Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1898)
- Date
- 1898-03-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Leilage;u M 19 des Jtornüf*. Leitender Artikel. Das Verbrechen Ham.rn's. Von Lehrer B. Wolff—Aurich. Wenn das heilere Purimfest Einkehr hält, ziehen die Gläubigen und Frommen in die Synagogen und Bethäuser, um dem Vortrage über die Wunderthaten andächtig zu lauschen, die der Hüter Israels in jenen Tagen, um diese Zeit seinem Volke erwiesen. Wie ein „Halle!" durchdringt es die Herzen der Männer und der Frauen unseres Volkes, wenn die wunderbaren Begebenheiten, wie sie in der Megillo verzeichnet sind, vor dem geistigen Auge der Hörer von neuem sich entwickeln. Obwohl das Buch Esther den eigentlichen Erzählerton nirgends verläßt, und Gefühlsäußerungen ganz in den Hintergrund gedrängt sind, so werden doch beim Vorlesen die Herzen von den Fügungen, über welchen gleichsam die mit Absicht nichtgenannte allerhöchste Macht schwebt, stets tief ergriffen und zu eblec Begeisterung entfacht. Die einfache Sprache dieses Buches, hinter welcher sich für den denkenden Leser Weisheit, Lebensklugheit und Rücksicht birgt, läßt es uns schon begreiflich finden, warum unsere Weisen sagen: mctu cnpn m nncx. Hier ist jedes Wort weislich abgewogen, jedes Zeichen mit Bedacht und Peinlichkeit niedergeschrieben worden. Die frommen Verfasser waren nämlich durch Rücksichten auf die Person und die Religion des persischen Herrschers und die Umgebung, in welcher sie lebten, in der Darftellungsweise der geschichtlichen Thatsachen so beengt und zu solcher Reserve gezwungen, daß uns gar manches in dem Buche oberflächlich betrachtet, befremdet und räthselhaft erscheint; und doch haben Mordechai und Esther ihr Epos ohne logischen und sachlichen Fehler zu Ende geführt und jede Klippe, an der sie hätten straucheln können, sorgsam umschifft. Das ist denn auch der Grund, weßhalb uns beim ersten Blick die Charakterzeichnung des Königs Achaschwerosch so besonders auffällig — um nicht zu sagen verworren — erscheint. Nach der Meinung unserer Weisen hatte dieser es verstanden, aus einer untergeordneten Stellung zum Könige eines unermeßlichen Reiches sich emporzuschwingen. *) Da ist es doch wohl nicht anzunehmey^h.aß-dieser Machthaber ein Schwachkopf und ein Mann ohne Lebensgrunvsätze gewesen. Als sol¬ *) Trakt. Meg. 12, b. cher aber will er uns erscheinen, wenn wir uns die hochdramatische Scene der Entlarvung Haman'S durch die Königin (Esther 7, 3 ff.) vor Augen führen. Mit bewegten Worten trägt diese ihre Bitte um Gewährung einer ausreichenden Schutzes für ihr Leben und das ihres bedrängten Volkes dem Könige vor. „Wir sind verkauft worden, ich und mein Volk, vernichtet, zu Grunde gerichtet und im Begriffe aller Rechte verlustig zu werden — wären wir noch zu Knechten und Mägden verkauft worden, so hätte ich schweigen müssen — denn der Feind ist nicht imstande den Schaden de» Königs zu ersetzen." Da schwillt die Zornesader auf der Stirn des Königs, uno keuchend fragt er: „Wer ist der Nichtswürdige, und wo ist er?" Al» Esther gar den Namen des dabeistehenden Haman nennt, da ist es vollends um die Ruhe des Achaschwerosch geschehen: im glühenden Zorne verläßt er den Speisesaal. — Welche» war denn die Veran« lassung, so muß man mit Recht fragen, die den König so ausbrausen läßt und ihn mit so maßlosem, ungekünstelten Zorne erfüllt? Achaschwerosch mußte doch selbst noch genau wissen, daß er es gewesen, der ge« meinsarn m't seinem Minister den Stab über die Juden gebrochen. Wußte er denn nichts mehr von dem erst vor wenigen Tagen erlassenen Vernichtungsbefehl, der ja ein Akt kühler Ueberlegung gewesen? Warum gar der haßerfüllte Gemüthsausbruch, als ihm der Name des Judenfeindes genannt wird? Wir hätten naturgemäß erwarten müssen, daß gerade die Nennung dieses Namens den König beruhigt haben würde, weil dieser seine Mitwissenschaft, um den Plan und die Billigung desselben, nicht in Abrede stellen konnte; ja wir hätten viel eher erwarten müssen, daß der König für die hochherzigen Bemühungen der Königin höchstens ein mitleidiges Achselzucken gezeigt haben würde. Und Haman? Er, der allezeit Stolze und Hoffährtige, der mit erschreckender Dreistigkeit sich dem Throne stets genaht, warum ist er mit einem Male wie vernichtet? Warum durste er von dem ihm sonst so wohlgeneigten Könige keine Schonung mehr erhoffen, daß er sich entschließt, kniefällig bei Esther um Gnade zu betteln? Alle diese Fragen dürften nur in dem Umstande ihre Lösung finden, daß man aus der Schrift beweist, Haman sei in jener entscheidenden Stunde eine»Majestät»verbrechen» überführt worden. Dieses war auch in der That der Fall; es hatte sich nämlich auf unzweideutige Weise durch das Ihatkräftige Eingreifen der Königin herausgestellt, daß der König von seinem Kanzler in der allerschändlichsten Weise-dupirt worden war. Wenn nun aber auch dieses so hochwichtige