Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1898)
- Date
- 1898-03-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXIX. Jahrgmrg. Imeite Beilage zu M 22 -es „Israelit". Feuilleton. Aüdifphes »LS dkl, dlMschrv KdiMirn MufliKüS*) Der Unterschied in der Lebensweise, welche die Juden in den kleineren und mittleren Städten des Transvaals, mit jener welche die überwiegende Mehrheit in Johannisburg und allen Orten des britischen Südafrika führen, ist sehr groß. In den ersten tritt das Altpatriarchalische der Lebensführung in die Erscheinung, es zeigen sich die besten Charaktereigenschaften der Juden: Familiensinn und Wohlthätigkeitspflege in vollstem Lichte. Wenn auch die Synagogen und Bethäuser in Misteleburg, Lydenburg, Barbertow und Marabaftaw nicht so prunkvoll gebaut sind, wie ihre Rivalen in den südlichen Bezirken, so sind sie desto gefüllter mit einer andächtigen Menge an den Sabbaten und Festtagen, während sich in den Synagogen von Johannesburg, Kapstadt, Wurhau und Pietermaritzburg häufig eine auffallende Leere bemerkbar macht und zudem die Gläubigen geringe Andacht bekunden. In Kapstadt ist der Jndifferentismus unter sehr vielen Juden bedenklich fortgeschritten und hörte ich wiederholt von jüdischen Aerzten und Rechtsanwälten die Behauptung, sie besäßen überhaupt keine Kenntnisie der Gotteslehre, sie hielten sie ebenso wie die christliche für eine erdichtete Fabel. Alle diese Herren sind Freimaurer und suchen in den humanistischen Anschauungen des Ordens einen Ersatz für das verlorene Gut des Glaubens. Er unterliegt keinem Zweifel, daß die Juden, welche in Südafrika in eine schottische, englische oder amerikanische Loge eintreten, dem Glauben ihrer Väter verloren sind, der Skepsis schlimmster Art zum Opfer fallen. Das Grundübel besteht nun darin, daß die Eltern nicht genügend für den Unterricht der Jugend sorgen, diese inmitten von Mitschülern auswachsen und erziehen lasien, die, selbst ungläubig, sich Scherze und Verunglimpfungen der jüdischen Religion zu Schulden kommen lasten. Schließlich betrachten die Heranwachsenden Knaben und Mädchen ihre israelitische Abstammung als einen schweren Mangel, den man vertuschen oder wenigstens beschönigen muß. In dieser Weise entsteht die widerwärtige, verachtungswürdige Sippe der jüdischen Antisemiten. In Südafrika, d. h. in den britischen Kolonien, ist diese Erscheinung keine vereinzelte, obschon der Engländer selbst alle antisemitischen Bewegungen verpönt. Es bestehen schon seit mehreren Jahrzehnten vortreffliche *) Verfasser ist Nichtjude. Red. jüdische Schulen in den Hauptstädten der Kaplandes und von Natal, deren Unterrichtsplan dem der staatlichen Grammar schools entspricht und die jungen Leute sowohl zur Prüfung für den Staatsdienst, wie für die Universität vorbereitet, aber sie werden nur benutzt von den Mittelklasten, die Plutokratie sendet ihre Söhne in die Simultan-Lehranstalten ooer sogar in die von Jesuiten geleiteten Schulen. Die jüdischen Schulen könnten aus diesem Grunde sich auch nicht erhalten, wenn nicht fromme Stiftungen bedeutende Kapitalien zur Bestreitung der Kosten darböten. Vor zehn Jahren vermachte z. B. F. Samuelson in Stellenbosch dem Schulfonds in Kapstadt 400,000 Mark. In Heidelberg im Transvaal besteht schon seit 20 Jahren, als der Ort schon als Luftkurort für Lungenkranke weltberühmt war, ein sechsklassiges Pensionat für Israeliten, das in Bezug auf Einrichtung, Ausstattung mit Lehrmitteln und auf vorzügliche Lehrkräfte in Südafrika unerreicht dafteht. Trotzdem sind nur die Freistätten von Juden der britischen Kolonien besetzt, alle übrigen zahlenden Schüler stammen aus Transvaal. Herr I. Goldmann, mit dem ich diese bedauerliche Erscheinung besprach, meinte, man müsse sich in gewister Beziehung darüber freuen, denn nun würden ihre Kinder doch nicht wie jene des Kaplandes durch Jrreligiösität verseucht. Derselbe Herr behauptete damals auch, daß in den nichtjüdischen Volksschulen der britischen Kolonien eine laxe Austastung von ihrem Amte und den Pflichten unter den Lehrern bestünde. Das Familienleben der Juden ist aber in ganz Südafrika ein glückliches, tadelloses, während unter der christlichen Bevölkerung ganz bedenkliche Verirrungen einreißen, vor allem unter den Damen der Gesellschaft, wie unter den Arbeiterfrauen das Laster der Trunksucht stark um sich greift. Der Fluch Südafrikas ist der unglaubliche Konsum von Branntwein, der stehend an der Bar des Klubs oder des Restaurants in großen Gläsern die Kehle hinabgeftürzt wird. Dieser Unsitte ist auch der französische Jude nicht verfallen; während eines langen Aufenthaltes im Lande habe ich niemals einen Juden beobachtet, der betrunken gewesen wäre. Will man sich ein Vergnügen bereiten, so geschieht es in der Familie oder sim Kreise befreundeter Familien. Mitglieder der Klubs sind der Landesgewohnheit gemäß auch die Juden,, aber sie besuchen die Lokalitäten blos zum Lesen, zur Konversation und leider auch zu oft hohem Kartenspiele. Der Wohlthätigkeitssinn unter den Juden ist ebenso, wie die Familienliebe nicht auf den Transvaal-Freistaat beschränkt, äußert sich vor Allem in