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Der Israelit · 1898-03-28 · Heft 25 (28.3.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 25 (28.3.1898)
Date
1898-03-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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473 Feuilleton. Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von 8m Arnold Mann, m (Nachdruck verboten.) Schlesinger gerieth in Folge der Hartnäckigkeit, mit welcher der Freund bei seinem Entschlüsse blieb, allmählig in eine trübe, fast verzweifelte Stimmung, in der ihm alle Lust zum Arbeiten verloren ging. Er bedauerte den Freund auf's Tiefste und sagte sich in seinem Innern schon fast ganz von ihm los. Verachten konnte er ihn nicht, da er wohl wußte, daß an der ganzen Sache nur der Onkel in Dürkheim schuld sei; ohne ihn hätte sich Julius nie zu einem solchen Entschlüsse bringen lassen; seine Erziehung, seine Ueberredung hatte das ganze Unglück zustande gebracht. So war allmählig der Tag herangekommen, an welchem Julius Hohenthal seinem Genossen mittheilen wollte, daß er sich am Nachmittage zum Pastor Schmidtlein begeben werde, um ihn seinen Entschluß wissen zu lassen und alles Nöthigc zu erfahren und zu verabreden. Es war ein wunderbarer Vorsrühlingstag zu Anfang April. Julius war die zwei Treppen zu Schlesinger's Wohnung in dem Regheimerschen Hause emporgestiegen und holte den Freund zu einem Spaziergange ab. Dann waren sie zusammen am Klingenthor den Berg hinangestiegen, von ihren Studienplänen im bevorstehenden Semester plaudernd; waren sie doch beide der Vorbereitung auf das Doktorexamen zuliebe, während der Ferien in Heidelberg geblieben. Julius' Absichten wurden mit keinem Worte erwähnt. Dieser selbst war in einer cigenthümlichen Stimmung. Er hatte Schlesinger in der ausdrücklichen Absicht ausgesucht, ihm mitzutheilen, was heute noch bevorstand. Aber wie er so im Hinschreiten reden wollte, war ihm die Kehle wie zugeschnürt. Er wußte, welchen Schmerz er dem Freunde bereitete. So lange er nur noch von seiner Absicht mit ihm gesprochen hatte, war er muthig und fest gewesen, jetzt aber, wo der entscheidende Schritt binnen zwei Stunden geschehen sollte, war ihm doch etwas bange. Nicht als ob er im Geringsten wankend geworden wäre, ihm schwebte sein Ziel so lockend vor der Seele, daß er über seinen Glaubenswechsel nicht anders empfand, wie über irgend eine andere gleichgültige Handlung. Aber die fortgesetzten, eifrigen Bemühungen des Freundes hatten ihn gerührt; wie würde der Freund die Nachricht aufnehmen, die ihm jetzt auf den Lippen schwebte? Die Unterhaltung wollte nicht in Fluß kommen. Ueber den beiden Genossen lachte ein heiterblauer Himmel, die junge Sonne strahlte in sanften, zitternden Lichtern durchAdas erste Grün, die Atmosphäre war von jenem balsamischen Dufte erfüllt, der unsere Brust im Frühling in unsäglichen! Wohlgefühl weitet — alles ringsum strebte dem Erblühen entgegen, und mitten durch den leuchtenden Frühling hindurch wanderten die beiden Gefährten stumm und beklommen. Sie achteten nicht der Schönheit um sie her und der Weg war ihnen vertraut genug. Erst als sie oben auf der Molkenkur, am Rande jenes kanwlartigen Vergvorsprunges standen und lange Zeit sinnend hinabgeblickt hatten auf das unvergleichlich schöne landschaftliche Bild, das vor ihren Augen sich hindehnte, erst da sprach Julius schnell, mit rauher Stimme, ohne den Freund anzusehen: „Ich gehe nachher zu Pastor Schmidtlein!" Schlesinger erwiederte zuerst nichts, und Julius dachte, er habe gar nicht gehört. ES dauerte eine ganze Weile, ehe es sich scharf, mit unverkennbarein Spotte von Schlesingers Lippen rang: „Ich wünsche Dir, daß der Handel, den Du nun abschließest, wenigstens ein lohnender sei." Julius war empört über diese Antwort. Als ob er diese Ideen nicht kannte! Wie oft hatte ihn Schlesinger darauf hingewiesen, daß er durch seinen Uebertritt mit den heiligsten Empfindungen den religiösen Schacher treibe. Und wie oft hatte er ihn auf das Widersinnige dieses Einwandcs aufmerksam gemacht, der ja bei ihm schon deßbalb nicht zutrefic, weil er überhaupt keine religiösen Empfindungen kenne. Es war ihm zuwider, das schon so oft Gesagte nochmals zu wiederholen, und er sagte, den Spott des Freundes erwiedernd/ „Durch Neuheit zeichnet sich Dein in diesen Worten liegender Vorwurf auch nicht aus!" Schlesinger empfand, daß er Recht hatte. Er durfte nicht immer dasselbe wiederholen. Und doch, was gab es denn, das er nicht schon vorgebracht batte? Alle Seiten, alle Konsequenzen, alle moralischen und intelektuellen Ergebnisse des unseligen Entschlusses hatte er schon mit eifervoller Beredsamkeit hervorgeholt und es hatte alles nichts genützt. Den Erfolg sah man ja nun. Nur eines hatte er bis jetzt noch nicht versucht, ob aus Zufall oder mit Absicht, war ihm selbst nicht klar. Er hatte den Freund noch nicht an Heimath und Elternhaus erinnert. Jetzt erst, wie er so dastand und der Strömung des Neckars tief unten im Thale mit den Augen folgte, kam ihm plötzlich der Gedanke an die gemeinsame Heimath. Wo der Fluß da unten sich in den großen Rhein ergießt/,daHdehnt sich^cntlang, die bayrische Pfalz, in der das kleine Dorf gelegen. Eine wunderbar weiche Stimmung überkam den

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