Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 26 (31.3.1898)
- Date
- 1898-03-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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489 Uersonakien. Berlin, 19. März. In der Nacht zum letzten Mittwoch verstarb in Messingwerk bei Ebersmolde im kräftigsten ManneSalter von 65 Jahren Herr Gotthard Calvary, Mitarbeiter der Firma Aron Hirsch und Sohn, welche das dortige Werk betreibt. L-anft und milde, wie sein Leben, war auch der Hingang des verewigten, dem der Tod unerwartet rasch nahte, nachdem er noch wenige Minuten vorher im traulichen Gespräch mit den Scinigen verweilte. Ein wackerer, glaubensstarker Jehudi, ein unermüdlicher Fürsprecher und Wohlthäter der Armen und Bedrückten, ein Muster anspruchsloser Pflichttreue, ein unelmüdlich sorgender, liebevoller Gatte und Bater, ein treuer Freund seiner Freunde ist mit dem Verstorbenen ins Grab gestiegen. Tic Beerdigung fand heute hier selbst auf dem Friedhose der Israelitischen Synagogen-Gemeinde (Adaß Jitzroel), wohin die Leiche überführt worden war, unter großer Betheiligung statt. Vor der Ueberführung hatte im Trauerhause Herr Gustav Hirsch, der Ehes des dortigen Werkes dem treuen Freunde und vieljäbrigen Mitarbeiter wehmuthsvolle Worte des Dankes und Nachrufes gewidmet und die trauernden Hinterbliebenen in eindrucksvollen Worten ermahnt das Andenken des Dahingegangenen durch nacheifcrnde That hochzuhalten und zu ehren. In dem Zuge, der sich dann unter Vorantritt sämmtlicher Arbeiter des Werkes formirte, war auch der Ortspastor erschienen, den oft genug die Ausübung von Thaten der Menschenliebe mit dem Verstorbenen zusammengeführt hatte. Auf dem Friedhofe zeichnete der Schwager des Dahingegangenen, Herr Prediger Dr. M Hildesheimer in schmerzdurchbebten Worten dessen Lebensbild, wie es, trotz des unscheinbaren Rahmens, in welchem es sich abgespielt, doch durch seine harmonische Abgeschlossenheit Bewunderung wecken müsse und zur Nachahmung ansporne. Das Andenken Gotthard Ealvary's t>"T wird als ein Musterbild reinen, edlen Mmschjisroelsthums in dem Gedächtnisse Aller, die im Leben ihm nahcstanden, fortleben. Feuilleton. Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von 9) H Arnold Mann. ~~ (Nachdruck verboten.) Es schien ein Wunder geschehen zu sein. Der Tropfen Waffer, mit dem Pastor Schmittlein — er war feierlich im Talar gewesen — die Stirn Julius Hohenthals benetzt hatte, eröffnete dem Täufling ein neues Leben. Onkel Sleinharv hatte Recht gehabt. Der Candidat machte Carriöre und es dauerte nicht lange — er war gerade 30 Jahre alt, — so war Julius Hohenthal Amtsrichter. Uebrigens hatte er einen ungeheuren Fleiß entfaltet und bei seinen vorzüglichen Anlagen und Fähigkeiten war ihm alles leicht von Statten gegangen. Er hatte das preußische Staatsexamen gemacht, und die erste Stätte seiner richterlichen Thätigkeit war ein freundliches Städtchen in Mitteldeutschland. Niemand hatte eine Ahnung davon, daß der hübsche junge Amtsrichter Jude war, sein Aeußeres verrieth es so wenig, wie sein Name. Hohenthal entfaltete eine ersprießliche Thätigkeit, arbeitete auch wissenschaftlich und zog schließlich die Aufmerksamkeit der Vorgesetzten Behörde in einem höheren Grade auf sich. Auch rein persönlich fand Julius in denr Honoratiorenarmen und infolge der vielen Fabriken arbeiterreichen Städtchen vielen Anklang. Die Damenwelt war entzückt von seinem schmucken Aeußeren, seiner geistreichen Unterhaltung und seinem organisatorischen Geschick, welches sich bei den winterlichen Veranstaltungen des Casino auf das Glänzendste b> währte. Wie manches junge Herz schmachtete in stillen Stunden nach dem ledigen Amtsrichter hin, wie manche sorgenvolle Mutter wünschte ihn sich zum Schwiegersohn'. In der That nahrn^ sich Julius Hohenthal auch seine Frau aus dem Städtchen, und da es eben nur eine sein konnte, so hatte er damit manche kaum erblühte Hoffnung unbarmherzig geknickt. Die Glückliche war Clara Weick, Tochter des steinreichen Fabrikanten Johannes Weick, der in seiner Maschinenfabrik über 500 Arbeiter beschäftigte. Julius hatte das stille Mädchen lieb gewonnen und um ihre Hand angehalten, die ihm natürlich freudig gewährt wurde. Es war ein frommes, christliches Haus, in welches Julius da gekommen war. Gerade dieser Umstand hatte ihn gereizt. Er fühlte eine Art Bedürfniß, das Rekenntniß, zu dem er übergetreten war, nun auch in seinen treuesten Vertretern kennen zu lernen. Er hielt dies für einen konsequenten Schritt, den er seinem Gewiffen schuldig zu sein glaubte. Schwere Stunden bereitete ihm nur seine Abstammung. Lange ging er mit sich zu Rathe, ob er offen auftreten und seiner Braut alles gestehen solle. Er hielt es für eine Art Betrug, wenn er schwieg, und andererseits fürchtete er, wenn er offen sprach, sein Glück zu verscherzen. Ec kam schließlich zu dem Resultat, einen Mittelweg einzuschlagen, und sich nur seinem Schwiegervater anzuvertrauen. Der alte Herr nahm Julius Mittheilung, daß er von jüdischen Eltern herstamme, ohne jedes Staunen auf. Ja, nachdem er die beglaubigten Zeugnisie seines Uebertritts gesehen hatte, sah er sogar einen gewiffen Stolz darin, gerade einen solchen Schwiegersohn an sein Haus fesseln zu können, und er dankte Gott ln seinem Innern dafür, daß er ihm Gelegenheit gebe, einen Juden, der sich zum christlichen Glauben bekehrt, immer fester und tiefer an das Christenthum zu ketten. Aus solchen Erwägungen heraus ließ sich Weick sogar von Hohenthal dazu bestimmen, der Tochter gegenüber peinliches Stillschweigen zu bewahren. Er war es denn auck, der den fungirenden Standesbeamten bei der Civiltrauung darauf hinwies, daß die jüdische Abstammung des Bräuti-