Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1898)
- Date
- 1898-03-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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860 Stätten giebt, wo man Thorakenntniß zu schätzen und zu ehren weiß, daß es in unserer Zeit aufrichtige, begeisterte Dankbarkeit giebt für Männer, die ihre ganze Kraft einsetzen für die Erhaltung des wahren unverfälschten Judenthums. Wir haben es in unserem Berichte über das weihevolle Präludium der Halberstädter Feste, die Uebergabe der Ehrengeschenke, schon ausgesprochen, daß wir uns vor Allem darüber innig freuen, daß diese festlichen Veranstaltungen ein Spiegelbilv sind, der mim -nm die einer altehrwürdigen jüdischen Gemeinde sich bis zu unseren Tagen unverletzt erhalten hat. In gedrängter Kürze nur wird es uns möglich sein über den Verlauf des eigentlichen Festes, über seine zahlreichen Akte, die tiefdurchdachten, belehrenden und begeisternden Reden, über die unvergeßlichen Eindrücke zu berichten. Am Freitag Abend war die mit Pflanzen und Guirlanden geschmückte, imposante Synagoge lange vor Beginn des Gottesdienstes in allen ihren Theilen von äner festlichen Menge erfüllt. Am Platze des Rabbiners befand sich eine geschmackvolle Blumenkrone und die Inschrift miTi *m In den vier ersten Reihen standen die Ehrengäste. Wir bemerkten die Dozenten des Rabbiner - Seminers, Profeflor Barth und Dr. Hirsch Hildesheimer aus Berlin, die Herren Rabbiner DDr. Horovitz—Frankfurt a. M., David—Düsseldorf, P. Kohn—Anspach, Lange —Marburg (Westfalen), Petuchowsky und Biberfeld—Berlin, die Mitglieder des Curatoriums des Berliner Rabbiner-Seminars Gustav H i r s ch—Eberswalde, Hermann Gompertz —Hamburg, Signrund Fränkel —München, die durch ihre unverdrossene Thätigkeit für die Schomer-Schabbos-Vereine bekannten Gebrüder Kober aus Breslau und viele Andere. Aller Augen richteten sich nach dem Eingänge, als die beiden ersten Vorsteher, die Herren Benjamin Hirsch und Louis Meyer mit zwei Thorarollen dem Gemeinderabbiner entgegengingen, welcher das ihm am Morgen geschenkte Sefer-Thora zur Einweihung in die Synagoge brachte. Beim Einheben trug der stattliche Synagogenchor, unter Leitung des Herrn Lehrer Blach, in mustergiliiger Weise die zweite Hälfte desPsalm 24 (cw mv>) vor. Nach dem Minchagebete hielt der erste Vorsteber Herr Benjamin Hirsch eine tiefempfundene, längere Ansprache an denJubilar,welcher der Gesang des Psalms 150 folgte. Die gesanglichen Leistungen des Vorbeters Herrn Senior und des Chors bei dem nun folgenden regelmäßigen Gottesdienste erregten die Bewunderung der Fremden. Die Ehrengäste und die Familie des ersten Vorstehers waren Abends zum Jubilar geladen. Dieses erste Festmahl wurde durch ernste und launige Reden gewürzt und wurde bei demselben ein großer Theil der schon jetzt eingelaufenen Telegramme aus Nah und Fern verlesen. Am Samstag Morgen wurden die rnbp und rm» den Ehrengästen überlassen, nur zu ivr D, die aus dem neuen Sefer verlesen wurde, rief man den Jubilar, der dann die Haphtora vorlas. Herr Rabbiner Dr. Horovitz—Frankfurt a. M. betrat nach dem Einheben der Thorarollen die Kanzel, um in einer ergreifenden Rede die Verdienste des Jubilars'-und dessen großen Vaters bw, um die Gemeinde Halberstadt und das Gesammtjudenthum zu schildern. Von dem Gedanken ausgehend, daß jeder wahre Jehudi ein Abbild des ^'n, des Heiligthums sein soll, pries unter dem Bilde der heiligen Geräthe der Stiftshütte der Redner die manigfachen Tugenden und Verdienste des Jubilars. Der goldene Tisch ward ihm zum Bilde des Familienlebens, das umfassende Wohlthun und die Menschenfreundlichkeit erinnert an den Altar des Räucherwerks, wie der siebenarmige Leuchter aus einem Stücke lauteren Goldes gehämmert war, so habe es Dr. Selig Auerbach verstanden, seinen Kindern die eigene Gesinnungstüchtigkeit und Glaubenstreue einzuprägen, so daß er mit seinen sechs Söhnen siebenfach das Licht der Thora erstrahlen lasse. Die Schriftftelle, wo es von den Cherubim, welche über die Bundeslade die Fittige ausbreiten, heißt ytik bx rnn Brrow „und ihr Antlitz war zugewandt einer dem Anderen", verstand der Redner mit Benutzung der talmudischen Erklärung 'mm vn ntsn 'BKi zu einem wundervollen Bilde der Wechselwirkung des früheren und jetzigen Halberftädter Rabbiners auszugestalten, wie der alte und junge Schirmer des Gottesgesetzes, wie Vater und Sohn lehrend und lernend das Antlitz einander hingebungsvoll zugeneigt, vor unserem geistigen Auge stehen. Der Schluß dieser Rede war besonders wirkungsvoll. Auf den stürmischen Wogen der Zeit schwimme ruhig eine Arche dahin, in welche hinein man wahre Gottesfurcht gerettet habe. Diese Arche sei die Gemeinde Halberstadt, deren Gesetzes- und Glaubenstreue alle Stürme des Jahrhunderts nichts anhaben konnten. Der v'vri in dieser Arche sei der Rabbiner dieser heiligen Gemeinde, der erwartungsvoll ausschaue, bis die Taube mit dem Oelblatte wiederkehre und berichte, daß auch draußen wieder der wahre Friede herrsche, der darin bestehe, daß das Gesammtjudenthum und die ganze Menschheit sich in einmüthigem Gehorsam dem hehren Gotteswillen beuge. An die deutsche Rede schloß sich dann ein Gebet in hebräischer Sprache. Nach Herrn Dr. Horovitz bestieg der Jubilar selbst die Kanzel zu einer längeren Rede. Erwartungsvoll lauschte die Gemeinde den gewohnten Worten ihres Lehrers an seinem Ehrentage. Anknüpfend an die Predigt, mit welcher er vor 25 Jahren sein Amt angetreten hatte, sprach er mit freudigem Stolze es aus, daß er Vieles von dem, was er sich damals vorgenommen, in schönster Weise hätte ausführen können. Nicht er sei darob zu feiern, sondern die Gemeindemitglieder