme primitif) bezeichnen darf. Waren ja, wie die egpplischen Priester dem griechischen Reisenden Herodot mittheilten, im Nil-Lande ursprünglich sogar phrpgische Thraker vor den Egpptern ansässig gewesen. Nach den schlagenden Darlegungen von Professor Wiedemann zu urtheilen, hat die Egppten-Forschung alle Ursache, die gefundenen Inschriften sehr genau auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Die auf das Volk Israel bezügliche besagt: „Jsiraal ist verwüstet (fekt). Seine Saaten sind dahin (per-t-u)." Die Auslegung der beiden genannten Worte hat allerdings ihre Schwierigkeiten. Indessen wird Israel jedenfalls nach drei im Süden von Palästina gelegenen Städten genannt, und vor dem Namen eines Landes, das sich im Osten von Egypten ausdehnte. Ob darin eine Reihenfolge, was politische Erdkunde betrifft, angedeutet ist, kann mit Sicherheit nicht festgestellt werden; denn nicht alle Länder wurden immer in solcher Reihenfolge aufgeführt. „Man kann," wie der Verfasser bemerkt, „aus dem Texte nur die Thatsache erkennen, daß zu einer gewissen Zeit ein Volk Israel vorhanden war, das an Kornmanzel litt. Aber nicht einmal ganz gewiß ist es, daß dies unter der Regierung Merneptah's geschah. In Anbetracht der Sucht der Pharaonen, ältere Inschriften unter die ihrigen aufzunehmen, könnte der König auch diese Erwähnung Jsrael's in einem früheren Texte gefunden und für seinen eigenen Ruhm ausgenützt haben." Möglicherweise liegt in der erwähnten Inschrift eine Andeutung der Hungersnoth, welche die Familie Jakob's zwang, Palästina zu verlassen. Doch will Professor Wiedemann darüber weder für noch wider eine bestimmte Ansicht aussprechen. So genau nun auch die Aeußerungen der Pharaonen untersucht sein wollen, so erkennt der Verfasser doch an, daß Flinder's Petrie eine „schöne Entdeckung" gemacht hat. Hoffen wir, daß weitere Forschungen über die alte Geschichte der Israeliten noch mehr Licht aus dem bisherigen Dunkel der versunkenen egppüschen Welt emporbringen werden.