Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 72 (12.9.1898)
- Date
- 1898-09-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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WWWWW MWWW 1343 „Herr Doktor," bat er mit zitternder Stimme, „sagen Sie mir, ich bitte, offen, wie steht es?" „Ich sollte Ihnen eigentlich gar nichts sagen," erwiederte der Arzt, „weil ich auf Sie böse bin. Ich will aber Gnade für Recht gelten laffen. Es ist eine schlimme Krankheit, die Sache ist ernst. Es ist jedoch keine Ursache vorhanden, die Hoffnung auszugeben. Sie haben rechtzeitig zur Steuerung des Nebels gethan — mehr kann man nicht thun." Ja. das wußte auch er selbst; darum war es ihm nicht zu thun. Er hätte gern etwas ganz anderes gehört, etwa, daß das Kind an der Krankheit nicht sterben könne und ließ die Hand des Arztes noch immer nicht los. Der Arzt brauste in seiner heftigen Weise aus. Er mußte sich sagen daß der Arzt Recht habe. Ja, ja, es war an der Thatsache nichts zu ändern! In seinem Hause weilte der Todesengel, mit dem furchtbaren Schwerte zum Schlage ausholend. Als er in das Zimmer zurückkehrte, schaute er auf die Uhr. Es war erst vier Uhr, die Nacht brütete draußen so finster, als ob es nie mehr Tag werden wollte. Wie unendlich lang ist doch so eine Winternacht, in Todesbangen und Seelennoth zugebracht! Die Blutentziehung hatte dem Kinde eine merkliche Erleichterung verschafft. Der Athem war nicht mehr so beengt und röchelnd und das Kind war frischer. Nur der Husten war immer noch so grauenhaft anzuhören, wie zuvor. Als der Arzt am Mittag wiederkam, fand er Schulamit aufrecht im Bette sitzend und mit ihren Puppen spielend. Er zeigte sich sehr befriedigt und auf die Bemerkung Rubens, daß die Stimme des Kindes noch immer so schrecklich entstellt sei, erwiederte er lakonisch, daß eine solche Krankheit sich nicht im Handumdrehen wegwischen laste. Die Kunde von der plötzlichen, schweren Erkrankung des überall wohlgelittenen Kindes hatte sich in dem kleinen Orte mit Blitzesschnelle verbreitet und von allen Seiten kamen Erkundigungen nach dem Ergehen desselben. Am Nachmittag stellten sich auch Nachbarinnen und Bekannte persönlich ein, um die Eltern zu trösten, ihre Hoffnung aufzurichten. Die Anwesenheit der fremden, theilnehmenden Personen, welche ihn von dem schrecklichen Alleinsein mit seinem Kummer erlösten, that Rüben unendlich wohl. Er sog mit krankhafter Gier ein jedes beruhigende Wort auf, er befragte Jeden nach seinem Urtheil über das Befinden des Kindes, forschte in den Erfahrungen eines Jeden nach, um sich über den Verlauf der Krankheit ein Urtheil zu bilden. Ueberall hörte er, es werde dem Kinde nichts sein, es sei ja ganz munter und daß die Krankheit, wenn sie Gottbehüte verhängnißvoll sein sollte, wohl ganz anders auftreten müßte. Er fühlte sich von solchen treuen Reden wunderbar gekrästigt und wie neu belebt. Aber mit dem Verschwinden der Besucher, schwand auch seine Zuversicht wieder, einer düstern Stimmung Platz machend. O, wenn es nur nicht Nacht werden wollte! Die Erinnerung an die verlebte Nacht durchrieselte ihn mit einem eisigen Schauer. Sie ließ sich aber nicht aufhalten, die gefürchtete Nacht und nur zu früh begann es zu dämmern. Das Kind verfiel in einen schweren Schlaf und die schaurige Musik, das regelmäßige, auf Sekunden ausbleibende Rasteln und Röcheln begann von Neuem, zeitweise von dem tiefen bellenden Husten unterbrochen. Manchesmal schrie das Kind mit unkenntlicher Stimme wild auf, schlug mit den Händchen wild um sich, warf sich auf die andere Seite und stieß die Decke von sich herunter. Und Rüben saß in sich zusammengesunken neben dem Bette, mit verwirrtem Geist und stückweis ersterbendem Herzen. Wenn seine Frau zu ihm sprach, antwortete er langsam und stockend. Das Geräusch der mühsam durch die verengte Kehle des Kindes sich zwängende Luft, welches ihm von den Erstickungsqualen des Kindes berichtete, wuchs in seinen Ohren zu einem furchtbaren rauschenden Getöse an und es war ihm, als ob auch feine Kehle ein unheimlischer Druck zusammenschnürte, als ob auch er, dem Ersticken nahe, nach Luft ringen müßte . . . Für Momente zuckte es wie Wahnwitz auf in seinem dunklen Geiste, er hätte gellend auflachen mögen über die nichtige, elende, grausame Comödie des Lebens. Was soll das Alles? Gegen wen halte sich dieses unschuldige Lamm je vergangen, welchem Ungeheuer gereicht es zur bestialischen Lust, dieses arme Wesen an die Opferbank zu ketten, um es langsam zu erdroffeln und sich an seinem langen Todeskampfe zu weiden? Er selbst, was hatte er in seinem Leben so Schweres verbrochen, daß er so übermenschlich leiden mußte? „Lüge, infame Lüge," stieß er unverständlich zwischen den zusammengeknirschten Zähnen hervor und ballte die Fäuste. Dann wieder überkam ihn plötzlich ein unendlich weiches Gefühl. All sein Trotz schmolz hin in gebeugter, hülfesuchender Demuth vor dem Willen Gottes. Er flehte um Erbarmen und klopfte sich reumüthig auf die Brust ob seiner sündigen, wilden Gedanken. Er that Gelübde und ward sich zahlloser Fehler bewußt, denen er entsagen wollte; er gelobte sich, sein Kind zu einer guten, jüdischen Jungfrau erziehen zu wollen, wenn es ihm erhalten bliebe. Den Platz am Krankenbett seiner Frau überlastend,