Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-03-24 · Heft 24 (24.3.1898) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 24 (24.3.1898)
Date
1898-03-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448881--45697-2496005
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

453 die Chewra-Sudoh sie bringen würde, ich weiß es nicht. Ich für meinen Theil habe hier in meiner lieben und noch immer frommen Gemeinde den Gedanken angeregt, wieder ein Chewra-Mahl zu veranstalten. Der Gedanke kann so übel nicht sein. Die kleinen Judenkinder spielten ehedem ein Spiel, bei dem gekocht und gebacken wurde; sie riefen einander zu: Süde-Müde. Der große Rabbi Mordechai Benet, sein Andenken sei gesegnet, deutete es; Die Sudoh ist Amudoh; d. h. eine Sudoh einer frommen Zwecken gewidmeten Vereinigung ist Aufrechthaltung und Stärkung; er hielt große Stücke auf die Chewra-Sudoh. Und wird wohl gewußt haben, warum. Nikolsburg, am 20. Adar 5658. Rabbiner Feuchtwang. U. BrÜNN, 18. März. (Das Märchen vom Ritualmord.) Vorgestern herrschte in der Neugasie große Aufregung. Sämmtliche Grünzeughändlerinnen, Hausmeister und Dienstboten erzählten mit Grauen und Schaudern, daß einem Handwerker in Sebrowitz von B.rünner Juden ein vierjähriger Knabe gestohlen worden sei, weil jetzt Ostern herannahe, wo die Juden Christenblur brauchen, um sich damit zu waschen. Ob das arme Kind schon geschlachtet worden sei, oder ob dies erst vor den Feiertagen geschehen werde, das wußten sie nicht genau anzugeben. So unglaublich es ist, das Gerücht von dem „Ritualmorde" fand gläubige Ohren und zwar sogar bei Leuten, die anderen Kreisen als jene der Grünzeughändlerinnen, Dienstboten und Hausmeister angehören. Das Gerücht entstand auf folgende Weife: Am letzten Sonntag kamen ein Herr und eine Dame auf einem Spaziergange durch Sebrowitz, wo sie vor einem Häuschen einen bildhübschen, etwa vierjährigen Knaben, ein Söhnchen des Webers Josef Hermann, spielen sahen. Sie ließen den Vater des Knaben herausrufen und ersuchten ihn um die Erlaubniß, oen Knaben phoiographiren zu dürfen. Der Vater hatte nichts dagegen einzuwenden, und der Herr, welcher einen photographischen Apparat bei sich hatte, machte eine photographische Ausnahme. Tags darauf kam die Dame wieder nach Sebrowitz, sagte dem Weber, daß sie Malerin sei und fragte ihn, ob er nicht gestatten wolle, daß ihr der Knabe zu einem Bilde sitze. Auch dies gab der Vater gerne zu und am Dienstag früh wurde der Knabe von einem Dienstboten abgeholt. Als Adresse der Malerin war die Wohnung eines Profeffors in der Neugaffe angegeben worden. Als der Knabe bis vorgestern nicht zurückgebracht worden war, begab sich der besorgte Vater nach Brünn, um hier nach dem Verbleib des Kindes zu forschen. Den Namen des Profeffors hatte er vergeffen, aber die Wohnung, Neugaffe Nr. 25, glaubte er sich gemerkt zu haben. Er ging also in dieses Haus, wo er jedoch erfuhr, daß daselbst kein Professor wohne. Nun erzählte er, aufs höchste besorgt, einer Grünzeughändlerin, die vor dem Hause ihren Stand hat, die Geschichte, und sofort versammelten sich Dienstboten und Hausmeisterinnen, welche einstimmig der Ueberzeugung Ausdruck gaben, daß das Kind von Juden herausgelockt wurde. Der bestürzte Vater des Kindes, ein einfacher, schlichter Mann, gerieth darüber förmlich in Verzweiflung und erst, nachdem das „blutige Ereigniß" in der ganzen Neugaffe besprochen wurde, begab er sich, dem Rathe eines Dienstmannes folgend, in die Polizeiwachtstube in der Neugaffe, wo er die Anzeige erstattete. Nun folgte bald die Aufklärung. Hermann hatte sich die angegebene Adresse nicht genau gemerkt, der betreffende Professor wohnt nicht Neugaffe Nr. 25, aber in der Nähe dieses Hauses, was seitens der Polizei rasch festgestellt wurde. Der besorgte Vater begab sich nun dahin, und als er in den Salon des Profeffors trat, sah er sein Söhnchen, hübsch gekleidet, mit Spielzeug beschäftigt, auf einem Fauteuil sitzen, während die Gattin des Profeffors eben damit beschäftigt war, die Züge des Knaben mit dem Pinsel auf der Leinwand festzuhalten. Der Knabe lief dem Vater entgegen und erzählte ihm, wie gut er e» hier habe. Die Profefforsgattin beruhigte den besorgten Vater, indem sie ihn darüber aufklärte, daß ein Oelbild nicht in einem Tage fertiggestellt sein könne, weßhalb ste sich das „Modell" schon noch für einige Tage ausbitten müffe. Es war auch so gemeint gewesen, nur hatte es der schlichte Weber, welcher glaubte, es handle sich nur um eine photographische Aufnahme, anders verstanden. Bei einem Gläschen Wein wurde nun herzlich über das Mißverftändniß gelacht und beruhigt wanderte der Vater am Abend wieder nach Sebrowitz. Aber in der Neugaffe wurde gestern noch von dem „Ritualmord" erzählt. Der Vollständigkeit halber sei noch hinzugefügt, daß der Professor und seine Gattin Arier sind. — Aus diesem kleinen Geschichtchen geht wieder deutlich hervor, wie groß der Aberglaube trotz aller Aufklärnng noch in den niederen Schichten der Bevölkerung ist. Sprechsaal. Berlin, 18. März. Sehr geehrter Herr Redakteur! Im Sprechsaal der Nr. 21 Ihres gesch. Blattes findet sich ein vom Vorsitzenden der „Vereinigung jüdischer Studenten", Max Jungmann, Unterzeichneter Artikel, in welchem meiner in beleidigender Absicht Erwähnung gethan wird. Nicht die meiner Person geltende Beleidigung veranlaßt mich zu einer Erwiderung, sondern der Umstand, daß der betreffende Artikel Behauptungen enthält, welche der thatsächlichen Berichtigung bedürfen. Pas Flugblatt der „Vereinigung jüdischer Studenten"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.