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Der Israelit · 1898-04-05 · Heft 27-28 (5.4.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 27-28 (5.4.1898)
Date
1898-04-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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513 AerrMeLsrr. Der Väter Schuld.*) Erzählung aus der Gegenwart. Von io) -Arnold Mann. ~~ (Nachdruck verboten.) Dieser bewegende Luftzug aber, der das tief im Herzen schlummernde Fünkchen der Religion wieder zur lodernden Flamme entfachen sollte, war nichts anderes gewesen als die neuerwachte judenfeindliche Bewegung in Deutschland. Kaum hat das Innere eines echten Juden, der treu am Glauben seiner Väter hing, sich derart aufgebäumt gegen die brutale Vergewaltigung, die von diesem Judenhaß ausströmte, wie das Innere dieses getauften Juden. Er glaubte sich längst untergetaucht in den Ocean des Christenthums, da trieb ihn der böse Sturm an die Oberfläche, und er sah über seinem Haupte einen reinen Himmel sich wölben, den Himmel seines Judenthums, und eine herrliche, lockende Sonne an ihm erglänzen, die Sonne seiner Kindheit! Da schnitt es ihm wie mit Messern in's Herz, die bitterste Qual der Reue beugte ihn tief darnieder und ließ seine Seele aufstöhnen in Schmerz und Trübsal. Wie oft lag er in langen Nächten schlaflos, mit brennenden Augen und starrte in die unbarmherzige Finsternis, als stiege aus ihr das Lichtbild seiner Kindheit empor und zeigte ihm die segnende Vaterhand, das glückstrahlende Mutterantlitz und schrieben ihm mit stammender Schrift das Wort Reue vor die qualerfüllte Seele: „Zu spät, zu spät"- In diesen Jahren, wo der Antisemitismus seine wüsten Orgien feierte, wo er die Leidenschaften aufstachelte und öffentlich, in Wort und Schrift, seine teuflischen Pläne und Rathschläge zu verkünden wagte, wurde Landgerichtsrath Hohenthal grau. Kein Mensch ahnte, was in seiner Seele vorging. Jeder hielt es für eine natürliche Folge des herrannahenden Alters, was doch nichts anderes war, als das entsetzliche Resultat schlafloser Nächte und folternder Seelenqualen. Dazu war dann noch der stille Kummer über Kurts Lebensführung gekommen, die, wie wir gesehen haben, des Vaters Herz schwer bedrückte, und schließlich erschien jener schreckensreiche Tag, da das strafende Verhängniß mit niederwerfender Wucht über den Landgerichtsrath hereinbrach, da ihm zuerst die schreckliche Erkenntniß aufging, daß sein eigener Sohn sich eifrig an den Bestrebungen bethei- */ Neu eingetretene Abonnenten erhalten den Anfang dieser Erzählung, soweit der Vorrath reicht, auf Wunsch nachgeliefert. ligte, die ihm, dem Vater, Folterqualen bereiteten, da er die eigeneWattin lächeln ^sah zu dem, was ihm beinah das Herz abdrückte, und endlich sogar der Enkel, das unschuldige Kind, sein Behagen über die verlachten Juden kundgab und harmlos, ahnungslos dem Großvater'ffden schwersten Schlag versetzte. Das konnte der gequälte Mann nicht ertragen, das warf ihn^auf's Krankenlager. IV. Kurt Hohenthal hatte nicht gewartet, bis man ihm Esten auf die Stube brachte. Kaum hatte ihn Kettlcr verlassen, um in der Küche den Auftrag Kurts zu bestellen, da besann sich dieser auf seine Ehre. Der Vater hatte ihn so gut wie aus dem Hause geworfen, und er will noch seinen Hunger hier stillen? Nein, das thut er doch nicht, er geht, noch in dieser Minute. Und er ging. Unmittelbar vor der Korridorthüre lief ihm das Mädchen mit den duftenden Speisen in die Hände, die ihm zugedacht waren. „Nanu," rief die Kleine aus, „ich denke, Sie haben einen Mordshunger?" Und dabei lächelte sie ihm so vertraulich zu, als sei sie dem jungen Herrn mehr denn eine Dienerin in seines Vaters Haus. Kurt schwankte einen Augenblick. Doppelt quälte ihn in diesem Augenblick das durch die Aufregungen noch gesteigerte Hungergefühl, da ihm der verlockende Duft entgegcnströmte. Aber er besann sich doch auf seine Ehre, ließ das verdutzt dreinschauende Mädchen stehen und verließ erhobenen Hauptes des Vaters Haus. Wenige Stunden vorher war Kurt mit den Gefühlen eine Triumphators durch die Potsdamerstraße gewandert. Ein ähnliches Triumphgefühl schwellte auch jetzt seine Brust. Er kam sich wie ein Märtyrer vor, der für seine Ideen, seine Ueberzeugung dulden mußte. Er war so zufrieden mit sich selber, daß er im Ernste vermeinte, über seinen eigenen Vater gesiegt zu haben, und anstatt die Zweifel festzuhälten, die vorhin bei den Worten des Vaters in seiner Brust aufgestiegen waren, uno die heikle Judenfrage zum Gegenstand erneuten, ernsten Nachdenkens zu machen, wappnete er sich weiter mit der Macht der Phrase und des Schlazworts, mit dem er jeden Ginwand abwehren zu können glaubte. Ueberhaupt war die ganze Sache einfach lächerlich! Er hatte es gar nicht so fürchterlich ernst gemeint, wie eS sich machte. Er war doch nur der festen Tradition gefolgt, der unabänderlichen Richtung, welche der „Verein deutscher Studenten" eingeschlagen. Als man ihm die Ehre der Festrede übertragen hatte, war er keinen Mpment zweifelhaft gewesen, welchen ^Inhalt er ihr geben würde. Er

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